Kolumne "Querpass"

Wolfsburg, Gladbach und VfB wären würdige Absteiger

Was zeichnet den perfekten Absteiger aus? Am 22. Spieltag gaben Wolfsburg, Stuttgart und Mönchengladbach aussagekräftige Bewerbungen ab.

Foto: dpa (2), dapd / dpa (2), dapd/Jens Wolf, Axel Heimken, Marijan Murat

Beim Blick auf die hinteren Plätze der Fußball-Bundesliga müssen wir uns nicht die geringsten Sorgen machen – gleich mehrere Klubs haben übers Wochenende eindrücklich gezeigt, dass sie ein würdiger Absteiger wären.

Was zeichnet den perfekten Absteiger aus?

Schauen wir kurz nach Wolfsburg, dort haben alle kapiert, dass das Verlieren allein nicht genügt. Zu einem ernst zu nehmenden Abstiegskandidaten gehört das volle Chaos, jeder grätscht jeden um, der Manager wirft den Trainer raus, die Fans („Hoeneß raus!“) pfeifen dafür auf den Manager, und der neue Trainer macht zur Feier seines Einstands gleich mal den besten Spieler einen Kopf kürzer und verbannt ihn aus erzieherischen Gründen auf die Tribüne – sonst wäre Diego womöglich noch auf die eigensinnige Idee gekommen, mit einem Geniestreich das Nordderby zu entscheiden.

Außerdem, hören wir, hat Pierre Littbarski seinen Pflegefällen im Kampf gegen den Abstieg das Du entzogen. Sie müssen jetzt Sie zu ihm sagen – und der Krampf geht sogar soweit, dass „Litti“ sagt: „Das Wort Abstieg nehmen wir nicht in den Mund.“ Und schon war es drin, das unsägliche Wort, vollmundig zwischen dicken Wangen. Szenen der Panik, Schnappschüsse aus dem Chaos, Schüsse ins Knie.

Nein, so einen Abstieg kriegt kein Klub geschenkt, da muss auch sonst alles passen, mit dem miserablen Kicken allein ist es in dieser Phase der Saison nicht mehr getan: Wer wirklich absteigen will, muss so langsam anfangen, sich selbst zu zerfleischen, ein zerstrittener Haufen ist das Mindeste, was ein anständiger Abstiegsanwärter bieten muss, und bestenfalls fliegen im Training auch noch die Fäuste, der Teamgeist ist ruiniert, nach Maulwürfen wird gesucht, und Psychologen und Mentaltrainer machen die Sorgenkicker vollends gaga, kurz: der ganze Laden dreht durch. So wird abgestiegen.

Nur die Gladbacher haben sich bisher am Riemen gerissen, aber sie haben es leicht. Schon seit kurz nach Saisonbeginn wissen sie, dass bei ihnen Hopfen und Malz verloren ist, also sind sie nicht groß in die Hektik des Amoklaufs verfallen, sie haben den Trainer in Ruhe verlieren lassen, und auch am Samstag nach dem Schlusspfiff auf St. Pauli waren sie sich einig, dass es völlig egal ist, ob Michael Frontzeck noch am selben Abend, am Sonntag nach dem Kirchgang oder erst Montag entlassen wird – oder gar nicht mehr. Letzteres hielten die Besonnenen für die sparsamste Lösung, doch am Sonntagabend wurde Frontzeck schließlich doch gefeuert.

Aber wer ist schon besonnen in dieser Endzeitstimmung? Der Fan am wenigsten. Der in Stuttgart pfeift wütend auf alles, was Beine hat, den Nationalspieler Serdar Tasci, den Manager Fredi Bobic und die Vereinsbosse. Deren Konzept der Nachwuchsförderung sieht in der Praxis so aus, dass die größten Talente verkauft oder ausgeliehen werden wie Julian Schieber, mit dem Ergebnis, dass der dann im Nürnberger Trikot den VfB gleich zweimal abschießt.

Um nicht verrückt zu werden, muss der Stuttgart-Fan deshalb inzwischen gleichzeitig auch Neurologe und Psychiater sein – wie Dr. Thomas Miller, mit dem wir das folgende Fachgespräch über die Risiken und Nebenwirkungen des Abstiegskampf führten und über das richtige Verhalten bei diesem Drahtseilakt.

Herr Miller, können Sie sich kurz ausweisen?

„Block 21 A, Reihe 12, Platz 8.“

Was empfinden Sie da als Fan zurzeit?

„Angstattacken. Neulich musste ich musste meine Nebensitzerin auffordern, eine zu rauchen, sie hatte es vor Aufregung vergessen. Du schlotterst als Fan. Du willst zur Sau raus, um nicht durchzudrehen. Dazu diese Einkaufspolitik, das Geld für den alten Mauro Camoranesi hätte sie genauso gut zum Fenster rausschmeißen können, dann hätten wir es wenigstens flattern sehen... Aber streichen Sie das wieder.“

Wieso?

„Diese Nörgeleien reißen uns noch alle in den Abgrund.“

Aber muss ein Fan nicht die Wahrheit sagen dürfen?

„Gerade weil es stimmt, darf ich es nicht. Mancher von uns wird im Alter zu sich sagen: ‚Hätte ich doch meine Mutter besser behandelt und Christian Gentner nicht ausgepfiffen.’ Wir müssen einen Fehlpass auch mal beklatschen – als Mut zum Risiko. Und hören wir auf, den Präsidenten Erwin Staudt als Vollpfosten zu beschimpfen.“

Also: Backen zusammenkneifen und an einem Strang ziehen?

„Alles andere führt in die Zweite Liga. Der Abstiegskampf verzeiht kein falsches Wort.“

Trotzdem macht die Angst fast alle kopflos. Sogar bei Werder Bremen, der alten Idylle, greift der kleine Marko Marin im Training jetzt offenbar schon zur körperlichen Gewalt, und hinterrücks, ohne Wissen von Trainer und Manager, engagierten die Spieler einen Mentaltrainer, was dann aber derart offen in der Zeitung stand, dass Kapitän Torsten Frings jammert: „Wir haben einen Spinner in der Mannschaft, der nicht dichthalten kann.“ Immerhin halten die Bremer ihre Maulwurfsuche klein – und hoffen auf den abstiegsreifen Amoklauf anderer.

Bewirbt sich auch Frankfurt noch?

Die Eintracht lag lange weit vorn, sorgt aber als Zwietracht Krankfurt jetzt für soviel Furore, dass ihr selbst der Sturzflug vollends gelingen könnte, Stück für Stück, so wie der Trainer Michael Skibbe und der Stürmer Ioannis Amanatidis sich entzweit haben. Der eine setzte den anderen als Kapitän ab und irgendwann als Torjäger nicht mehr ein, und der Grieche sah daraufhin öffentlich „das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt“ und sagt inzwischen so zündende Dinge wie: „Mir kann hier keiner ans Bein pinkeln. Das prallt alles an mir ab.“ Skibbe hat ihn an die frische Luft gesetzt – und falls die Eintracht bei der Selbstzerstörung noch einen Zahn zulegt, sollten sich die Gladbacher und Stuttgarter da hinten ihrer Sache nicht zu sicher sein.