Die wahre Schatzkammer des Bremer Fußballs liegt fünf Minuten vom Weserstadion entfernt. Alte Trikots, Panini-Sammelheftchen, Bälle, Wimpel, und Schals lagern ebenso im ersten Stock des Zweifamilienhauses im so genannten Viertel wie sorgsam mit Plastikfolie ummantelte Magazine, Günter-Netzer-Puzzles und anderer Kicker-Nippes. Würden die Devotionalien nicht als Requisite für eine abgedrehte Fußballshow dienen, könnte Arnd Zeigler regelmäßig auch Fans durch seine Wohnung geleiten, sein Panoptikum ist bestaunenswert wie ein Museum.

Zeigler, 44 Jahre alt, Werder-Fan und Stadionsprecher des Klubs, ist das Gesicht eines Pionierprojekts, das 2007 begonnen hat und unter Fußballanhängern inzwischen Kultstatus besitzt. Aus seinem eigenen Wohn- und Arbeitszimmer sendet er Sonntag für Sonntag „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“. Die Sendung wird ab 23.45 Uhr live im WDR ausgestrahlt und verlangt dem Moderator dank ihrer Einmaligkeit allerlei ab. „Es ist toll, in seinem privaten Umfeld arbeiten zu können. Aber es ist gleichzeitig auch immer ein bisschen stressig, weil man die Wohnung sonntags nie für sich hat und ein steter Durchgangsverkehr herrscht“, sagt er. „Auf Sicht ist es eine extrem preisgünstige Sache. Man kann mit recht einfachen Mitteln eine Live-Sendung machen, und es sieht trotzdem nicht aus wie der ,Offene Kanal’.“

Zwischen seiner Raritätensammlung thront Zeigler hinter einem mächtigen Schreibtisch und steuert von zwei Touchscreens aus die Sendung. Zwei Miniaturflutlichtmasten dienen als Lampen, unter der Decke hängen mächtige Scheinwerfer, vier Kameras fangen die Bilder im Zimmer ein. Wenige Meter entfernt sitzen ein Redakteur und zwei Techniker, die den Ablauf der Show überwachen. Gesendet wird alles, was lustig, kurios, peinlich oder absurd ist. Doch nie bleibt dabei das Niveau auf der Strecke. Selbst nicht bei verfänglichen Beiträgen wie jenem vom vergangenen Sonntag über seltsame Fußballernamen wie Roman Geschlecht, Tobias Fick oder Ralf Geilenkirchen. Und auch nicht beim staunenden Neu-Frankfurter Maik Franz, der auf die Frage eines kleinen Jungen, was er sonst noch so neben dem Fußballspielen gut könne, einfach keine Antwort findet und mit „Das ist wirklich eine gute Frage“ endet. Und sollte mal eines der Live-Interviews zu entgleisen drohen, springt Zeigler in die Bresche und leitet den verbalen Fehlpass galant ins Seitenaus.

„Das Konzept hat sich verselbständig. Am Anfang war es als reine Call-in-Sendung geplant, wir wollten eine halbe Stunde lang mit Leuten sprechen“, sagt Zeigler. Doch zunehmend seien seine eigenen Einflüsse dazu gekommen. „Ich bin immer schon so ein Archiv-Typ gewesen und hatte in der Bundesliga stets ein Faible für die 60er- und 70er-Jahre. Der WDR hat ein fantastisches Archiv, aus dem wir uns liebend gern bedienen. Da sind Schätze, die sonst nie jemand senden würde. Und da wir so einen entspannten Sendeplatz haben, müssen wir uns nicht immer zwingend an der Aktualität abarbeiten.“

Elf Prozent Marktanteil

So ist die Sendung eine Mischung aus Wayne’s World, Spontaneität und Fußballromantik, vor allem aber transportiert sie die Liebe zum Sport, und deshalb ist sie fantastisch. Elf Prozent Marktanteil erreichen Zeigler und seine Mitstreiter Sonntag für Sonntag in der Spitze, im Schnitt schauen 160.000 Leute bei der Late-Night-Show aus dem Bremer Wohnzimmer zu. Was anfangs als schüchterner Gegenentwurf zu Sportschau und Sportstudio begann, hat sich einen festen Platz in der Zuneigung der Fans erobert.

Dass die Sendung in Bremen produziert wird, ist Zeigler geschuldet, der als Radiomoderator, Stadionsprecher und Werder-Fan eng mit der Stadt verbandelt ist. Als die Idee zu „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ entstand und ein passender Ort gesucht wurde, sagte WDR-Sportchef Steffen Simon kurzerhand: „Dann kommen wir eben zu dir.“ Also wurde Leitungen quer durchs Haus verlegt, die Straße aufgerissen und das Wohnzimmer sukzessive ins Ministudio umgewandelt. Dass Zeiglers Freundin das Prozedere mitmacht und sich während der Saison Sonntag für Sonntag entweder zu Freunden verabschiedet oder die Sendung vor dem Fernseher im Schlafzimmer verfolgt, ist ein weiterer begünstigender Faktor für die Einmaligkeit des Formats.

Zeigler weiß das zu schätzen, schließlich kann er sich in seiner Sendung richtig ausleben. „Wir haben einen Umgang mit der Bundesliga entwickelt, der so in anderen Sendungen nicht stattfindet“, sagt er. „Vieles ist improvisiert, vieles machen wir mit einfachen Mitteln, und dadurch bekommt es einen ganz eigenen Charme.“

Und der macht auch vor dem eigenen Klub nicht halt. „So geht Punk heute“ steht auf Zeiglers Shirt, das er am Sonntag trägt – eine Verballhornung der Bremer Trikotwerbung „So geht Bank heute“ von Sponsor Citibank und ein Beleg dafür, dass Humor eben nicht vor der eigenen Haustür kehrt macht. „Ich dachte immer, dass es auch zu Feindseligkeiten in der Sendung kommen könnte, weil die Leute wissen, dass ich Werder-Fan bin. Aber das ist komischerweise noch nie passiert“, hat Zeigler dankbar registriert.

Perfekter Mann für die Show

Stattdessen sind Pannen ein steter Begleiter der Show geworden. Geplatzte Brenner in den Scheinwerfern oder regelmäßiges Versagen der Hauptsicherung im Haus zählten zu den eher harmlosen Kinderkrankheiten. Schlimmer war da schon eine erloschene Lizenz für das Abspielen von Videoclips, die erst nach etlichen Anrufen in Moskau erneuert werden konnte. Eine Viertelstunde vor Beginn der Sendung war das Problem behoben. Auch an diesem Sonntag misslingt der erste Einspieler über die schlüpfrigen Fußballernamen, doch Zeigler überspielt die Panne wie ein Profi und zeigt kuriose Sammelbildchen. „Super gemanagt, Arnd“, ruft Redakteur Christian Wagner aus dem Nebenraum. Später sagt er: „So eine Sendung mit einem gelernten Fernsehmoderator zu machen, wäre unmöglich. Arnd ist der perfekte Mann für die Show.“

Als sich die Sendung dem Ende neigt und auch der Gag über Berti Vogts, der auf der Homepage des aserbaidschanischen Verbandes „Foqts“ heißt, sitzt, lehnt sich Zeigler in seinem Stuhl zurück. Er lässt sich eine Zigarette anzünden, obwohl er sonst nicht raucht, und legt die Füße auf den Tisch. Er sagt, dass er ziemlich zufrieden sei mit seinen Jobs. „Ich kann mein ganzes Leben lang mit Fußball zu tun haben, sende aus meiner eigenen Wohnung, habe eine Musiksendung im Radio und bin Stadionsprecher bei meinem Lieblingsklub.“ Besser geht es wohl wirklich nicht.