Gulasch hat er gekocht. Rennt alle paar Minuten in die Küche, um nach dem Rechten zu sehen. „Ich liebe Gulasch“, sagt Wolfgang Kleff (63), als müsse er sich Mut machen.
Aber nein, er kann kochen, die Freunde sagen sogar: Richtig gut kochen kann er. „Ich liebe Braten“, sagt Kleff dann noch, aber bitte, er koche hier für einen Einmannhaushalt, und da er das Geld und das Fleisch nicht eben aus dem Fenster wirft, ist er beim Gulasch geblieben. „Mit dem Braten hätte ich doch heute vier Mann ernährt.“
Aber da sind keine vier. Nicht mal zwei sind da. Kleff ist wieder Junggeselle. Single. Alleine. Das muss ja nicht so bleiben. Und wenn der Bauch erst mal nach vorne wächst, ihm also vorm Spiegel ungefragt entgegen kommt, dann ist für ihn Schluss mit lustig. Dann gibt es weder Braten noch Gulasch, er kann auch anders. Soll heißen: Er kommt auch mit weniger zurecht. Wolfgang Kleff war immer schon ein bescheidener Mensch.
433 Bundesligaspiele hat er bestritten, 56 in der Zweiten Liga, sechs Länderspiele. Wer Bilanzen lesen kann, die im Fußball, merkt schnell: Der Torwart des VfL Borussia Mönchengladbach war nicht irgendeiner, nicht einer von denen, die heute kommen und morgen wieder gehen und sich deshalb für super professionell halten. Das sind die Typen, die Kleff heute Bauchschmerzen bereiten.
Warum steht die Borussia denn wohl, wo die Borussia heute steht, nämlich auf dem letzten Platz? „Weil diese Typen nicht bereit und in der Lage sind, sich, pardon, in dieser Situation endlich mal den Arsch aufzureißen.“ Das dürfen in aller Öffentlichkeit nicht viele sagen, Kleff darf das, er nimmt noch mal die Bilanz, seine Bilanz in die Hand. Da steht: Acht Jahre lang nicht ein einziges Spiel der Borussia verpasst, zwischen 1968 und 1976, das hieß auch damals: Zähne noch fester zusammenbeißen, kämpfen, einstecken, wenn’s mal weh tat, austeilen, wenn sich gerade eine Chance bot. Buff, bang, sie waren ja auch nicht gerade zimperlich zu seiner Zeit.
Und heute?
Kleff verdreht die Augen. Nichts gegen den Verein, das gilt, Borussia ist sein Ein und Alles, ein bisschen immer noch sein Zuhause. Aber die Herren Spieler, bei diesem Thema ist er richtig angefressen, „rennen wie Diven über den Platz“, geben sich beleidigt, verweigern dem Trainer den Handschlag, weil der es gewagt hat, sie auszuwechseln. „Soll er kämpfen, soll er besser spielen, ich kenne keinen Trainer auf der Welt, der die Guten auswechselt.“ Und „das kalte Grausen“ kriegt er bei den Typen, die nach dem erfolgreichen Torschuss das Vereinsemblem auf dem Trikot küssen, „professionelle Heuchler, sonst nichts.“
Ein bisschen hat sich Kleff jetzt in Rage geredet, kein Wunder, sieben Punkte Rückstand auf den sicheren Platz 15 hat die Borussia, so direkt optimistisch ist Kleff da nicht. Jetzt haben sie mit Michael Frontzeck den Trainer rausgeschmissen und einen neuen geholt, Lucien Favre, „aber ach, was soll er denn noch bewegen, das ist jetzt schwer.“
Samstags vor den Heimspielen, treffen sie sich immer wieder, die Alten, die geblieben sind, Rainer Bonhof, Hacki Wimmer, Jörg Criens, Herbert Laumen, und eben er, Wolfgang Kleff. Sie diskutieren gemeinsam die Lage und sind sich meistens schnell einig: „Den Spielern heute mangelt es vielfach nicht am Ballgefühl, sehr wohl aber an Charakter.“ Mit Typen, wie sie es waren, wäre die Lage jetzt garantiert eine andere.
Zur Not, sagt Kleff, hätte er auch mit dem Kopf unterm Arm gespielt, so hat er, als die ersten Herzrhythmus-Störungen kamen, keinem davon erzählt, dem Trainer nicht und auch nicht den Borussia-Ärzten. Am Ende arbeitet sein Herz nur noch zu 60 Prozent, er wurde operiert, lebt danach mit einem Mini-Defibrillator in der Brust, „da bin ich dem Tod gerade noch mal von der Schippe gesprungen.“
Das war die härteste Zeit seines Lebens, er überlebte auch einen Schlaganfall knapp, Probleme machten zudem seine Finanzberater, ruckzuck war das kleine Vermögen weg. Heute sagt er, und das soll lustig klingen, „heute weiß ich nichts anderes, als dass ich lebe.“ Er wohnt zur Miete, fährt Alfa Romeo, als Spieler hatte er früher wie so viele auch einen Porsche. „Mehr Schein als Sein, die Statussymbole, leben auf großem Fuß, das ist vorbei. Authentisch bleiben, das zählt viel mehr.“
Samstags, zu den Heimspielen, ist er dabei, betreut für die Borussia die Sponsoren, sitzt bei der Postbank in der Vip-Lounge und erzählt von damals. Viermal Deutscher Meister ist er gewesen, Uefa-Cup-Gewinner. Und ein Spaßvogel, den sie wegen äußerer Ähnlichkeiten „Otto“ riefen. Er zwinkert eben mal mit dem Auge, das ist immer sein Markenzeichen gewesen. „Und wenn Sie Gulasch mögen, kommen Sie doch morgen vorbei. Ist noch was übrig.“



