Der Gast verwandelte das Abendessen in einen Sprachkurs. Jong Tae-Se, 26, saß mit seinem deutschen Berater Thomas Kroth in einem Restaurant im Ruhrgebiet. Der Stürmer war erst wenige Stunden im Land, hatte soeben für zwei Jahre beim Zweitliga-Klub VfL Bochum unterschrieben – und plötzlich redete er Deutsch. „Er hat mir alles nachgesprochen. Einer seiner ersten Sätze war: ,Mir geht es gut‘“, erzählt Kroth.
Tae-Se überrascht immer wieder. Als erster Nordkoreaner im deutschen Profifußball ist er der exotischste der ausländischen Profis, die bei der Weltmeisterschaft in Südafrika waren und nun ihr Glück in der Bundesliga und Zweiten Liga suchen. Tae-Se erzielte bei dem Turnier kein Tor und schied mit seiner Mannschaft nach der Vorrunde aus (Torverhältnis 1:12). Berühmt wurde er trotzdem. Wegen seiner Tränen. Vor dem Spiel gegen Brasilien weinte er bei der Nationalhymne. Es war eine der Szenen dieser WM.
Die Welt sah zu und fragte sich: Warum? Die Antwort kennt nur er. Spricht sie bislang aber nicht aus. „Die WM war für ihn ein großes Ziel, das er in diesem Moment erreicht hatte. Ich vermute, dass er deswegen einfach sehr ergriffen war“, sagt Karl Messerli. Der Schweizer Unternehmer hält die Transferrechte für die meisten nordkoreanischen Spieler und kennt Tae-Se seit Jahren. Er sagt, dass der Traum des Stürmers die Premier League ist und es interessierte Klubs aus England gab. Warum tut sich Tae-Se dann die Zweite Liga an? Aus dem Fernsehen kennt er nur die Bundesliga.
„Der VfL hat sich intensiv um mich bemüht. Das hat mir sehr imponiert“, sagt Tae-Se. Rund 250.000 Euro soll der Klub für ihn bezahlt haben. Bei der sportärztlichen Untersuchung sah er sich das Vereinsgelände an. „Ich bin beeindruckt. Das ist alles sehr professionell hier.“ Als Stürmer müsse und wolle er viele Tore schießen.
Für ihn ist entscheidend, regelmäßig zu spielen. In England wäre das schwer geworden. Bochums Sportvorstand Thomas Ernst stellt ihn nächste Woche offiziell vor und glaubt, dass Tae-Se das körperbetonte Spiel in der Zweiten Liga liegt. Wegen seines muskulösen Oberkörpers nennen die Fans in Japan ihn in Anlehnung an den englischen Weltstar „Wayne Rooney Asiens“. Sein Berater Kroth sagt: „Naohiro Takahara hat beim Hamburger SV damals drei oder vier Spiele gebraucht, dann war der Jetlag weg. Die Zeit muss man ihm geben. Er hat die Qualität.“
In jedem Fall kriegt der VfL durch ihn Aufmerksamkeit: Für Tae-Ses erste Trainingseinheiten haben sich zahlreiche asiatische Fans angekündigt. Bislang stürmte er für den japanischen Klub Kawasaki Frontale: 111 Spiele, 46 Tore. Er ist in Japan aufgewachsen. Weil seine Familie ihre Wurzeln in Nordkorea hat, spielt er seit drei Jahren für das Land von Diktator Kim Jong II. Jenes Land, das sich abriegelt, anderen Nationen droht und Menschenrechte verletzt. „Politik und Sport, das sind unterschiedliche Dinge“, sagte Tae-Se bei der WM.
In Südafrika gab er als einziger Nordkoreaner Interviews. Im Gegensatz zu den Kollegen spricht er Englisch. „In Nordkorea ist er ein absoluter Star“, sagt Messerli. Er kleidet sich wie junge Männer aus Europa und besitzt einen Hummer. Den bulligen Geländewagen fahren sonst fast nur Rapper. Und er hat einen Schuhvertrag mit Nike.
Ein anderer asiatischer WM-Teilnehmer hat es sogar in die Bundesliga geschafft. Der Japaner Atsuto Uchida, 22, soll bei Schalke 04 als rechter Verteidiger spielen. Bei der WM kam er überraschend nicht zum Einsatz, Japan schied im Achtelfinale gegen Paraguay aus. „Ich habe vom harten Training bei Felix Magath gehört. Es ist gut für mich“, sagt er.
Das hört Magath gern. Er hofft, dass sich Uchida so schnell an das Tempo in der Bundesliga gewöhnt wie dessen Landsmann Makoto Hasebe bei seinem vorherigen Klub VfL Wolfsburg. Dass das nicht selbstverständlich ist, bewies Yoshito Okubo. Er absolvierte lediglich neun Spiele für Wolfsburg und kehrte nach nur einer Saison nach Japan zurück.
Für die Abwehr hat der VfL nun Simon Kjaer, 21, verpflichtet. Die Niedersachsen sollen für den Dänen rund zwölf Millionen Euro an den italienischen Klub US Palermo gezahlt haben. Der Innenverteidiger wurde 2009 in seiner Heimat zum Talent des Jahres gewählt und trainierte bereits bei Real Madrid zur Probe. Der Wechsel nach Spanien scheiterte damals an der Ablöse.
Und sogar Absteiger Hertha BSC hat einen WM-Spieler abbekommen. Der australische Stürmer Nikita Rukavytsya, 23, wechselt ablösefrei von Twente Enschede nach Berlin. Die Hauptstadt kennt er noch nicht, dafür sein wichtigstes Arbeitsmittel: In den obersten deutschen Ligen wird ab dieser Saison nur noch mit dem Adidas-Ball „Torfabrik“ gespielt. Er ist nahezu baugleich mit dem WM-Ball „Jabulani.“ Vielleicht hilft das Rukavytsya, Tae-Se und den anderen bei der Eingewöhnung.





