Er strahlte, und es hatte den Anschein, als mochte er gar nicht mehr aufhören zu sprechen. Mit jedem Satz, den er von sich gab, wurde deutlich, wie intensiv Lewis Holtby sein erstes Länderspiel für Deutschland genossen hatte. „Ich kann jedem jungen Spieler nur raten, alles zu geben, um so einen Moment einmal zu erleben“, sagte er nach dem 0:0 gegen Schweden. Er schien so voller Adrenalin, dass er befürchtete: „Ich glaube, ich kann heute nicht schlafen.“

Holtby (20) hat es dann aber doch getan. Wenn auch nur ein paar Stunden, wie er am Tag nach dem letzten Länderspiel des Jahres wissen ließ. Es war keine berauschende Partie gewesen, in der der Mainzer seine Premiere gefeiert hatte. Dennoch war Bundestrainer Joachim Löw zufrieden. Weil nicht das Ergebnis für ihn so sehr von Interesse war, „sondern die Art und Weise, wie gut die jungen Spieler sich integriert und gleich Verantwortung übernommen haben“.

Neben Holtby hatte Löw in Göteborg noch dessen Teamkollegen Andre Schürrle (20) sowie den Dortmundern Marcel Schmelzer (22) und Mario Götze (18) zum Debüt verholfen. Es war ein weiteres Kapitel in der Ära Löw, die Entwicklung des deutschen Fußballs für eine erfolgreiche Zukunft voranzutreiben. Den nachhaltigsten Eindruck des Quartetts aber hinterließ vor allem Holtby. Gut gefallen habe ihm dieser, sagte Löw und lobte dessen gute Technik und Ballsicherheit: „Lewis hat ein gutes Auge auf dem Platz und immer gute Lösungsansätze.“

In Aachen hatte Holtby 2007 den Durchbruch geschafft. Zwei Jahre spielte er für die Alemannia, ehe er 2009 zu Schalke 04 ging. Weil er sich dort unter Felix Magath nicht durchsetzen konnte, wurde er erst nach Bochum und in diesem Sommer nach Mainz ausgeliehen. Dort spielte er sich schließlich ins Rampenlicht und in den Fokus von Löw. „Ich habe vom Trainerteam das Vertrauen gespürt. Das ist super, wenn sie dir von draußen sagen: ‚Spiel frei auf, Lewis!’“, sagte der Mittelfeldspieler. Er habe es als eine Ehre empfunden für sein Vaterland spielen zu dürfen. Doch nun müsse er das Ganze auch richtig einordnen: „Ich darf keinen Höhenflug bekommen."

Darauf werden sie in Mainz schon achten. In seinem Verein ist Holtby nun angehalten, seine Leistungen zu bestätigen, wenn er auf Dauer eine Alternative zu den Etablierten in der Nationalelf sein will. Die Chance dazu hat er. Löw ist ein Trainer, der Talente fördert und jungen Spielern Perspektiven aufzeigt. Er schürt damit zugleich den Konkurrenzkampf. „Inzwischen kann ein 19-Jähriger Druck auf einen 23-Jährigen machen. Das ist die beste Situation für einen Trainer“, sagte Löw. Ob die jungen Spieler aber den Ansprüchen genügen und bei der Nationalelf eine tragende Rolle spielen werden, sei aber erst in einigen Monaten, vielleicht auch Jahren zu beantworten.

Zumal die Auswahl an potenziellen Nationalspielern im Vergleich zu vergangenen Zeiten viel größer ist. Holtby etwa wird es auf der Position im zentralen Mittelfeld nicht leicht haben. Dort ist Mesut Özil gesetzt. Nur wenn der Star von Real Madrid mal verletzt oder außer Form ist, hätte Holtby eine Chance. Auf den Außen ist die Chance schon viel größer. Da wirkten Lukas Podolski (links) und Thomas Müller (rechts) nicht immer stabil.

Holtby wird um seine Möglichkeit kämpfen. Wie so viele junge Spieler in Deutschland genießt auch er in seinem Verein das Vertrauen seines Trainers. Thomas Tuchel wird auf ihn setzen, auch wenn er dem Shootingstar noch keine Einsatzgarantie für die Partie in Mönchengladbach geben wollte. Nach seinem Debüt habe er Blut geleckt, so Holtby: „Ich habe immer gesagt, dass es alles super toll und der Wahnsinn ist. Aber ich möchte ein Komma setzen und keinen Punkt. Ich möchte jetzt nicht aufhören, sondern immer mehr.“

Auch dieser Ehrgeiz dürfte dem Bundestrainer gefallen. Am Ende des WM-Jahres, „in dem wir eine neue Fußball-Kultur geschaffen und mit Qualitätsfußball made in Germany überzeugt haben“, blickt Joachim Löw positiv auf 2011: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Vielleicht ja auch mit Lewis Holtby.