Zwei Siege, dreimal Zweite – besser hätte die alpine Skisaison für Maria Riesch (26) kaum beginnen können. Das lässt vor der nächsten Weltcup-Station am Samstag in St. Moritz auf weitere Erfolge hoffen.

Morgenpost Online: Vorige Saison hatten Sie am Ende 1516 Weltcuppunkte gesammelt. Nun sind es nach vier von 20 Stationen bereits 514. Frau Riesch, wo soll das bloß noch hinführen?

Maria Riesch (lacht): Es schaut jetzt sehr gut aus. Aber man kann nicht damit rechnen, dass es die ganze Saison so laufen wird. Es wird auch mal ein Tief kommen oder zumindest ein schlechtes Rennen oder eines, in dem ich ausscheide. Aber was ich habe, das kann mir keiner mehr nehmen.

Morgenpost Online: Sie haben gesagt, Sie wollen sich trotz des aktuellen Erfolgs „nicht einlullen lassen“. Scheuen Sie die Schulterklopfer?

Riesch: Meine Aussage war eher auf Lindsey Vonn bezogen. Vorigen Winter war sie so dominant in der Abfahrt, nun habe ich sie zweimal geschlagen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich ihr nun plötzlich überlegen bin. Wenn Lindsey eine fehlerfreie Fahrt hat – das hat man in Lake Louise bei ihrem Sieg im Super-G gesehen –, dann ist es unheimlich schwer, sie zu schlagen. Ich muss jedenfalls weiter voll konzentriert bleiben.

Morgenpost Online: Wie groß ist dennoch die Genugtuung, Vonn am vergangenen Wochenende in ihrer eigenen, fast könnte man sagen: Domäne nicht nur eingeholt, sondern überholt zu haben?

Riesch: Sehr groß, das kann ich zugeben. Es war sehr zermürbend letzte Saison. Obwohl ich oft sehr gute Läufe hatte, verlor ich gerade in Flachstücken viel Zeit, und es hat nur zwei von neun Mal zum Sieg für mich gereicht. Hinzu kam die Diskussion um die Männerski.

Morgenpost Online: Machen die um einige Zentimeter längeren Skier, die Sie inzwischen im Weltcup verwenden, eine Menge aus?

Riesch: Es ist eine ständige Weiterentwicklung und Testerei bei den Skifirmen. Ich glaube, dass ich nun mit dieser Art „Zwischenski“ eine super Lösung für mich gefunden habe. Letzten Winter habe ich die noch längeren Herrenski ja mal ausprobiert – sie haben nicht funktioniert für mich. Den Materialvorteil von damals hat Lindsey nun nicht mehr.

Morgenpost Online: War Vonn angesichts Ihrer beiden Abfahrtssiege erschrocken?

Riesch: Ja, ein bisschen wahrscheinlich schon. Sie hat schon vorher in Interviews gesagt, sie fühle einen Extradruck auf sich, und dass ich ihr sehr nahe komme. Nicht nur, weil es zu Saisonbeginn für mich so gut läuft, sondern auch, weil sie weiß, dass ich im Sommer in Chile gewesen war zum Speedtraining, so wie sie es seit Jahren praktiziert.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass der Rückstand, den Vonn in den technischen Disziplinen offenkundig auf Sie hat, für die Amerikanerin ohne weiteres aufzuholen ist in den nächsten Wochen?

Riesch: Na ja, ich denke, im Slalom hat Lindsey sogar eher einen Schritt nach vorne gemacht. Man darf diesen Saisonanfang nicht überbewerten. Es kann sich noch so viel drehen und verändern. Aber ich sage auch: Gut ist, dass ich in allen Disziplinen super in Form bin, und dass ich vor allem im Super-G wieder aufgeholt habe. Dort habe in den vergangenen Jahren schließlich am meisten Punkte liegen lassen – und wenn man dann, wie ich, zuletzt den Gesamtweltcup recht knapp verliert, dann sucht man natürlich nach Möglichkeiten, wo man noch etwas herausholen kann. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich auch im Super-G wieder um den Sieg mitfahren kann.

Morgenpost Online: Am Samstag steht in St. Moritz exakt diese Disziplin auf dem Programm, am Sonntag außerdem der nächste Riesenslalom. Auch dort haben Sie sich augenscheinlich verbessert im Gegensatz zu Vonn.

Riesch: Das deutet sich an – aber warten wir’s ab (lächelt).

Morgenpost Online: Wird die größte Herausforderung in diesem WM-Winter für Sie sein, Ihrem Körper ausreichend Ruhe zu gönnen?

Riesch: Ach, das ist eigentlich jedes Jahr gleich. Es ist nun mal schwierig, wenn man, wie ich, alle Weltcup-Disziplinen fährt und die Saison von Ende Oktober bis Mitte März dauert. Über die Jahre habe ich mich aber daran gewöhnt. Ich bin gut drauf, habe gut trainiert im Sommer, muss mich durchbeißen. Und wenn’s läuft, geht sowieso alles leichter von der Hand.

Morgenpost Online: Mitte Februar findet die WM in Ihrer Heimstadt Garmisch statt. Mit sehr guten Ergebnissen wie derzeit werden Sie noch deutlicher in eine Favoritenrolle geraten. Bei Lindsey Vonn war bei den Olympischen Spielen zu sehen, dass sie unter Druck Fehler gemacht und nicht das erreicht hat, was sie hätte schaffen können. Ganz ehrlich: Haben Sie Angst davor, Ihnen könnte dasselbe passieren?

Riesch: Nein. Ich bin froh, dass es gleich am Anfang so gut läuft. Durch gute Ergebnisse im Weltcup hole ich mir automatisch Selbstvertrauen für die WM. Wenn ich in eine Saison gut starte, sehe ich das nicht als Frühform, sondern als Form zum rechten Zeitpunkt. Außerdem: Es geht nicht nur um die Großereignisse. Fast ebenso wichtig ist der Gesamtweltcup.

Morgenpost Online: Nächste Woche Sonntag werden Deutschlands Sportler des Jahres 2010 gekürt. Wenn Sie dürften – wen würden Sie denn wählen?

Riesch: Wenn man allein von den sportlichen Erfolgen ausgeht, Magdalena Neuner mit zwei goldenen und einer Silbermedaille bei Olympia. Aber ich hoffe trotzdem, dass – trotz einer Medaille weniger – ich es vielleicht werde (schmunzelt).