In Kerpen ist die Welt für Michael Schumacher noch in Ordnung. Auf der Kartbahn kann er ungestört seine Runden drehen, während im nur gut eine Autostunde entfernten Spa beim Grand Prix von Belgien die Gerüchte sprießen. In einer recht blutleeren Formel 1 ist der Rekordweltmeister und Ferrari-Berater Tagesgespräch, und seine Abwesenheit heizt das Gerede nur an.
Kehrt er doch noch einmal in ein Formel-1-Cockpit zurück, wie es Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali in einem Interview mit Morgenpost Online in Aussicht stellte? „Vorausgesetzt, seine Verletzung heilt aus, wären wir froh, wenn er wieder für uns fahren würde“, sagte der alerte Italiener. Und: „Man soll nie nie sagen“, wenn der Weltverband einen dritten Rennwagen für die Werksteams zulässt. Darauf will Ferrari nun drängen. Oder ist alles nur Blendwerk?
In Maranello ergehen sie sich angesichts der ungewissen Zukunft des verletzten Stammpiloten Felipe Massa und des angeblich bevorstehenden Wechsels von Fernando Alonso in äußerst vagen Andeutungen. Dass ihre Ikone Michael Schumacher klare Worte vermeidet, macht die Verwirrung komplett.
Zähneknirschend verkündete er seinen Comeback-Verzicht aus gesundheitlichen Gründen, schloss allerdings eine spätere Rückkehr nicht aus. Offensichtlich kann da einer, der 16 Jahre im Vollgaszirkel auftrat und anschließend mit dem Motorradrennfahren eine neue Leidenschaft entdeckt hat, nicht die Füße hochlegen. Diskret mietete Schumacher trotz der schweren Nackenverletzung, die er sich beim Motorradsturz im Februar zugezogen hatte, in Spanien eine privat geführte Teststrecke an, um an seiner Kurvenlage zu feilen. Ihn wurmt es, dass er noch zwischen anderthalb und zwei Sekunden pro Runde auf die Branchenbesten verliert.
Bereits in dieser Saison hatte er vor, eine komplette Saison in der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) zu bestreiten. Nach der Verletzung schob er den Plan um ein Jahr auf. Der österreichische Hersteller KTM bot dem nimmermüden PS-Hasardeur einen Werksvertrag an. Er sagte zu, bisher allerdings nur mündlich, weil er nicht genau weiß, wie der Heilungsprozess verläuft und was Ferrari mit ihm vorhat.
Die Risiken scheint er ausgeblendet zu haben. Anderen sind sie präsent. Der fünfmalige Motorrad-Weltmeister Toni Mang, 59, nahm Schumacher bei einem Fototermin beiseite: „In dem Alter, wo du anfängst, hab ich aufgehört – und ich war Spätaufhörer“, raunte er ihm zu. Schumacher habe nur gelacht, berichtet Mang, der 1988 nach einem schweren Unfall zurücktrat. „Wenn es Michael noch einmal so angeht, ist er falsch gewickelt.“
Schumacher aber mag von der Geschwindigkeit nicht lassen. Seine Teilnahme am letzten IDM-Lauf in zwei Wochen am Hockenheimring sagte er wegen des zu erwartenden Trubels ab, starten aber will er beim Rennen der österreichischen Staatsmeisterschaft am 28. September in Brünn.
Vielleicht war es anfangs wirklich nur ein Freundschaftsdienst, den Schumacher als Massa-Ersatz seinem Arbeitgeber erweisen wollte, doch nachdem ihm sein Arzt ein Fahrverbot erteilt hat, scheint er von der Idee, in neue Grenzbereiche vorzustoßen, noch besessener zu sein. Er scheint die Ungewissheit beherrschen zu wollen.
„Das ist wie bei kleinen Kindern im Dunkeln: Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus“, erklärt Rüdiger Trimpop, Psychologie-Professor an der Universität Jena. Schumacher wolle den Nervenkitzel, aber gleichzeitig die Kontrolle. Die Psychologie nennt das Bedürfnis, nach einer neuen Herausforderung zu streben, um die Latte immer höher zu legen „Risikokompetenz“. Die sei bei Extremsportlern sehr ausgeprägt.
Schumacher lebte bis zu seinem Karriereende 2006 von einem Wettrennen bis zum nächsten. Nun sucht er Nischen, um das Gefühl aufzufrischen – mit bizarren Auswüchsen. Nach dem Grand Prix auf dem Nürburgring lud er einige seiner ehemaligen Formel-1-Kollegen zum Kartfahren nach Italien ein. Während sie mit geliehenen Modellen aufkreuzten, ließ Schumacher für sich zwei Vierzigtonner mit dem erlesensten Material auffahren. Genüsslich zog er den alten Weggefährten noch einmal davon.
Aus alten Mustern ausbrechen, das liegt Schumacher fern. Seit Jahren bewegt er sich in demselben Umfeld aus Freunden und Beratern. Manager Willi Weber hätte eine Rückkehr Schumachers schon aus merkantilen Zwecken befürwortet. Eine neue Kappe wurde aufgelegt, auf der das Wort „Comeback“ prangt. Die Mützen tauchten jetzt in Spa auf. Dabei hatte der durch und durch geschäftstüchtige Weber erklärt, die Produktion erst anzuwerfen, wenn das Comeback „zu hundert Prozent feststeht“. Noch so einer, der die alten Zeiten heraufbeschwört. Mitarbeit: JHU





