Morgenpost Online: Herr Heynckes, am Donnerstag scheidet Ihr Freund Uli Hoeneß als Manager aus dem operativen Geschäft aus. Wird er loslassen können?

Jupp Heynckes: Er wird die Fäden trotzdem in den Händen halten, weil ihn der FC Bayern München braucht. Zum Frühstücksdirektor wird er sicher nicht mutieren. Denn dafür ist er nicht geeignet, zumal er ja noch ein junger Spunt und ganz vital ist. Ich darf das ja sagen. Aber ehrlich: Ich tue mich schwer mit der ganzen Sache.

Morgenpost Online: Wieso?

Heynckes: Uli Hoeneß und der FC Bayern, Uli Hoeneß und die Bundesliga – das gehört einfach zusammen. Es war schon komisch, ihn in dieser Saison nicht mehr auf der Bank neben dem Trainer sitzen zu sehen. Er hat diesen Klub in den vergangenen 30 Jahren geprägt wie kaum ein anderer.

Morgenpost Online: Zugleich polarisiert er wie kaum ein anderer.

Heynckes: Uli Hoeneß ist ein Mensch mit vielen Facetten. Nach draußen gibt er manchmal den Polterer, den draufhauenden und auch mal über das Ziel hinaus schießenden Manager. Doch er redet nie mit zwei Zungen und kann sich auch für etwas entschuldigen, was nicht jedem so leicht fällt. Dann ist er ein glaubwürdiger, ehrlicher und sozial aktiver Mensch, der das Ganze sieht, die Gesellschaft und immer auf Seiten der Schwachen ist – ob in seinem Unternehmen oder in Bezug auf ehemalige Spieler, die er unterstützt.

Morgenpost Online: Das wird oft verkannt.

Heynckes: Das kann ich sogar verstehen. Wenn man ihn oberflächlich nur als Manager des FC Bayern sieht, der alles für seinen Klub tut und diesen bis aufs Letzte verteidigt. Aber er wäre nicht mein Freund, wenn er nicht diese andere Seite hätte. Wenn ich ihn mitten in der Nacht um drei Uhr anrufen und um Hilfe bitten würde, würde er ein Stunde später auf der Matte stehen – und wenn er sich dafür einen Learjet nehmen müsste.

Morgenpost Online: Wie wurden Sie eigentlich so gute Freunde?

Heynckes: Wir mochten uns als Spieler schon und hatten einen Draht zueinander. Ein Schlüsselerlebnis war sicher auch sein Flugzeugabsturz 1982. Ich war erschüttert und dann emotional so ergriffen, als ich gehört habe, dass er überlebt hat. Ich habe mir gesagt, lass ihn erst einmal etwas gesunden und dann rufst du ihn an. Nach einer Woche habe ich mich dann im Krankenhaus gemeldet. Wir haben ganz lange telefoniert und am Ende sagte ich: ,Junge, ich bin so glücklich, dass du überlebt hast.’ Und er meinte dann: ,So Josef, eins sage ich dir: Du wirst noch mal unser Trainer.’ So ist er eben. Da war er schon wieder gut drauf.

Morgenpost Online: 1987 hat er Sie ja dann tatsächlich geholt.

Heynckes: Und wir hatten eine schöne und erfolgreiche Zeit.

Morgenpost Online: Bis 1991, da hat er Sie entlassen und später im Hinblick darauf von einem seiner größten Fehler gesprochen.

Heynckes: Wir saßen an diesem Abend (8. Oktober 1991, d. Red.) im Alpina-Hotel in der Nähe von München zusammen. Uli hat die Mannschaft in meinem Beisein über die Vorgänge unterrichtet, und danach haben wir beide geweint. Ich glaube, auch ein paar Spieler. Später sind wir zum Schatzmeister gegangen. Dort haben wir über den Auflösungsvertrag gesprochen, dann Rotwein getrunken und schließlich noch Schafskopf gespielt. Ja, so verlief meine Trennung vom FC Bayern – verrückt, aber das hatte was.

Morgenpost Online: Sie waren nicht sauer?

Heynckes: Natürlich wäre ich gern geblieben. Aber so ist das Geschäft. Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, wird irgendwann reagiert. Das war ja keine persönliche Geschichte.

Morgenpost Online: Im April dieses Jahres sind Sie dann noch einmal für vier Wochen zurückgekehrt.

Heynckes: Und auch da hat sich wieder gezeigt, was Uli Hoeneß für ein Mensch ist. Bei meiner Vorstellung sagte er unter anderem zur Mannschaft: ,Vor euch steht eine Person, die alles, was sie sagt, auch so meint und ehrlich ist.’ Da hat sich wieder gezeigt, was für ein gute Chef er ist.

Morgenpost Online: Gab es jemals einen Streit zwischen Ihnen?

Heynckes: Nein. Wir haben mal ein bisschen lauter diskutiert, als es um einen Einsatz von Klaus Augenthaler ging, den ich nach einer Verletzung geschont hatte. Uli hätte es gern gehabt, wenn er spielt. Da habe ich nur gesagt: ,Uli, das entscheide ich.’ Und damit war das Gespräch auch schon beendet.

Morgenpost Online: Unvergessen ist Ihr gemeinsamer Auftritt im Sportstudio im Mai 1989, als es den verbalen Schlagabtausch mit Christoph Daum und Udo Lattek gab, die damals beim 1. FC Köln waren. Beide Klubs kämpften um den Titel.

Heynckes: Ich bin ein Mensch, dem derartige Kontroversen eigentlich fremd sind. Aber Uli sagte damals: ,Du hältst dich zurück, bleibst schön ruhig und ich mache den Polterer.’ Das war seine Strategie. Überhaupt steckt hinter vielen Dingen, die er tut oder sagt, immer im Sinne des FC Bayern eine ganz klare Strategie. Das habe ich mir erst am vergangenen Sonntag wieder gedacht.

Morgenpost Online: Wieso?

Heynckes: Als wir uns nach der Trauerfeier für Robert Enke über den Weg liefen, fragte er im Hinblick auf das Spiel meiner Leverkusener in München mit einem kleinen Lächeln: ,Na Josef, schon ein bisschen Muffensausen?’

Morgenpost Online: Was haben Sie entgegnet?

Heynckes: Ich habe gelacht und gesagt: ,Ulrich, wir kommen zu euch, um zu gewinnen. Sonntag geht die Serie zu Ende.’

Morgenpost Online: Sie glauben, dass es Leverkusen schafft, nach 20 Jahren wieder in München zu gewinnen?

Heynckes: Ja. Wir haben einen Plan. Ich bin überzeugt davon, dass wir dort gewinnen können.

Morgenpost Online: Im Sommer hat es sicher kaum jemand für möglich gehalten, dass Sie mit Bayer 04 nach zwölf Spielen mit sechs Punkten Vorsprung auf den FC Bayern an der Spitze stehen?

Heynckes: Das ist sicherlich überraschend, aber es ist kein Zufall. Wir haben uns das hart und intensiv erarbeitet, außerdem stimmt die Atmosphäre im Klub. Die Spieler fühlen sich hier so wohl, dass sie gern zum Training kommen und es schaffen, Schwächen abzustellen. Die Mannschaft ist jung, gut und talentiert. Von ihrer Art, wie sie Fußball spielt, war ich schon vor meiner Tätigkeit überzeugt. Dass wir jetzt vorn stehen, war so natürlich nicht vorhersehbar. Denn der FC Bayern hat nun mal das beste Spielerpotenzial Deutschlands, weshalb ihn die meisten wohl auch vorn erwartet haben.

Morgenpost Online: Aber es läuft mit dem neuen Trainer Louis van Gaal nicht rund.

Heynckes: Manchmal braucht es etwas Zeit, bis bestimmte Dinge greifen und sich Spieler gefunden haben. Das Klima muss stimmen, wenn du Erfolg haben willst. Gerade vor dem Hintergrund, dass es so viele Einflüsse von außen gibt.

Morgenpost Online: Das ist doch aber in Leverkusen nicht anders.

Heynckes: Hier ist es schon etwas ruhiger. Gleichwohl haben die Spieler Druck. Deshalb versuche ich auch immer wieder, den Druck von ihnen zu nehmen und nicht noch zusätzlichen zu erzeugen. Denn es ist schwer genug, immer auf den Punkt so zu funktionieren, wie es die Umwelt erwartet.