Uli Hoeneß war dankbar. Und wahrscheinlich hätte er auch noch den Versand eines Präsentkorbes mit Leckereien aus seiner Wurstfabrik angeordnet, wenn es ihm jemand vorgeschlagen hätte. So aber beließ es der Manager des FC Bayern bei der Ankündigung, ein Schreiben nach Bordeaux schicken zu wollen. Mit netten Worten für den französischen Meister Girondins, weil jener dafür gesorgt hat, dass vor der heutigen Jahreshauptversammlung doch noch ein wenig versöhnliche Stimmung in München eingekehrt ist.
Etwas Besseres als die Ergebnisse an diesem Spieltag in der Champions League hätte den Bayern wahrlich nicht passieren können. Mit 2:0 bezwang Bordeaux Juventus Turin. Und weil sich auch die Münchner ihrer Pflicht entledigten und durch ein Tor von Ivica Olic (62.) glanzlos mit 1:0 (0:0) gegen Maccabi Haifa gewannen, haben sie es nun wieder selbst in der Hand, dass bereits entschwunden geglaubte Achtelfinale doch noch zu erreichen.
Am letzten Vorrundenspieltag in zehn Tagen in Turin hilft ihnen zwar nur ein Sieg. Aber dass es überhaupt zu einem Endspiel kommt, bedeutet den Münchnern viel. Auch wenn es ein Friede auf Zeit sein mag. Bei einer Pleite am Sonntag in Hannover „geht der ganze Mist wieder von vorne los“, ahnt Franz Beckenbauer schon. Er meint all die Spekulationen um die Halbwertzeit von Trainer Louis van Gaal und den verunsicherten Kader.
Doch im München dieser Tage gibt es zwei Zeitrechnungen, eine bis zur heutigen Jahreshauptversammlung und eine danach. Auf jener Veranstaltung können die Vereinsoberen jetzt nicht nur Parolen über wirtschaftlich rosige Zeiten schwingen – gestern kaufte Audi für 90 Millionen Euro 9,09 Prozent an der Bayern AG. Sie können auch wieder davon reden, dass die Erfüllung der sportlichen Vorgaben weiter möglich ist. Das Überstehen der Champions-League-Vorrunde hatten die Münchner als Minimum ausgegeben.
Die Fans jedenfalls sangen am Mittwoch trotz der dürftigen Darbietung: „So ein Tag, so wunderschön wie heute.“ Es mag ein Zeichen für die gesunkenen Ansprüche sein, doch in diesem Fall war es vor allem Erleichterung über das erarbeitete Ergebnis, die auch den Vorstand erfasste. Manager Hoeneß frohlockte, „mal ein paar Wochen ohne Trainerdiskussion“ auszukommen. Und selbst der Zwist zwischen Luca Toni, dem divenhaften Italiener mit dem ausgeprägten Hang zum „dolce vita“ und Louis van Gaal, dem gestrengen Übungsleiter aus Holland, scheint keine Entweder-oder-Konstellation mehr in sich zu bürgen.
Zwar sagte van Gaal, wenn Toni weg wolle, müsse er sich einen anderen Klub suchen. Aber er reichte ihm auch die Hand, als er kundtat: „Jeder Spieler hat eine Chance“, nur müsse er die normalen Anforderungen eines Profis erfüllen. Er meinte wohl auch Tugenden wie Loyalität.
Für seine provozierenden Äußerungen über den Trainer („Unser Verhältnis ist so gut wie am Ende“) war er aus dem Kader gegen Haifa verbannt worden und muss 25?000 Euro Strafe zahlen. Um eine Eskalation zu vermeiden, bietet sich Hoeneß als Vermittler in der Causa Toni an. Eine Entschuldigung des Stürmers stehe noch aus, aber wenn das passiere, bestünden Chancen auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit: „Ich denke, dass wir da schon eine kleine Bindung hinkriegen.“ Zumindest bis Januar, dann öffnet der Transfermarkt. Und auch wenn dann der Trainer nicht mehr van Gaal heißen sollte, so scheint ein Verbleib Tonis in München ungewiss.
Am Mittwoch rückte der innerbetriebliche Zoff allerdings in den Hintergrund. Und nicht wenige zeigten sich verwundert darüber, was so ein mageres 1:0 gegen einen israelischen Meister, der bieder spielte und nicht mal Bundesliga-Mittelmaß darbot, auslösen kann. Van Gaal sprach gar von einem der besten Spiele seiner Elf. Die Bewertung mag als psychologische Finesse gedacht sein, diese Sichtweise jedenfalls hatte er exklusiv.
Es war ein verdienter Sieg, ohne Frage. Die Bayern hatten wieder ein gewaltiges Plus an Ballbesitz, sie spielten sich Tormöglichkeiten heraus. „Wir können noch nicht viele Tore schießen, das ist unser Problem“, gab van Gaal zumindest zu. Vor allem jedoch war die kreative Armut erneut nicht zu übersehen. Die ersten Pfiffe kamen bereits nach sechs Minuten. Der größte Jubel brandete auf, als das 1:0 von Bordeaux auf der Anzeigentafel eingeblendet wurde. „Wir haben unsere Pflicht erfüllt“, sagt Kapitän Mark van Bommel. Aber gut gespielt habe man wirklich nicht. Immerhin funktioniere man als Mannschaft. Selbst das wurde ihnen in jüngster Vergangenheit abgesprochen.
Die Chancen auf einen Sieg in Turin beziffert van Gaal mit „50:50“. Er erinnert ans Hinspiel, einem torloses Remis der sehr ansehnlichen Sorte. Es war ein Spiel, in dem der Fußballlehrer van Gaal seine Ideen umgesetzt sah. Ordnung und Kreativität, zwei seiner Lieblingsvokabeln, all das zeigten die Bayern an jenem Abend Ende September. „In der ersten Halbzeit hatten wir Juventus weggespielt“, schwärmt van Gaal.
Es sind Erinnerungen an Zeiten, als Arjen Robben und Franck Ribery noch wirbelten. Seit Wochen nun schon wird ihre kreative Leichtigkeit in München vermisst. Aber „sie sind ante portas“, wie Hoeneß sagt. Ribery absolviert nach Einheiten im Kraftraum wieder Übungen auf dem Rasen, und auch bei Robben ist Besserung in Sicht. „Und das“, sagt Hoeneß, „ist die beste Nachricht, die wir haben können.“




