Kolumne "Querpass"

Wetten, dass auch die Bundesliga betroffen ist?

Noch gibt es nur Verdächtigungen. Bewiesen ist nichts, aber der geneigte Fan sollte im Hinblick auf den Wettskandal mit dem Schlimmsten rechnen. Im Moment steht die Bundesliga noch sauber da. Aber schon seit der Saison 70/71 ist klar: Auch die oberste deutsche Fußballliga ist bestechlich.

Wir leben im Zeitalter der Fußballwetten, sie sind ein florierendes Geschäft wie der Rauschgifthandel. Es gibt sogar Leute, die Geld darauf wetten, dass in der 67. Minute beim Spiel X gegen Y der Spieler Z vom Platz gestellt wird und in der 92. Minute das 8:3 fällt, und wenn Gazza Gascoigne ungesund in einem englischen Krankenhaus liegt, geistern durchs Internet sofort Wetten, wann er sterben wird. Hinz und Kunz verwetten Haus und Hof auf alles – nur auf eines würde selbst der Verrückteste nicht mehr wetten: die Sauberkeit des Fußballs.

Wetten, dass auch die Bundesliga Dreck am Stecken hat?

Keine Angst, es ist nichts bewiesen. Übers Wochenende ist jedenfalls keiner verhaftet worden. Die Razzien sind an diesem 13. Spieltag nicht ausgedehnt worden auf die Stadien, nirgends ist die Polizei mit dem Hubschrauber auf dem Anstoßkreis gelandet oder hat mit Suchhunden flüchtige Bestochene quer übers Spielfeld gejagt, man hat keinem korrupten Torwart oder Trainer seine Rechte vorgelesen und keinen Schiedsrichter in Handschellen abgeführt.

Das ist mehr, als man erwarten durfte in Tagen skandalöser Nachrichten, in denen sich der schreckhafte Fußballfreund zuhause einschließt, das Kissen über den Kopf stülpt und sich Watte in die Ohren steckt: nichts sehen, nichts hören.

So macht es auch die Bundesliga.

Man sei ja „nur partiell betroffen“, hat sich der DFL-Boss Reinhard Rauball selbst beruhigt, womit er vermutlich ungefähr sagen wollte: Lasst uns bloß in Frieden mit diesen Hungerleidern in den unteren Klassen, was können wir dafür, wenn ein paar von Armut bedrohte Stürmer der Würzburger Kickers, des VfL Osnabrück oder des SSV Ulm womöglich für eine milde Spende die Hand aufhalten oder sich ein Schiedsrichter in der Regionalliga, damit er etwas Warmes im Bauch hat, mit einer Stadionwurst schmieren lässt, oder mit gratis Kaffee und Kuchen im Kroaten-Cafe King in Berlin.

Fünfzehn Festnahmen bisher, aber keine hat mit der Bundesliga zu tun. Liga eins ist heilfroh, wenn nicht gar stolz: Da lässt alle Welt sich kaufen, von der zweiten bis zur vierten Division, im türkischen Fußball gilt jeder, der sich nicht bestechen lässt, schon beinahe als Querulant, die Schweinereien gehen bis hinauf in die Champions League, von 200 verschaukelten Spielen ist die Rede – aber keines davon muss die Bundesliga auf ihre Kappe nehmen. Der erstklassige Fußball in der Bundesliga wird von erstklassigen Menschen ausgeübt.

Herzlichen Glückwunsch.

So, nun ist aber genug geträumt, Schluss mit Wunschdenken und naiver Gutgläubigkeit. Es mag ja sein, dass es in dieser verkommenden Welt auch noch anständige Menschen gibt – aber ausgerechnet in der Bundesliga?

Unser Urvertrauen ist erschüttert, und schweißnass lässt uns beispielsweise dieses seltsame Eigentor in Frankfurt grübeln. Marco Russ hat damit die Niederlage gegen Gladbach eingeleitet, und unter normalen Umständen würden wir ihn bedauern oder uns totlachen über diese Dussligkeit, mit der er das Tor verwechselt und seinen Torwart Nikolov mit einem unhaltbaren Kopfschuss schier bewusstlos geschossen hat – aber jetzt, wo man keinem mehr trauen kann? Verdeckte Ermittler werden sich ihm hoffentlich an die Fersen heften und dem Russ notfalls bis zu seinem Buchmacher folgen, falls er bei dem heute seinen Wettgewinn abholt.

Sie lachen? Dann haben Sie ein kurzes Gedächtnis. Anno 1991 ist Vlado Kasalo vom 1. FC Nürnberg festgenommen worden. Er hatte durch zwei unfassbare Eigentore hintereinander zwei Spiele verloren. Mit dem Wettgewinn glich er angeblich alte Spielschulden aus.

Welcher Schiedsrichter, fragt sich der ums Vertrauen gebrachte Fan im Affekt der Schuldvermutung, hat sich am Wochenende eine goldene Nase verdient? Und haben die Übungsleiter Dutt in Freiburg und Soldo in Köln, um die auffälligen Heimschlappen gegen Bremen und Hoffenheim zu bewerkstelligen, ihre Spieler ohne deren Wissen eine Woche lang absichtlich schlecht trainiert, grottenfalsch eingestellt und demotiviert – oder ihnen gar etwas ins Essen gemischt?

Wozu gierige Trainer in der Lage sind, hat George Foreman, der ehemalige Schwergewichtsweltmeister, angedeutet. Womöglich habe seiner ihm vor dem Jahrhundertkampf gegen Muhammad Ali anno ’74 einen Drink gemixt, der ihn boxen ließ „wie einen Besoffenen, der nachts an der Haustür das Schlüsselloch sucht“. In Runde acht kippte Foreman um – und glaubt bis heute an das Komplott einer Wettmafia, die auf Ali Geld gesetzt hatte.

Kriminelle sind unter uns

Ist auch die Bundesliga bestechlich? Aber ja. Soviel steht fest, seit der Saison 70/71. Damals sind die Geldbriefträger mit ihren Koffern durchs Land gereist, zu konspirativen Treffs an dunklen Kanälen und Autobahnraststätten. Wobei es damals noch fast romantisch zuging, die Drahtzieher des Skandals waren treue Seelen ihrer Vereine, die aus purer Angst vor dem Abstieg sündigten – heute sind die Drahtzieher gierige, knallharte Gangster, die sich gern dicke Goldketten und einen Ferrari gönnen, oder eine Karibikkreuzfahrt, mit möglichst drei bis vier Luxusludern im Arm.

Kavaliersdelikte sehen anders aus, hat DFB-Präsident Theo Zwanziger erschrocken erkannt. Die Kriminellen sind jedenfalls unter uns, der Fußball ist von den Dunkelmännern mächtiger Organisatoren unterwandert, die Einzeltäter des Bundesligaskandals von anno Tobak kommen einem beim Rückblick wie christliche Messdiener vor verglichen mit dieser Wettmafia, die auf das Internet setzt und die bestechenden Eigenschaften des Geldes. Auch Fußballer sind halt nur Menschen, die jeden Tag flehen: Herr im Himmel, führe mich nicht in Versuchung – ich könnte ihr erliegen.

Wenn die Bochumer Staatsanwaltschaft in puncto skandalöser Abscheulichkeit bisher nur die Spitze des Eisbergs zu kennen glaubt, sollten wir das getrost ernst nehmen und sicherheitshalber schon einmal vom Schlimmsten ausgehen – also einem Übergreifen des unappetitlichen Skandals auf die Bundesliga, verbunden mit heiklen Szenen, wie man sie nicht mehr erlebt hat, seit der 1860-Präsident Karlheinz Wildmoser anlässlich der Münchner Stadion- und Schmiergeldaffäre von Rudi Cerne im ZDF-Sportstudio mit dem herzlichen Wunsch verabschiedet wurde, man werde sich hoffentlich „nicht eines Tages in ;Aktenzeichen XY’ wiedertreffen.“

Sportsfreund Cerne hatte den richtigen Riecher, als er damals vom Fußball in die Verbrechensbekämpfung wechselte. Doch freuen wir uns jetzt erst einmal über dieses glimpflich verlaufene Wochenende – noch wird in der Bundesliga keiner steckbrieflich gesucht.