Schwerer Sportbetrug

Wie der Fußball-Wettskandal wirklich ablief

Der europäische Fußball wird von einem der schwersten Skandale erschüttert. Auf Morgenpost Online erzählen Insider, mit welchen Methoden manipuliert wurde und wie viel Geld floss. Die Drahtzieher sind neben dem in Untersuchungshaft sitzenden Ante S.aus Berlin vier weitere Berliner.

Foto: ddp / ddp/DDP

Sie standen da, als würde gerade die Nationalhymne gespielt werden. In einer langen Reihe hatten sich die Spieler des VfL Osnabrück im Mittelkreis aufgestellt, die Arme jeweils über die Schultern des Nachbarn gelegt. 40 Minuten vor Anpfiff der Drittligapartie gegen die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund wollten sie Geschlossenheit mit ihrem Kollegen demonstrieren. Thomas Reichenberger hielt wenige Meter vor den anderen per Mikrofon eine Ansprache an die Fans. Er habe nicht betrogen, schwor der Angreifer, ehrlich nicht.

Reichenberger soll zu den vielen Verdächtigen des größten Wettskandals der europäischen Fußballgeschichte zählen. Laut Bochumer Staatsanwaltschaft besteht nach neunmonatigen Ermittlungen in vier Ländern der konkrete Verdacht, dass alleine in Deutschland mindestens 32 Spiele von der Zweiten Liga bis in den Juniorenbereich verschoben wurden. Europaweit stehen in insgesamt neun Ländern 200 Spiele unter Manipulationsverdacht. Namen der Beteiligten nennen die Behörden bislang nicht.

Nach Informationen von Morgenpost Online handelt es sich bei den Drahtziehern um eine fünfköpfige Gruppe. Zu dieser gehörten neben dem bereits einschlägig bekannten und inzwischen in Untersuchungshaft sitzenden Ante S. vier weitere Berliner südosteuropäischer und türkischer Herkunft.

Die Köpfe der Bande arbeiteten eng mit einer weiteren Gruppe zusammen, die für die Umsetzung der Betrügereien zuständig war, insbesondere für die Bestechungen von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern. Wie Morgenpost Online aus Ermittlerkreisen erfuhr, gehört zu dieser Gruppe unter anderem ein Berliner türkischer Herkunft, der sich vornehmlich um Manipulationen von Spielen in seiner Heimat gekümmert haben soll. Eine Bestätigung seitens der Behörden gab es unter Verweis auf das laufende Verfahren nicht.

Aus der Wettszene der Hauptstadt hieß es jedoch, der Mann habe an mindestens einem halben Dutzend versuchten und gelungenen Manipulationen von Spielen in der zweiten und dritten türkischen Fußballliga mitgewirkt. In einem Fall soll gar ein Spiel der ersten Liga zwischen einem Istanbuler Klub und einem Verein aus Ankara betroffen gewesen sein. Auch hierzu äußerten sich die Staatsanwälte der Schwerpunktdienststelle für Wirtschafts- und Korruptionsdelikte in Bochum offiziell nicht.

Ein Insider weiß bemerkenswerte Details über die einzelnen Bestechungen zu berichten. So sollen zur Manipulation eines Drittligaspiels in der Türkei 30.000 Euro an den Trainer und mehrere Spieler der Gastmannschaft geflossen sein. Die Empfänger sollten im Gegenzug dafür sorgen, dass der Gegner in der ersten Halbzeit des Spiels drei Treffer erzielt. Auf diesen Verlauf sei von der Berliner Bande um Ante S. bei zwei Wettanbietern ein Betrag von insgesamt 60.000 Euro gesetzt worden.

Die bestochenen Spieler sorgten unter anderem mit einem Eigentor und einem wohl absichtlich verursachten Foulelfmeter dafür, dass das gewünschte Ergebnis zustande kam. Die Wettmafia kassierte dadurch angeblich einen Gewinn von 48.000 Euro.

Es soll sogar den Versuch gegeben haben, im Zusammenhang mit einem weiteren Drittligaspiel in der Türkei die Präsidenten beider Vereine mit 20.000 Euro zu bestechen. Dieser Versuch ist aber offenbar gescheitert. Für die Bande um Ante S. war dies nach Erkenntnissen der Ermittler nicht die einzige Pleite.

Ohne Erfolg blieb auch der Versuch, Spieler eines türkischen Zweitligisten dazu zu bewegen, ihr Spiel zu verlieren. Die angesprochenen Spieler erklärten zunächst ihre Bereitschaft und wie in einem mittelmäßigen Krimi erschien ein Beauftragter der Berliner Wettmafia vor der Begegnung, öffnete einen Aktenkoffer und zeigte den Akteuren die für den Betrug versprochenen 40.000 Euro, bezahlbar nach Ende des Spiels.

Diesmal gewann jedoch die „falsche“ Mannschaft. Dass die Wettbetrüger ihre 40.000 Euro nicht auszahlen mussten, war ein schwacher Trost. Hatten sie doch bei drei ostasiatischen Wettanbietern 132.000 Euro auf den entgegengesetzten Spielausgang gesetzt.

„Wir gehen davon aus, dass Manipulationen und Manipulationsversuche in dieser Form auch in vielen anderen Ligen von den Verdächtigen durchgeführt wurden“, sagte ein Ermittler. Details wollte er nicht nennen, nach Informationen von Morgenpost Online betrifft es aber vor allem ost- und südosteuropäische Ligen. Die mutmaßlichen Betrüger um Ante S. platzierten ihre Wetteinsätze vor allem bei Internet-Anbietern wie IBC, SBO, Ambassador und Bet at Home. In welchem Umfang die betrügerischen Wetten erfolgten, ist noch unklar. Ein Ermittler dazu: „Wir stehen noch ganz am Anfang, und es würde mich nicht wundern, wenn am Ende schwindelerregende Summen herauskommen.“

Diese wurden wohl auch auf Spiele in unterklassigen deutschen Ligen gesetzt. So stehen laut „Spiegel“ gleich vier Partien des SSV Ulm aus der Endphase der vergangenen Regionalligasaison unter Manipulationsverdacht. Zudem soll in der Vorbereitung der aktuellen Saison ein Testspiel gegen Fenerbahce Istanbul (0:5) verschoben worden sein. „Wir gehen davon aus, dass niemand mit dieser Sache etwas zu tun hat“, sagte SSV-Vizepräsident Mario Meuler. Dennoch mussten wohl alle Spieler schriftlich versichern, nichts mit dem Wettskandal zu tun zu haben.

Auch ein Schiedsrichter soll in die Machenschaften verwickelt sein und bei einem Spiel der Regionalliga Süd im Mai Schmiergeld von den Wettbetrügern kassiert haben. In Bayern wurde ein Spieler der FC Würzburger Kickers bereits verhaftet. Kristian S. war bereits in einen früheren Wettskandal verwickelt gewesen. Ob auch andere Spieler betroffen sind? „Ich kann nichts mehr ausschließen“, sagte Peter Hofmann, Geschäftsführer des Landesligaklubs.

Die gleiche Antwort gab Hofmanns Osnabrücker Kollege. Trotz der Beteuerungen seines Angreifers.

Mitarbeit: SUF, sl, pk