Der Hornsteiner Anton hat in seinem Stall 13 Milchkühe. Darunter zwei seltene, dunkelrotbraune, schlanke, edle Tiere. "Die sterb'n leider aus wie mia", sagt der Bauer und streichelt die kleinere der beiden Murnau-Werdenfelser über den Kopf. "Sie sind halt nicht so groß, nicht so guad wie die andern."
Der Hof von Anton Hornsteiner liegt im ältesten Teil von Garmisch. Hinter dem Hühnerstall ragt der Turm der früheren Dorfkirche auf; eine Straße geht ab von hier, an deren Ende steht unbescheiden die Villa des Komponisten Richard Strauss. Strauss, der Münchner, kam 1908. Ein früher Zugereister, ein "Zuagroaster". Damals war der Hof, den Anton Hornsteiner von seinem Schwiegervater übernahm, schon da, schon lange. Seit Generationen gehört zum Hof ein Stadl, in dem Heu und Gerätschaften lagern. Überall im Werdenfelser Land stehen Holzhütten auf den Wiesen, weit weg von den Höfen. Anton Hornsteiners Stadl liegt unterhalb der Skipiste am Hausberg. Er soll weg.
"Alles wegen Olympia, damit da ein Parkplatz hinkommt. Aber meinen Grund kriegen die nicht, schon aus Prinzip." 59 Grundbesitzer haben in der vergangenen Woche über ihren Anwalt der Stadt München, Bayern, eigentlich ganz Deutschland ein Ultimatum gestellt. Bis zum 22. Dezember soll die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2018 in München und Garmisch-Partenkirchen zurückgezogen werden. Sonst will der Anwalt dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) mitteilen, dass die Spiele auf Grund geplant sind, der nicht zur Verfügung steht. Ob sich die Gewaltigen des IOC dafür interessieren? Das Ultimatum macht klar, dass Olympia an den bayerischen Alpen scheitern kann.
"Wir glaub'n denen scho lang nix mehr"
"Jetzt sind wir sogar nationales Anliegen." In der Stimme von Frau Hornsteiner schwingt Zynismus mit. Oder Verbitterung? "Die Kanzlerin behauptet so was, mit uns redet sie natürlich nicht." Seit die Olympia-Bewerbung läuft, war Reden nie eine Stärke der Entscheidungsträger. Der Vertrag, mit dem die Hornsteiners und andere aufgefordert wurden, Grundstücke abzugeben, sei ohne vorheriges Gespräch mit der Post gekommen, erzählen sie. Nicht einmal die betroffene Fläche sei ausgewiesen gewesen. "Sie wollten die Zusage, dass sie bekommen, was sie wollen." Von allen Empfängern haben zwei den Vertrag unterschrieben. Was folgte, waren Beleidigungen und Missverständnisse. Die Bewerbergesellschaft zeigte zweifelhafte Manieren, die Bürgermeister von München und Garmisch-Partenkirchen mehr als nur einen Anflug von Arroganz, die Staatsregierung gab sich personifiziert in Ministerpräsident Seehofer siegessicher.
Im Sommer reiste Staatsminister Siegfried Schneider als Krisenmanager an - und als ernannter "Retter der Spiele" wieder ab. "Es fehlen noch fünf oder sechs Grundstücke. Wir bleiben mit den Eigentümern im Gespräch", sagt Schneider heute. Hornsteiners und andere wollen aber nicht mehr mit sich reden lassen. Für Gespräche bräuchte es Vertrauen, und davon gab und gibt es im Tal der Loisach viel zu wenig. Hinzu kommt die bekannte bayerische Aufsässigkeit, stur wie die Großkopferten sind auch die mit kleinerem Haupt. "Wir glaub'n denen scho lang nix mehr", sagt Anton Hornsteiner. Schon lange also.
Ignaz Streitel ist Wintersportfan. In der Gaststube, dort, wo die Feriengäste frühstücken, hat er eine Autogrammkarte des Schweizer Rennfahrers Didier Cuche aufgehängt. "Aber mit meinem Schrittmacher steig' ich auf keinen Berg mehr", sagt der 82-Jährige. Streitel war ein Bub, als 1936 schon einmal die Spiele in der Marktgemeinde stattfanden. Er stand mit seinem Vater im Regen, als Hitler mit dem Zug einfuhr. "Gott möge es verhindern, dass wir die Spiele wieder kriegen", sagt er. "Die machen unsere Heimat kaputt."
"Die grüne Lunge ist längst weg"
Von Heimat versteht Streitel etwas, er wurde hier geboren, saß 30 Jahre für die CSU im Kreis- und Gemeinderat; lange führte er die mächtige Weidegenossenschaft. Er ist einer vom alten Schlag, laut, schwierig, geradlinig. "Es wurden schon zu viele Fehler gemacht, die grüne Lunge ist längst weg." Damit meint Streitel ein breites Band von Wiesen, das einst zwischen der Gemeinde und den Bergen lag. Ein Rest ist geblieben. Für Ignaz Streitel klingt Olympia nach Resteverwertung.
In Streitels Kindheit war Garmisch-Partenkirchen arm, der Wohlstand brauchte Platz, Wohnhäuser, Gewerbegebiete, Hotels, Gasthäuser, Geschäfte; man lebt von den Gästen und gegen sie. Zur Eröffnung einer C&A-Filiale sorgte ein Leserbrief in der Lokalpresse für Aufsehen, in dem sich Touristen beschwerten, im Urlaub auf die bekannte Bekleidungskette treffen zu müssen. Der Widerspruch zwischen einem Ideal-Bayern und den Bedürfnissen der Einheimischen ist immer schwerer aufzulösen. Die Übernachtungszahlen sinken. Dass nach dem Megaevent Olympia wieder mehr Touristen kommen, das hoffen die Befürworter. Anton Hornsteiner glaubt, dass die Mehrheit die Spiele will.
Es ist bald 30 Jahre her, da sollten schon einmal Olympische Spiele nach Garmisch-Partenkirchen. Anfang der 80er-Jahre bewarb sich die Gemeinde unter einem CSU-Bürgermeister für das Jahr 1992. Anders als heute sollte der Ort nicht nur die alpinen, sondern alle Disziplinen ausrichten. "Das hätte das Tal komplett zerstört", sagt Andreas Keller vom Bund Naturschutz. Damals hätten die Bauern aber noch nicht gegen die Spiele gestanden. Es waren Zeiten, als das Wort der CSU noch natürliches Gewicht hatte, als einer wie Anton Hornsteiner sich nicht fragte, ob er lieber die Grünen wählen sollte. Damals gab es auch noch mehr Bauern.
"Die Landwirte haben immer abgeben müssen"
Von den insgesamt 167, die ihre Flächen nicht für Olympia 2018 hergeben wollen, haben die wenigsten noch Tiere, die meisten verwalten ihren Besitz. Anders als für Bauer Hornsteiner ist es für sie keine Frage der Existenz, ob der Mutterboden leidet, der Ertrag sinkt oder gar für Jahre ausfällt. Alte Wunden schmerzen. "Die Landwirte haben immer abgeben müssen", sagt Andreas Keller. Abgeben für Hotels, für den Sport, für Neubürger. Nur die Boshaften sagen, dass alle damit reich wurden.
Auch wenn viele schwiegen, Olympia war schon vor 30 Jahren keine Verheißung. Naturschützer Keller ließ damals durch ein renommiertes Institut die Bevölkerung befragen. Zwei Drittel waren gegen die Bewerbung. Der Ort zog zurück. Berchtesgaden trat an und scheiterte kläglich. Die Spiele 1992 fanden im französischen Albertville statt; Spiele, von denen vor allem Bilder zerstörter, betonierter Landschaft blieben.
Es ist 23 Uhr, Axel Doering hat im Försterhaus in der Höllentalstraße ein Messgerät aufgestellt. 40 Dezibel zeigt es, fast drei Kilometer sind es bis zur Piste. In den vergangenen Tagen hat es viel geschneit. Die Abfahrt am Hausberg ist gut präpariert - mit Kunstschnee. Egal, wie viel Schnee fällt, die Schneekanonen laufen. Ihr Sausen hallt weit. "Es gibt ja nix Schlimmeres für den Wintersport als natürlichen Schnee", sagt Doering und lacht. Seit 38 Jahren ist er Förster der Gemeinde. Früher habe man im Sommer die Kanonen entfernt, nun blieben sie stehen. "Man muss ein Depp sein, wenn man da spazieren geht." Doering steht dem Aktionsbündnis "NOlympia" vor. 10.000 Unterschriften haben sie gesammelt, ein Drittel davon Garmisch-Partenkirchner.
"Wir zerstören die Grundlage für den Sommertourismus"
Nun ist ein Bürgerbegehren geplant, noch wird um eine juristisch einwandfreie Formulierung gerungen. "Sobald es um vermeintlich nationale Interessen geht, ist ein Bürgerbegehren vor Ort nicht durchzukriegen." Von Wintertourismus hält Doering in Zeiten des Klimawandels wenig. Nur 35 Prozent der Touristen wollten Schnee, aber 65 Prozent kämen im Sommer der grünen Wiesen wegen. "Wir zerstören die Grundlage für den Sommertourismus mit einem für uns viel zu großen Wintersportevent." In den Jahren nach sportlichen Großereignissen, rechnet Doering vor, seien die Sommertouristen stets weniger geworden. "Das war so 1936 und nach der Ski-WM 1978."
Im Februar 2011 findet die zweite Ski-WM auf der Kandahar-Piste statt. Probe für Olympia. Angetreten war Garmisch-Partenkirchen mit einer Abfahrt. Nach der Vergabe wurde umgeplant, eine zweite in den Berg getrieben. Derzeit sorgt ein Enteignungsverfahren gegen einen Bauern für Gesprächsstoff, dessen Grundstück im Zieleinlauf der neuen Piste liegt. Betreten verboten. Mehr Geld hätte er gern für sich herausgeschlagen, sagen die einen. Ihm sei übel mitgespielt worden, die anderen. Die Androhung eines Enteignungsverfahrens wenige Wochen vor der WM ist für die Olympia-Freunde ein Desaster. Für 2018 hat die Staatsregierung Enteignungen schon ausgeschlossen.
"Für die neue Kandahar-Abfahrt hat sich der Markt weiter verschuldet", sagt Alexander Ott, Kreisvorsitzender der Jungen Union (JU), der Nachwuchstruppe der CSU. Es sind nicht nur die Älteren, die sich gegen Olympia aussprechen. "Die Gemeinde musste zustimmen, dass sie sich mit einem Drittel an jeder vom IOC geforderten Infrastrukturmaßnahme beteiligt." Ein Drittel von unbekannt sei immer noch sehr viel für den überschuldeten Ort, meint der 23-Jährige. 400 Mitglieder hat die JU im Landkreis, und sie wollen die Spiele der Jugend der Welt nicht haben. Dass sie einst die Schulden abtragen müssen, davor haben sie Angst. "Ein Defizit ist bei diesen Olympischen Spielen nicht zu erwarten", prognostiziert Staatsminister Schneider. Am Mittwoch hat der Landtag ein Gesetz verabschiedet, in dem von einer unbegrenzten Bürgschaft für ein mögliches Defizit die Rede ist.
"I will doch bloß mei Arbeit machen", sagt Anton Hornsteiner. Von dieser Arbeit kann der 39-Jährige längst nicht mehr leben. Die Landwirtschaft ist für ihn ein Zubrot wie für alle Bauern in der Gemeinde. Hornsteiner arbeitet in einer Gärtnerei, er setzt Geranien, die im Sommer die Häuser schmücken. "Ich glaub', dass sie die Spiele am Ende durchdrücken", sagt er und stellt seine Zither ab. Hornsteiner kommt von einer Beerdigung. Fast jede Woche wird er von Hinterbliebenen gebeten, zu spielen. "Immer mehr Leute wollen das lieber als eine Orgel." Leise Klänge für jene, denen es in Garmisch-Partenkirchen zu laut geworden ist.




