Tabellensechster

Trainer Hecking erklärt Nürnbergs Erfolgsgeheimnis

Der 46-Jährige erlebt mit den Franken seine erfolgreichste Bundesliga-Saison. Im Interview mit Morgenpost Online erklärt er, warum.

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Morgenpost Online: Herr Hecking, wie oft schauen Sie derzeit auf die Tabelle?

Dieter Hecking: Öfter mal und sehr gern. Wir sind Sechster, das ist eine Leistung, die nicht zu erwarten war.

Morgenpost Online: Sie sind von der Mannschaft auch so überrascht wie Experten und Fans?

Hecking: Mit Freiburg, Hannover und Mainz sind wir die Überraschung der Saison. Im Sommer haben wir als Ziel ausgegeben, den Abstieg und die Relegation zu vermeiden. Wir hatten 13 Abgänge und zehn neue Spieler, und ich habe zwar gewusst, dass wir Erfolg haben können, wenn die Mannschaft schnell zusammenfindet.

Morgenpost Online: Die Fans träumen jetzt von der Qualifikation für die Europa League.

Hecking: Das dürfen sie auch, schließlich haben sie schon schwere Zeiten mit dem „Club“ erlebt. Wir werden aber nicht Woche für Woche unser Ziel korrigieren. Wir wollen – wie in der Hinrunde – auch in der Rückserie 22 Punkte holen. Wenn wir so weiterspielen, sollte das gelingen. Und wenn wir dann Fünfter werden können, bremse ich die Mannschaf sicher nicht.

Morgenpost Online: Was ist Nürnbergs Erfolgsgeheimnis?

Hecking: Wir haben in der vergangenen Rückrunde einen entscheidenden Schritt gemacht. Wir hatten fünf Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz und haben trotzdem den Klassenverbleib geschafft. Unsere jungen Spieler haben gezeigt, dass sie für ihr Alter schon sehr nervenstark sind. Und vor dieser Saison hatten wir auch Glück mit den Transfers.

Morgenpost Online: Andere würden sich für Ihre gute Einkaufspolitik loben, Sie sprechen von Glück. Das überrascht.

Hecking: Natürlich war das nicht nur Glück. Mehmet Ekici habe ich vor der Saison gesagt: „Wenn du dein Potenzial abrufst, wirst du in dieser Saison mehr als 25 Bundesligaspiele absolvieren.“ In den Gesprächen mit Spielern zeigen wir den optimalen Weg auf. Dass es dann so eintrifft, ist toll. Um Per Nilsson haben wir uns lange bemüht, er passt vom Charakter sehr gut in die Mannschaft. Timmy Simons hat vom seinem vorherigen Verein PSV Eindhoven eine Siegermentalität mitgebracht. Sie haben bombig eingeschlagen.

Morgenpost Online: Ist Ihnen der Charakter eines Spielers wichtiger als seine sportliche Qualität?

Hecking: Wir erhoffen uns, in Gesprächen den wahren Charakter kennenzulernen. Ich habe aber schon Beispiele erlebt, bei denen die Einschätzung nicht zutraf. Du musst ein feines Gespür entwickeln. Sportdirektor Martin Bader und ich haben viele Leute, die uns Einschätzungen geben. Wir dürfen uns keinen Fehlschuss erlauben. Bei einem Verein, der nicht auf jeden Euro schauen muss, ist das anders. Wenn wir Geld in die Hand nehmen, muss der Transfer sitzen.

Morgenpost Online: Großer Druck für einen Trainer.

Hecking: Ich habe immer in Vereinen gearbeitet, wo das so war, ob nun in Lübeck, Aachen oder Hannover.

Morgenpost Online: Mit welchen Argumenten werben Sie Talente? Andere Vereine können deutlich bessere Gehälter zahlen.

Hecking: Wir zeigen ihnen auf, dass sie bei uns spielen. In diesem Jahr haben wir herausragende Argumente: Jens Hegeler, Mehmet Ekici und Ilkay Gündogan sind mit Anfang Zwanzig Stammspieler. Und wir haben schon die Generation danach entwickeln können, bei uns kommen Spieler mit 18 Jahren zum Einsatz. Das ist unser Faustpfand in den Gesprächen. Nicht jeder kann den direkten Weg zu einem der Top-Fünf-Klubs der Bundesliga gehen. Eine Station in Nürnberg, hier in zwei Jahren 50 Bundesligaspiele absolvieren, und dann zu einem anderem Verein – so geht es auch. Anstatt bei einer anderen Mannschaft wegen der starken Konkurrenz nur zehn Spiele zu machen. Das ist ein Argument, dass die neue Generation der Fußballspieler angenommen hat.

Morgenpost Online: Tatsächlich?

Hecking: Ja, das ist ein Unterschied zu den vergangenen Jahren. Es hat ein Umdenken stattgefunden. Ein Spieler will sich heute über die Anzahl seiner Einsätze definieren – und nicht in allererster Linie über das Geld. Uns werden viele junge Spieler angeboten, weil die sehen, in Nürnberg kann ich mich entwickeln.

Morgenpost Online: Sie sind Vater von fünf Kindern. Können Sie deshalb so gut mit jungen Spielern umgehen?

Hecking: Ich muss zu den Spielern schon eine gewisse Distanz haben. Zu viel Nähe ist nicht gut. Aber sie sollen wissen, dass ich für sie eine absolute Vertrauensperson bin. Sie wissen, dass sie zu mir kommen und auch über Dinge fernab des Fußball sprechen können. Ob jung oder alt. Kommunikation ist mir sehr wichtig.

Morgenpost Online: Viel wird über die neue Trainergeneration um Thomas Tuchel und Jürgen Klopp gesprochen, die am Spielfeldrand oft Ihre Wut und Freude zeigen. Sie wirken immer sehr sachlich.

Hecking: Bei mir heißt es oft, ich sei ein Grantler, ein sachlicher Arbeiter und mein Blick oft mürrisch. Wer mich privat kennt, der sagt: „Das bist du gar nicht!“ Jeder, der als Trainer in der Bundesliga arbeitet, ist ein Guter. Und jeder hat seine Art in diesem knochenharten Geschäft aufzutreten. Ob es nun Holger Stanislawski, Dieter Hecking oder Louis van Gaal ist. Jürgen Klopp ist zu recht in aller Munde. Aber nicht jeder springt wie er an der Seitenlinie rum und ist deshalb nicht besser oder schlechter als er. Du solltest dich nicht verbiegen. Jupp Heynckes arbeitet hervorragend, obwohl er älter ist. Und van Gaal bleibt trotz der Vertragsauflösung beim FC Bayern zum Saisonende ein guter Trainer. Mir ist wichtig, dass die Fußballszene erkennt, dass Dieter Hecking ein guter Trainer ist. Die Nachhaltigkeit meiner Arbeit ist mir am wichtigsten.

Morgenpost Online: Können Sie mit den Jungstars Ekici und Gündogan langfristig planen, oder muss der Verein sie zur neuen Saison abgeben?

Hecking: Ob wir das aus finanzieller Sicht müssen, entscheidet Sportdirektor Martin Bader. Ich denke aber, dass wir etwas Geld eingespielt haben. Gündogan ist ein Spieler, der für Topklubs interessant ist. Sein Vertrag bei uns gilt nur noch für ein Jahr. Er weiß aber auch, dass er hier nächstes Jahr Stammspieler sein wird, und er ist erst 20. In dem Alter musst du noch nicht alles geschafft haben. Wenn das Angebot eines Topklubs kommt, wird es sicher schwer ihn zu halten. Das könnte ich dem Jungen auch nicht verübeln.

Morgenpost Online: Will er bleiben?

Hecking: Das haben wir noch nicht besprochen.

Morgenpost Online: Bleibt Ekici? Er ist bislang nur bis Saisonende vom FC Bayern München ausgeliehen.

Hecking: Da haben wir nicht das letzte Wort. Das haben die Bayern. Wir wissen ja noch nicht, was nach van Gaal kommt. Wenn ein Trainer übernimmt, der Mehmet will, werden wir keine Chance haben.

Morgenpost Online: Ihre Familie lebt bei Hannover, Sie leben in Nürnberg. Wie bringen Sie Job und Privatleben in Einklang?

Hecking: Das ist leider nicht immer in Einklang zu bringen. Ich führe eine Wochenendbeziehung. In der vergangenen Woche ist meine Frau zum Beispiel mit zwei unserer Kinder Samstagfrüh nach Nürnberg gekommen. Sie war beim Spiel, am Abend waren wir essen und sind Sonntagmittag gemeinsam mit dem Zug nach Hannover gefahren. Am Montagabend bin ich zurückgefahren. Ich habe dann nur wenige Stunden mit den Kindern, das ist nicht optimal. Das ist in vielen anderen Familien aber auch so.