Limits. Darum geht es Lindsey Vonn. Sie auszutesten, sie zu verschieben, sie zu durchbrechen, wann immer es möglich ist. Sie sagt: „Ich liebe es, schnell zu fahren, und deswegen mag ich die Abfahrt so. Es gibt keine Limits, du kannst so schnell fahren, wie es dir gelingt.“ Angst? Warum? „Ich glaube an mich.“

Vonn hat allen Grund dazu. Mit 26 Jahren ist sie die erfolgreichste Skirennläuferin der Vereinigten Staaten: Olympiasiegerin, Weltmeisterin, dreimal in Folge Gesamtweltcupsiegerin, weil sie die Schnellste war unter den Schnellen. Ihre Konstanz in den Hochgeschwindigkeitsdisziplinen Abfahrt und dem Super-G genannten Super-Riesenslalom beeindruckte. Keine schoss vorigen Winter derart furchtlos, selbstbewusst und souverän die Pisten hinab wie Vonn („Abfahrt ist, wie wenn du auf der Autobahn bei 120 deinen Kopf aus dem Fenster hältst – großartig!“). Ihre elf Weltcupsiege holte sie bis auf einen ausschließlich in den Speed-Disziplinen, von acht Saisonabfahrten gewann sie sechs. Die Einzige, die Vonn zweimal in der Schussfahrt bezwang, ist ihre Freundin: Maria Riesch, 26.

Insofern waren die ersten beiden Weltcup-Abfahrten des Winters am Wochenden Gradmesser und Warnung zugleich für die Amerikanerin. In Lake Louise siegte jeweils ausgerechnet Riesch vor Vonn – zu Recht, sagt die nach dem ersten Rennen am Freitag: „Maria ist heute besser Ski gefahren, sie hat den Sieg verdient.“ Dafür schlug sie Sonntag im Super-G zurück. Das Ergebnis diesmal lautete: Vonn vor Riesch.

Vonn schwant, dass ihre auf einer Mischung aus Selbstbewusstsein, Skitechnik und imposanter Physis fußende Dominanz Tücken hat. Um erneut den Gesamtweltcup gegen Riesch zu gewinnen, „muss ich konstanter werden in Riesenslalom und Slalom“. Dort ist die Deutsche als begnadete Technikerin bevorteilt, und dass Riesch sich im Riesenslalom verbessert hat, ist schon zu Saisonbeginn offensichtlich.

„Ich weiß, dass es ihr großes Ziel ist, mich dieses Jahr zu schlagen“, sagt Vonn über Maria Riesch: „Nicht, dass das nicht auch in den vergangenen Jahren der Fall gewesen wäre. Aber dieses Jahr fühle ich Extradruck auf mir lasten.“ Schon allein deshalb, weil mit den Erfolgen des Olympia-Winters 2009/10 die Erwartungen an sie drastisch gestiegen sind. „Ich dachte, es würde einfacher durch den Gewinn der Goldmedaille.“ Aber stattdessen spekulierten ihre Landsleute nun mit Wundertaten.

So sieht sich Vonn wiederholt gezwungen, mit einem Gerücht aufzuräumen – nämlich, dass sie nach ihren elf Weltcuperfolgen vorige Saison diesen Winter den Siegrekord von Vreni Schneider (14 Siege 1988/89) knacken wolle. „Alles, was ich sagte, war: Ich möchte mich stetig verbessern.“ Und auf die Frage, ob die Bestmarke erreichbar sei, „habe ich Ja gesagt. Aber das ist nicht mein Ziel“, stellt Vonn klar.

Beschweren will sie sich nicht über die ungeahnte Popularität in ihrem Land, das alpine Skirennläufer nur dann nachhaltig wahrnimmt, wenn sie bei Winterspielen reüssieren. In Vancouver verpatzte Vonn zwar einen möglichen Medaillengewinn in der Super-Kombination (Abfahrt plus Slalom), die Riesch gewann, durch einen Fehler im Slalom. Sie gewann jedoch die Abfahrt und holte zudem Bronze im Super-G.

Seitdem zierte das Konterfei der groß gewachsenen Blondine die Cover von Hochglanzmagazinen, sie wurde zu Fotoshootings für Modezeitschriften und in Talkshows eingeladen, fand sich auf einer Liste „Hot 100“ wieder, trat in ihrer Lieblings-Fernsehserie „Law and Order“ als Gast auf, stakste über diverse rote Teppiche und teilte auf einer kleinen Dinner-Party im Sommer einen Tisch mit Alec Baldwin, Jon Bon Jovi, Julia Roberts und Russell Crowe. „Im Leben konnte ich nicht begreifen, was ich dort eigentlich zu suchen hatte“, erinnerte sich Vonn neulich lachend in der „New York Times“.

Sie hat sich ihre Eigenwilligkeit dennoch bewahrt. Dass sie kürzlich für die Titelseite des „ESPN“-Magazins lasziv wie Sharon Stone in dem Erotik-Thriller „Basic Instinct“ posierte, goutierten im Prüderie propagierenden Amerika nicht alle. Doch Vonn sagt: „Was auch immer du tust: Manchen Leuten gefällt es, manchen nicht. Du kannst nicht jeden glücklich machen.“

Spannend wird nun in den nächsten Wochen zu beobachten sein, ob und inwieweit Vonn der Spagat zwischen ihrem Leben als Spitzensportlerin und dem als Celebrity gelingt. In den rund neun Monaten seit Olympia hat sie die mediale Wertschätzung schätzen gelernt, den ihr Olympiasieg – der erste einer amerikanischen Alpinen – mit sich brachte. „Es ist leicht, sich ablenken zu lassen und zu all diesen Roter-Teppich-Events zu gehen, sich wie ein Superstar zu fühlen und darüber Trainingstage sausen zu lassen“, sagte US-Frauentrainer Alex Hoedlmoser der Zeitung „USA Today“: „Aber wie Lindsey an die ganze Sache herangegangen ist, war wirklich beeindruckend.“

Den Sommer über ackerte Vonn wie üblich im Kraftraum, auf dem Fahrrad, in der Natur. Außerdem probierte sie eine Reihe neuer Trainingsimpulse aus, um ihre Schwächen auszumerzen. In Kalifornien etwa trimmte sich die Olympiasiegerin an der Seite von Leichtathleten, um ihre Explosivität und Sprintfähigkeit zu verbessern, immer auch auf der Suche nach mehr Wendigkeit für die technischen Disziplinen: „Damit habe ich mich stets abgemüht“, sagt Vonn. Auf der Tartanbahn stellte sie Verblüffendes fest, wie sie verriet. Ihre schnellste 400-Meter-Zeit betrug (allerdings handgestoppte) 52 Sekunden – womit sie 1964 und 1968 Gold bei den Olympischen Sommerspielen gewonnen hätte.

Längst hat sich Vonn neue Ziele für die Zukunft gesteckt. Zunächst wartet die WM im Februar in Rieschs Heimat Garmisch-Partenkirchen, 2014 will sie erneut Olympiasiegerin werden, und ein Jahr später werden die Weltmeisterschaften in ihrer Heimat Vail ausgetragen. „Ich habe nie infrage gestellt, ob ich weiter hart arbeiten werde oder ob ich weiter Ski fahre“ nach dem olympischen Gold, anvertraute sie „USA Today“. Stattdessen habe sie einen langfristigen Plan: „Diese Saison ist ebenso wichtig wie die vergangene.“ Nachlassen gilt nicht. Sonst ist ganz schnell Riesch die Nummer eins der Welt.