Allmählich fällt es schwer, die fortgesetzt starken Leistungen in Worte zu kleiden. Ein Vergleich ist da vielleicht das beste Mittel, um Gareth Bales unfassbar rasanten Aufstieg zu beschreiben. Der Waliser mit dem strammen Linksschuss könne es bald schon mit Lionel Messi aufnehmen, sagt etwa Brian Flynn. Als Trainer der Fußball-Nationalmannschaft von Wales hat er die Entwicklung seines Shootingstars aufmerksam verfolgt, er sagt: „Gareth ist erst 21 Jahre alt, Messi 23. In zwei Jahren könnten wir sagen, dass Gareth auf demselben Level ist.“ Schließlich erfülle der Mittelfeldspieler von Tottenham Hotspur alle Grundlagen, die ein Topspieler brauche.

Bale ist als Typ auf dem Feld zwar gänzlich anders als der argentinische Dribbler. Er ist viel größer als der Weltfußballer – 1,83 zu 1,69 Meter –, er kommt ausschließlich über die linke Seite, und sein Abschluss sucht allein wegen der immensen Härte der Schüsse seinesgleichen. Aber ein britischer Messi klingt halt schön und kommt dem Londoner Klub gerade recht. Nach Jahren in der Versenkung schicken sich die „Spurs“ an, nicht nur die Phalanx der großen Drei in Englands Premier League (Chelsea, Manchester United, Arsenal) zu durchbrechen, sondern auch international für Aufsehen zu sorgen. Und wer könnte dabei besser helfen, als der jüngst in den kickenden Adelsstand aufgestiegene Bale? Seit er vor drei Wochen Inter Mailand vorgeführt hat, steht er als Symbol dafür, dass der Fußball auf der Insel neben hochbezahlten Stars auch Platz bietet für hauseigene Talente.

Schon vor seinen Glanztaten im Rückspiel gegen Inter Mailand, das Tottenham dank des überragenden Bale 3:1 gewann, hatte der Waliser einige Rekorde eingeheimst. Mit 16 Jahren debütierte er 2006 für den FC Southampton in der zweiten Liga; nach Theo Walcott ist er der jüngste Spieler der Klubhistorie. Im gleichen Jahr absolvierte er auch sein erstes Länderspiel, und mit seinem Treffer im EM-Qualifikationsspiel gegen die Slowakei wurde er auch jüngster Torschütze der walisischen Auswahl. Im Jahr darauf wechselt er für 14,9 Millionen Euro zu Tottenham Hotspur.

Eine Investition, die sich längst schon ausgezahlt hat für den Londoner Klub. „Es gibt nirgendwo einen besseren Linksaußen“, schwärmt Trainer Harry Redknapp. „Wenn er Engländer wäre, hätte er schon an der WM teilgenommen. Bale kann den ganzen Tag lang rennen, hat einen unglaublichen linken Fuß und sein Kopfball ist Spitzenklasse – er kann einfach alles.“

Mit derlei Fähigkeiten ihres derzeit Besten im Rücken wollen die „Spurs“ heute im Champions-League-Vorrundenspiel auch Werder Bremen beikommen (20.45 Uhr, Sky). Bereits im Hinspiel hatte Bale den bemitleidenswerten Clemens Fritz zu einem Statisten degradiert und ihm beim 2:2 gleich mehrmals die Hacken gezeigt.


Noch schlimmer als dem Bremer Rechtsverteidiger erging es allerdings dem Mailänder Maicon. Der Brasilianer gilt als der beste Spieler auf seiner Position – doch Bale zeigte gleich doppelt, wie verwundbar selbst die Großen des Sports sind. Im Hinspiel schon traf er beim 3:4 dreimal, im Rückspiel dann überlief er seinen Gegner im direkten Duell derart oft, dass die entrückten Zuschauer an der White Hart Lane dem überforderten Brasilianer lautstark die Auswechslung nahelegten und „ein Taxi für Maicon“ forderten. „Bale hat uns zum zweiten Mal gekillt“, sagte Luis Figo, inzwischen Scout des Champions-League-Gewinners, nach der Partie.

Derlei Lobhudeleien sind dem Mann mit dem Lausbubengesicht beinahe ein bisschen peinlich. „Ich habe im Moment großes Selbstbewusstsein, wenn ich am Ball bin, und die Mannschaft spielt sehr gut“, sagt Bale nur.

Vielleicht ist er auch gerade deshalb so stark, weil er etwa anders als der gleichsam in jugendlichen Jahren umjubelte Wayne Rooney die Bodenhaftung nicht verliert. Als Trainer Redknapp ihm nach dem Coup gegen Mailand vier Tage Urlaub verordnete, nahm Bale dankend an – und besuchte seine Mutter in Cardiff. „Sie sehen, Bale ist ein pflegeleichter Typ, ohne Probleme“, sagt Harry Redknapp.

Wenn da nicht der Makel seiner Herkunft wäre. Bale wurde 1989 in Cardiff geboren, weshalb ihm trotz höchster Begabung im Nationaldress ein schweres Los droht. Wales ist allenfalls zweitklassig, zum bislang letzten Mal nahm die Fußballauswahl des Landes 1958 an einer WM teil. Für eine EM hat sie sich noch nie qualifiziert; vor sechs Jahren scheiterte sie im Play-off an Russland knapp.


Wie schwer es ist, als Spitzenspieler ehedem die Karriere ohne internationalen Glanzpunkt beenden zu müssen, haben bereits solche Spieler wie Ian Rush (FC Liverpool) oder Mark Hughes (Bayern München, Manchester United) erfahren. Auch Ryan Giggs, zweimaliger Champions-League-Sieger mit „ManU“, ist vermutlich nur deshalb die Wahl zum Weltfußballer verwehrt geblieben, weil er nie bei einer WM oder EM dabei war. Der gleichsam hochbegabte Linksfuß wurde auch in Cardiff geboren, 15 Jahre vor Bale. Möglicherweise ist daher ein anderer Vergleich viel passender als die vom walisischen Auswahltrainer Flynn herangezogene Gegenüberstellung. Bale kann der neue Giggs werden. Er ist ein ähnlich begabter Linksfuß, gilt als tadelloser Teamplayer – und muss damit leben, dass ihm die Herkunft die ganz große Karriere verbaut. Seinem Ansehen schadet das nicht. Schon jetzt wird der Marktwert von Bale mit 30 Millionen Euro beziffert. Trainer Redknapp hat den stürmischen Linksfuß aber bereits vorige Woche für unverkäuflich erklärt.