Bildungsprofi

Schalkes Draxler als Vorbild für die deutschen Talente

Schalkes 17-jähriges Talent Julian Draxler darf die Schule nicht abbrechen. Gut so, denn jeder vierte ehemalige Fußball-Profi leidet unter Geldsorgen.

Nach dem großen Spiel muss Julian Draxler, 17, in sein altes Leben zurückkehren. Am Dienstag (20.45 Uhr, Sky) tritt das Mittelfeldtalent mit dem FC Schalke 04 noch im Achtelfinale der Champions League beim FC Valencia an, Millionen TV-Zuschauern werden zusehen. Am Donnerstag sitzt er wieder auf der Bank – im Klassenzimmer. Dabei wollte Draxler eigentlich nicht mehr zur Schule gehen. Sein Trainer Felix Magath hatte ihm ob der guten Entwicklung geraten, sich auf den Fußball zu konzentrieren, und Draxler sich beurlauben lassen.

Was er offenbar nicht wusste: In Nordrhein-Westfalen gilt die Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr, also muss Draxler bald wieder Mathe-Formeln und englische Vokabeln lernen. Ob er will oder nicht. Der Fall hat unter der Woche eine Diskussion ausgelöst: Dürfen Fußballer ihre Ausbildung dem Sport opfern? Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) schaltete sich ein und riet, an die Zeit nach dem Kicken zu denken, Fußball-Legende Günter Netzer mahnte: „Es gibt keine Garantie für eine sportliche Karriere.“

Die Warnungen sind berechtigt. Als Draxlers zwischenzeitlicher Schulabbruch bekannt wurde, veröffentlichte die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) eine alarmierende Statistik: Jeder vierte Spieler ist am Ende der Karriere pleite oder überschuldet. „Viele Profis bilden keine Rücklagen“, sagt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky.

Falsche Berater, teure Autos, Villen – da ist das Geld schnell weg. Beispiele gefällig? Günter Breitzke, 42, spielte von 1988 bis 1992 für Borussia Dortmund. Heute lebt er von Hartz IV. Seit seinem Karriereende 1999 ist er arbeitslos, lebte zeitweise bei seinen Eltern im alten Kinderzimmer. Seine Lehre zum Maler und Lackierer hatte er in jungen Jahren abgebrochen – des Fußballs wegen. Der ehemalige Nationaltorwart Eike Immel, 50, zog vor drei Jahren ins RTL-Dschungelcamp, um sich Geld für eine Hüftoperation zu verdienen. In den Ruin führen viele Wege. Hinaus nur wenige.

Was die VDV am stärksten sorgt: Die meisten Spieler lernen keinen Beruf, den sie nach der Karriere ausüben können. „Etwa 20 Prozent bilden sich fort, die meisten über ein Fernstudium. Das sind zu wenige“, sagt Baranowsky. Nach Hochrechnungen der Vereinigung haben zwei Drittel der Profis in Deutschland Abitur oder Fachabitur. Eine Berufsausbildung aber lediglich 20 Prozent. Ausnahmen sind Nationalverteidiger Marcel Schäfer vom VfL Wolfsburg und Robert Palikuca, ehemaliger Abwehrspieler beim FC St. Pauli und Fortuna Düsseldorf. Beide haben Sportmanagement studiert, Palikuca arbeitet inzwischen im Marketing der Fortuna und sagt aus eigener Erfahrung: „Zu viele Spieler verlassen sich darauf, dass es irgendwie schon irgendwo weitergehen wird. Das ist Träumerei.“

Viele wollen nach der Karriere Trainer oder Manager eines Vereins werden. Die wenigsten schaffen es, sagt Baranowsky. Bei ihm melden sich Familienväter, denen nach der Laufbahn finanziell „das Wasser bis zum Hals steht“ und mit ihren Liebsten nächtelang diskutieren, wie sie Geld verdienen können. „Früher haben Profis nach der Karriere nicht selten bei einem Verbandsligaklub angeheuert und bei einem Sponsor des Vereins eine Ausbildung gemacht. Das geht heute aber kaum noch, weil die Unternehmen mittlerweile höhere Anforderungen stellen“, sagt Baranowsky.

Die VDV stellt ihnen deshalb einen Laufbahncoach zur Verfügung. Dieser besucht Mannschaften und informiert über Verdienstmöglichkeiten und Studiengänge. Dass es trotz des engen Spielplans möglich ist, sich ein zweites Standbein aufzubauen, hat Reiner Wirsching bewiesen. Er spielte in den 90er-Jahren für den 1. FC Nürnberg und studierte „nebenbei“ Medizin. Der Chirurg und Sportmediziner hat heute eine eigene Praxis in Schweinfurt. Doch ein Studium kann das Ansehen eines Fußballers in seinem Klub auch schaden, weiß Baranowsky: „Einige Spieler haben uns berichtet, dass sie vereinzelt von Kollegen im Mannschaftsbus schräg angeschaut werden, weil sie Lehrbücher lesen. Nicht überall in Vereinen wird es gern gesehen, dass Spieler sich fortbilden. Manchmal heißt es, dass sie dadurch nicht fokussiert genug auf den Fußball seien.“

Rollendes Klassenzimmer

Die VDV und die Bundesliga wollen dies ändern. Talente sollen nicht länger vor der Wahl stehen: Fußball oder Bildung? Ein ganz besonderes Modell hat der SC Freiburg entwickelt: Der Mannschaftsbus der C-Jugend wird an Wochenenden zum rollenden Klassenzimmer. Ihr Co-Trainer Oliver Niemand und Physiotherapeut Daniel Junker sind gleichzeitig Lehrer an der Freiburger Angell-Schule. Auf Auswärtsfahrten kontrollieren sie die Hausaufgaben der 14-Jährigen und rufen die Spieler zur Abfrage des Stoffes einzeln nach vorn. „Sie ziehen sehr gut mit und wollen alle einen guten Abschluss“, sagt Junker. Zur Kontrolle müssen die Spieler Kopien ihrer Zeugnisse abgeben. Hat ein Schüler schlechte Noten, darf er nur noch weniger trainieren und erhält Nachhilfe.

Ähnlich läuft es beim 1. FC Köln: Der Klub kooperiert gleich mit fünf Schulen. Der Stundenplan der Spieler richtet sich nach den Trainingseinheiten, sie werden für Lehrgänge freigestellt. Auch die Gelsenkirchener Gesamtschule Berger Feld, die Julian Draxler ab nächster Woche besucht, hat einen Sport-Schwerpunkt. „Wenn unsere Jugend-Nationalspieler auf Reisen sind, kann es sein, dass sie ihre Klausuren in Namibia schreiben“, sagt Arthur Preuß, Fußball-Koordinator der Schule.

Er freue sich, dass Draxler bald wieder Schüler ist. Und zitiert einen Satz des Talents, der auf seiner Internetseite steht: „Mit einem guten Abitur habe ich alle Möglichkeiten. Daran versuche ich mich.“