Südafrika 2010

Was wird aus den kleinen WM-Stars – und aus Diego?

Der Neuseeländer Andy Barron war der einzige Amateur in Südafrika. Er spielte 90 Sekunden gegen Italien. Was aus ihm und anderen WM-Stars wurde.

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Natürlich kennt er das Zitat von Andy Warhol. „In Zukunft wird jeder für 15 Minuten berühmt sein“, hatte Warhol einst gesagt, als er über die Vergänglichkeit von Ruhm plauderte. „Genau genommen waren es bei mir ja höchstens zwei Minuten“, sagt Andy Barron. Jene Minuten allerdings wirken immer noch nach. So sehr sogar, dass selbst ausländische Medien jüngst das Karriereende des neuseeländischen Fußballers vermeldeten.

Barron, 29, war der einzige Amateur bei der Weltmeisterschaft in Südafrika und brachte es deshalb zu internationalem Ruhm. „Ich hätte nie gedacht, dass das solche Kreise zieht. Ich hatte doch nur einen Einsatz und wurde nur in der Nachspielzeit eingewechselt.“ 20. Juni, 2. Vorrundenspiel in der Gruppe F, Italien – Neuseeland. Es steht 1:1, die ersten zwei Minuten der Nachspielzeit sind bereits vorbei, dann darf der Mann mit der Nummer 13 aufs Feld. Vier Minuten gibt der Schiedsrichter insgesamt obendrauf, am Ende hat Neuseeland den zweiten WM-Punkt des Turniers und Barron die Geschichte seines Fußballerlebens zu erzählen. Von der dröhnenden Atmosphäre in Nelspruit etwa oder wie er nach seinem 90-Sekunden-Einsatz Italiens Weltmeister Gianluca Zambrotta vom AC Mailand um das Trikot bat. „Ein super Spieler“, sagt Barron, obwohl er eigentlich eher dem englischen Fußball und Machester United zugetan ist. Aber ein Shirt von einem Weltmeister, „wer hat das schon zu Hause?“, sagte er. „Ich habe nicht gewusst, ob er Englisch spricht.“ Also habe er nur gesagt. „Dein Trikot, das wäre cool!“ Zambrotta verstand, mittlerweile hängt es bei Barron an der Wand.

Schon im Vorfeld der WM wurden ausländische Kamerateams bei ihm vorstellig. Sie drehten Geschichten, die alle den Tenor des Exotischen hatten. Er, der Amateur unter den Millionären, der noch einem Beruf nachgeht. Und nach dem 1:1 gegen Italien jammerten sie im Land des entthronten Weltmeisters: „Jetzt können wir nicht mal mehr gegen Spieler gewinnen, die ihr Geld gar nicht auf dem Fußballplatz verdienen.“

Barron ist Investmentbanker in Neuseelands Hauptstadt Wellington. Er verwaltet Wertpapiere in stattlicher Höhe. Sechs Wochen Urlaub hatte ihm seine Bank für die WM gewährt. „Für den Fußball habe ich meinen Jahresurlaub genommen“, sagt er. Und selbst in Südafrika, wenn Zeit war zwischen Übungseinheiten und Spielen, hat er mit seinen Kunden telefoniert.

„Ich weiß, dass das ungewöhnlich klingt. Bei uns sind Fußballer keine großen Stars. Aber ich hoffe, dass die WM etwas bewirken wird“, sagt Barron. Immerhin war Neuseeland die einzige Mannschaft, die das Turnier ohne Niederlange beendete. Drei Unentschieden reichten zwar nicht zum Einzug in die K.o.-Runde, „aber vielleicht erlebt Fußball bei uns nun einen Boom“. Als Barron jüngst das Ende seiner Laufbahn verkündete, versuchten sie ihn umzustimmen. Da gibt es kein Zurück, sagt er. Er sei es seiner Familie und seinem Arbeitgeber schuldig, „die haben immer Rücksicht auf mich genommen.“ Barron ist jetzt Vollzeitbanker. Dass sein Ruhm vergänglich ist, daran zweifelt er ohnehin nicht.

Fußballschuhe fürs Museum: Siphiwe Tshabalala (Südafrika)

Ein ganz gewöhnliches Paar Stollenschuhe soll in Südafrika zum „historischen Monument“ werden. Das erste Tor der ersten WM auf afrikanischem Boden brachte dem Südafrikaner Siphiwe Tshabalala neben unglaublicher Begeisterung auch weltweite Bekanntheit und eine besondere Stellung ein. „Tshabalala weiß, dass diese Stiefel wegen ihrer historischen Symbolträchtigkeit nicht ihm gehören“, sagt Leslie Sedibe, Chef des südafrikanischen Fußballverbands Safa, der die Treter in dessen Hauptquartier in Johannesburg ausstellen wird. „Schließlich repräsentieren diese Schuhe Hoffnung.“

Nachdem der Linksaußen den Ball aus spitzem Winkel an Mexikos Torwart Óscar Pérez befördert hatte, reihte er seine Mannschaftskollegen auf und vollführte mit ihnen einen einstudierten Freudentanz – Fußballfans aus aller Welt haben die emotionale Szene vom 11. Juni gut in Erinnerung und Tshabalala seither nicht vergessen.

Auch wenn das geschichtsträchtige Tor im Eröffnungsspiel sein einziges bei der WM bleiben sollte, brachte es ihm auch Interesse von europäischen Klubs ein. Tshabalala selbst spricht von Angeboten aus Griechenland, Holland, Frankreich und England. Tatsächlich zeigt Europa-League-Teilnehmer Steaua Bukarest Interesse, und der türkische Erstligist Sivasspor soll 520.000 Euro Ablöse geboten haben. Lächerlich, sagt Bobby Motaung, Manager von Tshabalalas Klub Kaizer Chiefs, und schob hinterher, zwei Millionen sollten es dann schon sein. So viel ist wohl niemand bereit, für Tshabalala zu zahlen. Und so ist es möglich, dass „Shabba“ sogar bei den „Amakhosi“, so wird sein Team von den Zulus genannt, bleibt. Für den in den Townships Sowetos aufgewachsenen 25-Jährigen wäre das keine Katastrophe. „Selbst wenn in Übersee nichts zustande kommt, wäre ich immer noch glücklich. Mein Job ist es, Fußball zu spielen, und ich habe bisher hart trainiert, um mich für die neue Saison vorzubereiten.“

Ideologische Krisensitzung: Jung-Hun Kim (Nordkorea)

Die Hoffnungen wurden schwer getrübt. Statt Tore und Ruhm für das kommunistische Heimatland erspielte sich Nordkoreas Fußball-Nationalteam in Südafrika Hohn und Spott und blamierte sich gegen Portugal gar mit einem 0:7. Trainer Jung-Hun Kim musste nach seiner Rückkehr direkt zu einer sechsstündigen Krisensitzung zu Sportminister Park Myoung Chul. Die Anschuldigung lautete „Verrat“ und die Folgen für Kim scheinen brutal zu sein.

Die Sitzung am 2. Juli im Arbeiter-Kulturpalast der Hauptstadt Pjöngjang war selbstverständlich nicht öffentlich, und deshalb stammen sämtliche Überlieferungen von einem chinesischen Geschäftsmann, der Verbindungen zu Regierungsbeamten in Nordkorea hat. Er erzählte einem US-Radiosender, Trainer und Mannschaft hätten sich vor einer 400-köpfigen Regierungsdelegation verantworten müssen. „Free Asia“ berichtet auf seiner Webseite, gerade Kim befinde sich als Vaterlandsverräter seit der Fußball-WM in großer Gefahr.

Mit Ausnahme der beiden in Japan geborenen Jung Tae Se (VfL Bochum) und An Yong Hak sei das Team geschlossen anwesend gewesen und habe nach „ideologischer Kritik“ durch andere Sportler Trainer Kim hart kritisieren müssen. Gerüchten zufolge sei Kim daraufhin von der herrschenden Arbeiterpartei ausgeschlossen und sogar zur Baustellenarbeit gezwungen worden. Am Fußballplatz wird man ihn wohl nie wieder sehen.

Geht er, bleibt er, geht er? Diego Maradona (Argentinien)

Es wäre schon eine charmante Sache, Diego Maradona noch mal bei einer WM trainieren zu sehen. In Südafrika hat er anfangs ja das Turnier gerettet, als der Fußball zäh war, die Kälte schier unerträglich und nur seine Küsse an die Spieler und seine zigarrenrauchgeschwängerten Deklarationen an das Volk ein bisschen Grandezza boten. Fortsetzung also erwünscht. Zumal 2014 in Brasilien gespielt wird, dem Land dieses „dunkelhäutigen Typen, der als Zehner spielte“ und „im Museum bleiben soll“ – so hat er in Südafrika, neben seinen vielen anderen Aufgaben, die Freundschaft zu Pelé gepflegt.

Doch leider ist eine Fortsetzung seiner Mission nicht mehr besonders wahrscheinlich, wobei das gar nicht unbedingt daran liegt, dass er einem wichtigen Teil seiner Aufgaben – Taktik oder so ähnlich – nicht so ganz ernst genommen hat. Das heißt, vielleicht liegt es letztlich doch daran. Verbandspräsident Grondona hat zwischen Maradonas 5-0-5-System und dem 0:4 gegen Deutschland einen Zusammenhang gesehen, aber er hielt es für ratsamer, den Volkshelden nicht einfach so zu feuern. Der war schließlich bei seiner Rückkehr nach Buenos Aires trotz des Aus mit großem Tamtam und Akklamation begrüßt worden. Nein, Grondona musste die Sache geschickter erledigen. Also untersagte er, dass Maradona all seine Amigos im Betreuerstab behalten dürfe. Und da von vornherein klar war, dass der diese Bedingung nie akzeptieren würde, trennte man sich dann doch.

Trennte sich irgendwie jedenfalls, denn vor ein paar Tagen hieß es dann wieder, Maradona sei weiterhin ein Kandidat, wenn eine noch einzusetzende Trainerfindungskommission im Oktober (!) ihre Arbeit aufnehmen wird. In diesem undurchsichtigen Gestrüpp von Fristen und Intrigen ist noch so manches zu erwarten. Maradona selbst kann sich durchaus ein Happy End vorstellen, sagt er. Wieso hätte er sonst nach der vermeintlichen Trennung gesagt, Grondona habe ihn „belogen“ und Teammanager Bilardo ihn „verraten“? Diese Äußerungen waren für seine Verhältnisse nun wirklich extrem diplomatisch.

Musik ganz ohne Drama: Asamoah Gyan (Ghana)

„Castro the Destroyer featuring Baby Jet“ – was sich anhört wie die Schlagzeile eines US-amerikanischen Wrestling-Matches ist tatsächlich Asamoah Gyans Premiere in der Musikwelt. Gekleidet im mit massig Bling-Bling besetzten Blazer tritt Ghanas WM-Star im Musikvideo „African Girls“ mit seinem Spitznamen „Baby Jet“ auf und tanzt zu den elektronisch bearbeiteten Afrika-Rhythmen der sogenannten „hiplife music“.

Das alles lässt sich gut verkaufen, dann Gyan ist mittlerweile weit mehr als nur ein exzellenter Fußballer, er vereint Genie und Drama. In die WM-Geschichte geht er als der tragische Held von Südafrika ein. Ghana hätte als erste afrikanischen Mannschaft ein Halbfinale erreichen können, doch Gyan, bis dahin einer der Besten, vergab im Viertelfinale gegen Uruguay Sekunden vor Ende der Verlängerung den Elfmeter zum Sieg. Im Elfmeterschießen schied Ghana dann aus. Es war eine Episode, die den ganzen Kontinent bewegte. Nelson Mandela lud Gyan und die Seinen kurzerhand zum Dinner ein, um Trost zu spenden. Die Fifa bedachte die Leistungen Gyans – immerhin hatte er drei Treffer im Turnier erzielt –, indem sie ihn auf die zehnköpfige Liste zur Wahl des besten WM-Spielers setzte.

Gyan jedenfalls hat mit seinen Auftritten in Südafrika Begehrlichkeiten geweckt, ganz Europa buhlt inzwischen um seine Dienste, auch wenn vieles noch spekulativ ist: Der FC Liverpool soll an ihm interessiert sein, genauso wie Fenerbahce Istanbul und die neureichen Russen von Rubin Kasan. Sein Vertrag beim französischen Erstligisten Stade Rennes läuft noch bis 2012. Wo auch immer er spielen wird, tanzen wird er dort auch außerhalb des Platzes. „Musik“, sagt er, „gehört einfach zu meinem Leben.“

Mitarbeit: Florian Haupt