Schockiert ist Frank Goosen selbst noch 17 Monate nach dem Vorfall. Bayerisches Bier stellt einen waschechten Westfalen ohnehin auf eine harte Probe, aber wenn er sein Lieblingsgetränk beim Auswärtsspiel in München noch nicht einmal mit in den Gästeblock nehmen kann, herrscht blankes Entsetzen. „Ich habe einen Ordner gefragt, warum das nicht ginge, und er sagte, dass zuletzt einige der Auswärtsanhänger das kostbare Bier auf die drunter sitzenden Bayern-Fans gegossen hätten. Da habe ich ihm gesagt: ‚Dann lasst doch uns Bochumer da runter, wir legen noch den Kopf innen Nacken und bedanken uns mit offenem Mund für die großzügige Spende.’“

400 Leute im Saal prusten, einige haben gar heftig rote Köpfe ob ihrer Lachattacken, und Goosen, der dort oben auf der Bühne ganz allein steht, ist nun in seinem Element. Wie er überhaupt bemitleidenswerter Anhänger des VfL werden konnte? 1975 sei er an der Hand des Vaters ins Stadion gegangen, es gab ein 4:2 gegen Wuppertal, seither ist er infiziert und hat sich abgefunden mit den Eigenarten anderer Anhänger. „Wir gehen hier im Ruhrgebiet nicht ins Stadion, um uns zu amüsieren, sondern um uns aufzuregen. Und gerade mein Verein, der VfL, gibt den Leuten, was sie brauchen.“

Goosen, 43 Jahre alt, Kabarettist, Bestseller-Autor und selbst erklärter „beinharter Fan“ des VfL streut gern diese zwei Anekdoten in sein Programm ein, weil er den Leuten aus dem Ruhrgebiet damit aus der Seele spricht und gleichzeitig ein Plädoyer hält für die Leidensfähigkeit eines Graue-Maus-Anhängers. Frustration ist ja ein großes Wort im Fußball, aber als Fan des VfL Bochum gehört es zur eigenen Stellenbeschreibung, findet er.

Am Wochenende erst hat der Klub, der nach Herbert Grönemeyer so tief im Westen beheimat ist, den Trainer geschasst, drei Tage später flog er aus dem Pokalwettbewerb, und in der Liga steht er auf Abstiegsrang 17. Die Frustrationstoleranz ist in solchen Zeiten bei weitem überschritten, aber einer wie Goosen hat längst gelernt, mit derlei Malaisen umzugehen. „Mutlosigkeit oder Demut sind Haltungen, die ich als Fan komplett ablehne“, sagt er. „In Bochum gibt es gerade wieder die Diskussion, ob wir einfach nur froh darüber sein sollten, in der Liga zu sein. Aber damit kann ich nichts anfangen. Wenn es nur darum geht, ist die Sache irgendwann tot.“

Ein guter Beobachter


Goosen sitzt in einem kleinen Raum hinter der Bühne, noch sind es zwei Stunden bis zum Auftritt im Oberhausener „Ebertbad“, Routine hat das Lampenfieber schon vor Jahren besiegt. Entspannt lehnt sich der gebürtige Bochumer im Sofa zurück, er trägt ein rotes Polohemd, Jeans und Turnschuhe. Wäre er neben seinem Dasein als Fan nicht auch noch erfolgreicher Autor und Verfasser solch fantastischer Romane wie „Liegen lernen“, könnte er auch gut hinter dem nur wenige Meter entfernten Tresen stehen und Bier verkaufen. Er würde sich vermutlich auch dort prächtig machen, weil er nicht nur ein glänzender Geschichtenerzähler, sondern auch ein guter Beobachter ist.

Das Gequengel im Pott gehe ihm gehörig auf die Nerven, sagt er und nimmt sich einen Schokoriegel aus der Schale, die vor ihm auf dem Tisch steht. „Die Ruhrgebietler müssen aufpassen, dass sie sich nicht in so einer Selbstmitleidsecke einrichten. Wir können lange Lieder davon singen, wie benachteiligt wir sind. Aber es gibt auch eine Gegenbewegung, die sagt: ‚Wir machen das Beste daraus!’“

Er zählt zweifelsohne zu den Anführern jener Avantgarde, weil er mit seiner authentischen Art gleichermaßen Feuilletonisten wie Kurvenfans in seinen Bann ziehen kann. Direkt hinter dem Eingang liegen Bücher von ihm zum Kauf aus, an der Wand hängen T-Shirts mit der Aufschrift „Weil Samstag ist“, Titel seines neuesten Fußballbuches. Das Geschäft mit den Merchandisingartikeln läuft blendend, längst ist der Flachs über den Ruhrpott und seinen ganz eigenen Charme zum prosperierenden Geschäft geworden. Waren früher noch Kabarettisten wie Jürgen von Manger und Elke Heidenreich Ruhrpott-Eigenbrötler mit seltsamer Sprache, haben sich Leute wie Goosen die Gunst weiter Bevölkerungsteile erworben – auch weil sie das ehemalige Kohlefördergebiet und seine dort beheimateten Fußballklubs überspitzt darstellen.

Titel-Traum

Dabei musste Goosen erst lernen, mit der Rolle klar zu kommen. „Ich wollte nicht der typische Ruhrgebietsonkel werden. Aber ich habe rasch gemerkt, dass ich dann gut bin, wenn ich vor der eigenen Haustüre kehre – oder wie unser Ex-Trainer neulich gesagt hat: ‚Wenn ich mir an den eigenen Zipfel packe.’“

Zu Beginn seiner Kabarettzeit Anfang der 90er-Jahre sei er stark von Josef Hader beeinflusst gewesen. „Danach habe ich viel Frauen-Männer-Komik in mein Programm aufgenommen. Aber da war ich nur Durchschnitt. Je mehr ich mich mit dem Ruhrgebiet und dem Fußball beschäftigt habe, desto authentischer bin ich geworden.“

Den Wahnsinn, bisweilen völlig verblendeter VfL-Fan zu sein, hat er sich trotzdem bewahrt. Noch immer hoffe er auf einen Titelgewinn der Bochumer, sagt er. „Natürlich sind wir nicht so blöd und denken dabei an die Meisterschaft. Aber ein Pokalsieg – warum nicht?“ Vor drei Jahren habe er die Möglichkeit ausgeschlagen, das WM-Finale für 3500 Euro live in Berlin zu sehen. „Beim VfL müsste ich nicht lange überlegen. Wenn wir ins Pokalfinale einziehen, würde ich die Summe sofort auf den Tisch legen“, sagt Goosen, ehe er auf die Bühne geht. Seinen großen Traum nimmt er mit.