Hannover-96-Chefs

"Fußball hat immer noch Probleme mit Tabuthemen"

Präsident Kind und Sportdirektor Schmadtke von Hannover 96 sprechen bei Morgenpost Online über die Trauer nach Enkes Tod, Angst und Homosexualität.

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Für 18.00 Uhr hat Teresa Enke am Mittwoch in ihr Haus nach Empede geladen. Mit der Familie und den engsten Freunden will sie ihres verstorbenen Mannes Robert gedenken, der unter Depressionen litt und sich vor einem Jahr das Leben nahm. An einem Bahnübergang im niedersächsischen Eilvese hatte er das Gleisbett betreten und war einem Nahverkehrszug entgegengelaufen. Sein ehemaliger Verein, Hannover 96, hat einen Raum am Stadion eingerichtet, in dem die Anhänger trauern können.

Präsident Martin Kind (66) und Sportdirektor Jörg Schmadtke (46) hoffen, dass es an Enkes Todestag keinen Hype gibt so wie vor einem Jahr, als gar ein Hubschrauber während der Trauerfeier über das Stadion flog. „Das sind so die Dinge“, sagt Schmadtke, „über die wir mal nachdenken sollen, wenn wir uns die Frage stellen, was sich in unserer Gesellschaft alles ändern soll.“

Morgenpost Online: Herr Kind, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an Robert Enkes ersten Todestag denken?

Martin Kind: Ich denke an den Menschen Robert Enke. An den Leistungsträger. An den Sympathieträger. Gleichzeitig frage ich mich, ob seither schon die richtigen Schlüsse aus der Tragödie gezogen worden sind?

Morgenpost Online: Und?

Kind: Es ist wichtig, dass es die Robert-Enke-Stiftung gibt. Hier können wissenschaftliche Projekte initiiert werden. Wir brauchen richtungweisende Analysen, um in Bezug auf die Krankheit Handlungsempfehlungen für alle Bereiche unserer Gesellschaft geben zu können. Natürlich auch und gerade für den Fußball.

Morgenpost Online: Würden Sie noch einmal alles so machen wie damals in den Tagen nach dem Tod?

Kind: Die Aktion mit dem überdimensional großen Trikot, das wir im Stadion aufgehängt haben, sehe ich heute differenzierter. Ich frage mich auch, ob es sinnvoll war, dass Spieler den Sarg von Robert getragen haben. Die seelische Last war ohnehin schon groß genug. Aber alles in allem haben wir Robert angemessen und würdig gedacht.

Jörg Schmadtke: Es gab zwar keine andere Örtlichkeit, aber ich bin der Meinung, dass ein Fußballstadion nicht dafür geeignet ist, Trauerfeiern auszurichten. Denn es war klar, dass wir da wieder spielen müssen.

Morgenpost Online: Sie haben das Trikot wieder entfernt, auch viele Bilder. Warum? Im Stadion erinnert quasi nichts mehr an ihn.

Schmadtke: Robert Enke ist mehr als nur eine Nummer eins gewesen. Er existiert in unseren Erinnerungen, unseren Herzen. Zudem soll eine Straße nach ihm benannt werden.

Morgenpost Online: Das Team rutschte nach dem Tod in eine sportliche Krise und wäre fast abgestiegen.

Schmadtke: Die Spieler waren blockiert. Wir sind auf einem schmalen Grat gewandert. Einerseits ist Fußball Entertainment. Andererseits ist ein Mensch von uns gegangen. Wie gehen wir also damit um? Ist Lachen erlaubt? Dürfen wir uns über Tore freuen? Dürfen wir überhaupt wieder welche schießen? Es war für die Spieler schwierig zu bewältigen.

Morgenpost Online: Wie haben Sie von außen eingewirkt?

Schmadtke: Wir haben viele Gespräche geführt. Schon am Tag nach der Tragödie war ein Seelsorger in der Kabine. Dazu gab es eine externe Anlaufstelle für die Spieler. Sie sollten das Gefühl haben, dass jemand für sie da ist, wenn sie reden möchten. Trauerbewältigung ist ja eine sehr persönliche Geschichte. Sie bedarf Zeit.

Morgenpost Online: Der Spielbetrieb ging mit der Partie gegen Schalke direkt weiter.

Schmadtke: Die Jungs mussten wieder ran. Es war auch wichtig für sie, für ihre Rückkehr in den Alltag. Doch es war natürlich schwer.

Morgenpost Online: Das zeigen die ersten Ergebnisse: 0:2 bei Schalke, 0:3 gegen Bayern, 0:0 gegen Leverkusen.

Schmadtke: Aber das durften wir dem Team nicht verübeln. In der Retrospektive wird ja immer vergessen, dass wir bis zu Roberts Tod eine gute Saison gespielt hatten. Es lief gut, bis es diesen tiefen Einschnitt gab.

Morgenpost Online: Im Januar 2010 haben Sie die Reißleine gezogen und Trainer Andreas Bergmann beurlaubt. Dafür gab es nicht nur Verständnis.

Schmadtke: Wir mussten aber reagieren. Denn wir waren uns einig, dass es schwer wird, mit ihm die Wende zu schaffen.

Morgenpost Online: Auf der Trauerfeier sind damals viele kluge Sätze gesprochen worden. DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte etwa: „Fußball darf nicht alles sein!“

Schmadtke: Die Worte haben ihren Bestand und auch ihre Richtigkeit. Ob sie so umgesetzt werden, ist eine andere Frage. Damals gab es wenige Tage später ein Länderspiel gegen die Elfenbeinküste. Da ist Mario Gomez eingewechselt und sofort ausgepfiffen worden. Die Menschen vergessen auch schnell. Das haben wir doch Monate später auch bei der Schiedsrichteraffäre oder dem Theater um die Vertragsverlängerung mit dem Bundestrainer gesehen. Letztlich hat die Bedeutung des Fußballs schon extreme Züge angenommen. Sie wird oft überhöht, da stimmen die Verhältnisse nicht. Der Fußball kann der Rolle nicht gerecht werden, die ihm die Gesellschaft in den vergangenen Jahren aufgedrückt hat.

Morgenpost Online: Bundespräsident Christian Wulff, damals noch Ministerpräsident von Niedersachsen, sprach auf der Trauerfeier von einer Gesellschaft, die nicht im Lot sei.

Schmadtke: Aber es ist nicht Aufgabe des Fußballs, das Lot wiederherzustellen. Wir können Menschen ein stückweit ablenken. Brot und Spiele gab es ja auch schon bei den alten Römern.

Morgenpost Online: Sie spielen den Ball also zur Politik zurück.

Kind: Wir in der Sportszene, wenn ich das so sagen darf, können nicht die Aufgaben der Politik übernehmen was die gesellschaftliche Entwicklung angeht. Wir haben die Gründung der Robert-Enke-Stiftung forciert und werden versuchen, das Bewusstsein im Hinblick auf die Krankheit Depression zu schärfen, vielleicht auch ein wenig zu verändern.

Schmadtke: Wobei wir nicht nur reagieren wollen. Wir müssen mitgenommen werden von der anderen Seite. Sprich von den Menschen, die ein derartiges Krankheitsbild vielleicht haben – oder zumindest von deren Umfeld.

Morgenpost Online: Das ist aber nicht so einfach.

Schmadtke: Natürlich ist es nicht einfach, sich zu öffnen und über Schwächen zu reden. Zu sagen: „Hey, ich brauche deine Hilfe!“ Doch wenn es nicht passiert, sind wir immer nur außen vor und bleiben Zuschauer.

Morgenpost Online: Herr Kind, Sie haben kürzlich diesbezüglich Robert Enkes Umfeld kritisiert. Das kam auf der anderen Seite nicht so gut an.

Kind: Ich habe daraufhin mit Frau Enke telefoniert und erklärt, wie ich es gemeint habe. Wir sind doch alle in einem Lernprozess und machen uns Gedanken. Mir geht es doch nicht anders. Ich hatte zu Robert einen guten Kontakt. Aber ich frage mich seit einem Jahr, warum ich nie etwas gespürt habe. Wir haben sehr viel gesprochen, und es ist traurig für mich zu wissen, dass er offenbar nicht die Kraft und nicht das Vertrauen hatte, sich zu öffnen. Aber damit eines klar ist: Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Das habe ich auch Frau Enke so gesagt.

Morgenpost Online: Haben Sie schon das jüngst erschienene Buch über Robert Enke gelesen?

Schmadtke: Ja, zur Hälfte. Es ist eine sehr persönliche, anrührende Geschichte, die viel Aufschluss über die Ängste und den Druck gibt, den Robert verspürt haben muss.

Morgenpost Online: Haben Sie das Gefühl, dass inzwischen offener mit sogenannten Tabuthemen umgegangen wird?

Schmadtke: Allein die Schiedsrichteraffäre um Manfred Amerell und Michael Kempter zeigt doch, dass wir im Fußball immer noch Probleme haben, über Tabuthemen zu sprechen.

Morgenpost Online: Haben Sie eine Erklärung?

Kind: Das ist ein Problem unserer Gesellschaft.

Schmadtke: Aber es ist schon komisch. Die Politik hat es doch geschafft, über Dinge wie etwa Homosexualität zu reden. Wir im Fußball sind immer noch nicht bereit dazu.

Morgenpost Online: Weil ein Fußballspieler womöglich Angst hat, sich danach wieder vor 50?000 Zuschauern oder mehr beweisen zu müssen.

Schmadtke: Vielleicht trauen wir dem Publikum aber einfach nur zu wenig zu. Vielleicht müssen wir den Zuschauern mal mehr vertrauen.

Morgenpost Online: Sie haben doch selbst gespielt, Herr Schmadtke, und wissen, was im Stadion passiert.

Schmadtke: In Fußballstadien sind schon immer Menschen beleidigt worden. Gerade deswegen gehört Mut und viel Kraft dazu.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass es irgendwann möglich sein wird, viel offener über die Probleme zu reden?

Kind: Ich denke, es gibt langfristig keine andere Alternative als sich zu öffnen, zu outen. Sonst ist das Schicksal – so hart es klingt – vorgezeichnet.

Morgenpost Online: Hat sich Ihr Umgang mit den Spielern bei Hannover 96 in den vergangenen Monaten verändert?

Schmadtke: Wir führen unsere Gespräche noch bewusster und versuchen hier und da auch auf Gefahrenquellen in diesem Geschäft hinzuweisen. Gerade im Hinblick auf die jungen Spieler ist es wichtig. Wenn ein 18-Jähriger etwa aus dem Bayrischen Wald nach Hamburg kommt, ist er nicht als Persönlichkeit gefestigt und muss lernen, sich in fremder Umgebung zurechtzufinden. Da müssen wir als Verantwortliche helfen und betreuen.

Morgenpost Online: Was wünschen Sie sich im Hinblick auf die Zukunft für die Branche.

Schmadtke: Wir sollten lernen, mit Fehlern anders umzugehen. Es kann nicht angehen, dass Spieler für Fehler teilweise verdammt werden. Heute top, morgen ein Flop – das ist mir zuwider.

Kind: Wir sollten uns Gedanken darüber machen, ob wir die Menschen nicht hin und wieder überfordern. Ich meine das sogar grundsätzlich. Denn wir dürfen nicht vergessen, wir sprechen jetzt über die Krankheit, weil Robert Enke eine prominente Person gewesen ist. Über die vielen anderen Menschen, die ähnliche Probleme haben oder sich – so wie er – das Leben nehmen, reden wir nicht so intensiv.