Anhänger machen mobil

Fans kippen Trainer – Die neue Macht aus der Kurve

Bayern München, der HSV und Schalke spüren den großen Fan-Einfluss. Noch sind die Klubs nur bedingt eingestellt auf Mitgliederabstimmungen und Hasstiraden.

Mit Felix Magath hatte niemand gesprochen, und vielleicht ist das das Perfideste an seinem Rauswurf auf Raten. Während sich Regionalzeitungen, Agenturen und Nachrichtensender bereits darin überboten, anonyme Quellen aus höchsten Vereinskreisen bestätigen zu lassen, dass der Trainer des FC Schalke 04 spätestens am Saisonende seines Amtes enthoben wird, saß der Geschasste im Hotel und wusste von nichts.

Ursprünglich hatte er sein Team in Ruhe auf das Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales gegen Valencia vorbereiten wollen. Doch daraus wurde nichts, denn auch im „Landgasthaus Milser“ in Duisburg, wo die Schalker Mannschaft vor dem Spiel am Abend logierte, gab es schnell nur noch ein Thema.

Es erfordert schon reichlich Blauäugigkeit, den Zeitpunkt der Lancierung für zufällig zu halten. Wer diese Nachricht verbreitet hat, die in der Nacht zu Mittwoch zuerst auf der Internetseite der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ auftauchte, wollte Magath schaden und pfiff dabei auf den Erfolg des Vereins. Denn für den Trainer war der Zeitpunkt der Veröffentlichung, wenige Stunden vor einer so wichtigen Partie, eine Katastrophe. Und: Der- oder diejenigen haben einen Kniefall vor einer Gruppe machtbewusster Fans gemacht, die seit Monaten für Stimmung gegen Magath sorgen. Mit diesem Problem stehen die Schalker allerdings nicht allein da.

Auch beim Hamburger SV wurden zuletzt wichtige Entscheidungen von den Anhängern diktiert. Der „Supporters Club“ ist ein Dachverband der Fans; wer in ihn eintritt, wird automatisch auch HSV-Mitglied – mit Stimmrecht auf der Mitgliederversammlung. Auf einer solchen wurden Anfang Januar vier der zwölf Aufsichtsratsmitglieder neu gewählt, alle vier sprachen sich am vergangenen Wochenende gegen die Verlängerung des Vertrages von Vorstandschef Bernd Hoffmann aus. Drei der vier neuen Aufsichtsräte sollen unter dem Einfluss der „Supporters“ stehen, die strikt gegen Hoffmann sind.

Seither tobt in Hamburg das Chaos – im Verein und bei den Fans. Der Klub ist de facto führungslos. Neben dem Fall Hoffmann und der Entmachtung von Sportdirektor Bastian Reinhardt, der im Sommer wieder Auszubildender des Vereins wird, hat Armin Veh alle Ambitionen weggewischt, den HSV zukunftsfit zu machen. Der Trainer erklärte am Dienstag, definitiv nicht über das Saisonende hinaus für die Hanseaten tätig sein zu wollen. „Ich habe so etwas wie hier noch nie erlebt. So kannst du nicht arbeiten. Es geht nicht mehr um Fußball. Der HSV befindet sich in einer gefährlichen Situation“, sagte er und ergänzte: „So kann ein Verein nicht regiert werden.“

Und auch die Fans gehen aufeinander los. Auf Facebook hat die Gruppe „HSV Supporters Club – Opposition“ regen Zulauf. Ebenso eine Unterschriftensammlung im Internet, die eine Außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen will, auf der der Aufsichtsrat zum Umdenken gezwungen werden soll.

Selbst der Branchenprimus Bayern München bekam jüngst die Macht der Fans zu spüren. Zwar hatten die Anhänger keinen Einfluss auf die Entscheidung, den Vertrag von Trainer Louis van Gaal vorzeitig im Sommer zu beenden. Doch im Halbfinale des DFB-Pokals am Mittwoch vergangener Woche griffen sie massiv in die Vereinspolitik ein. Im Spiel gegen den FC Schalke 04 (0:1) wurden Gästetorwart Manuel Neuer Tausende Zettel entgegen gereckt: „Koan Neuer“ stand darauf.

Hintergrund: Der FC Bayern liebäugelt seit langem mit der Verpflichtung des deutschen Nationaltorhüters. Die Fans sind dagegen, hätten lieber weiter Eigengewächs Thomas Kraft zwischen den Pfosten. Neuer wird sich nun genau überlegen, ob er zu einem Klub wechseln möchte, dessen Zuschauer ihn derart unfreundlich empfangen haben.

Wie beim HSV standen allerdings auch in der bayerischen Landeshauptstadt bei weitem nicht alle Fans hinter der Aktion. Die Zettel in der Münchner Arena sollen von der Gruppierung „Schickeria“ ins Stadion gebracht worden sein, einer fanklubübergreifenden Ultra-Gruppierung. Die Bayern-Bosse reagierten schockiert und prompt: „Ich möchte mich im Namen des FC Bayern bei Manuel Neuer entschuldigen. Der Junge hat dem FC Bayern überhaupt nichts getan. Er hat sich nicht einmal negativ geäußert über Bayern München“, rügte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Fans. Präsident Hoeneß entschuldigte sich sogar persönlich bei Neuer.

Und auch bei Schalke waren es Teile der Fans, unter deren Druck der Aufsichtsrat um Clemens Tönnies einknickte. Offiziell wurde bemängelt, dass Magath dem Verein durch die vielen Transfers die Identität rauben würde, die Fans fühlten sich „nicht mitgenommen“. Hinter den Kulissen jedoch tobt seit langem ein Machtkampf. Im vergangenen Sommer entließ Magath den Fanbeauftragten Rolf Rojek wegen Amtsüberschneidung – er war zugleich Vorsitzender des Schalker Fanklub-Dachverbandes. Und als solcher soll er nun die Fans gegen Magath mobilisiert haben. Der Misserfolg in der Liga und einige undiplomatische Äußerungen Magaths („Ich kann kein Schalke-Fan sein“) befeuerten die Entwicklung.

"Mit Problemen auseinandersetzen"

Sind die Fußballanhänger also heutzutage wirklich machtbewusster als früher? Der Soziologe Prof. Gunter A. Pilz, der als Deutschlands renommiertester Fanforscher gilt, nickt: „Der normale Fan ist zwar nicht an Vereinspolitik interessiert, aber die Ultra-Bewegung – und die ist in den vergangenen Jahren erstarkt. Das Selbstverständnis der Ultras ist es, einerseits für Stimmung zu sorgen und andererseits darauf zu achten, dass der Fußball seine sozialen Wurzeln nicht verliert. Dass sind keine Dumpfbacken, sondern intelligente Menschen.“ Viele Problem ließen sich lösen, indem die Vereine ihre Anhänger ernst nehmen, sagt Pilz: „Ich halte den Einfluss der Fans nicht für schädlich. Es kann die Klubverantwortlichen dazu zwingen, sich mit den Problemen des zahlenden Publikums auseinander zu setzen.“

Für Magath ist die Macht aus der Kurve allerdings sehr schädlich gewesen. Das Champions-League-Viertelfinale vor Augen und frisch ins DFB-Pokal-Finale eingezogen, hatte er noch am Dienstag zum wiederholten Mal auf seine Erfolge hingewiesen: „Ich bin sehr zufrieden, dass wir in dieser Umbruchsituation so gut dastehen. Damit haben wir schon sehr, sehr viel erreicht.“ Nur in der Bundesliga, wo der Verein lediglich Platz zehn einnimmt, lief es in dieser Saison schlecht.

Allerdings beendete Schalke 04 die Saison 1996/1997 auf Platz zwölf, und ganz Gelsenkirchen lag sich nach dem Gewinn des Uefa-Pokals in den Armen. Es liegt also tatsächlich an zwischenmenschlichen Problemen, dass Magath sein Projekt aufgeben muss, den Traditionsverein bis 2013 zur Meisterschaft zu führen. Diesen Auftrag hatte Magath vor zweieinhalb Jahren erhalten, als ihm von Clemens Tönnies alle Machtbefugnisse übertragen worden waren. Zuletzt jedoch verweigerte Schalkes stärkster Mann seinem leitenden Angestellten die Rückendeckung. Als Nachfolger ist Freiburgs Trainer Robin Dutt im Gespräch. Vielleicht fragt Tönnies ja vorher bei den Fans nach, ob er genehm ist.