Die Bühne überließ Louis van Gaal lieber seinen Schützlingen. Nur kurz winkte er den Fans zu, dann schritt er in Richtung Kabine. Was er zuvor gesehen hatte, hatte er mit Wohlwollen bedacht. Mit 4:0 (2:0) gewann sein FC Bayern München beim rumänischen Meister CFR Cluj. Es war der vierte Sieg im vierten Gruppenspiel der Champions League, ein Vereinsrekord und der sichere Einzug ins Achtelfinale. Und es passte zur Geschichte der vergangenen Tage, dass ausgerechnet Mario Gomez, einer jener Spieler der vermeintlich zweiten Garde, mit seinem ersten Dreierpack in der Champions League (12./24. /71.) den Bayern etwas Ruhe verschaffte. Thomas Müller sorgte in der 90. Minute für den Endstand.

Van Gaal dachte nie an Rücktritt

Doch das sportliche Geschehen stand nur temporär im Vordergrund, auch wenn die Protagonisten sich vorher sichtlich um Normalität mühten. Mit einem Sieg würden wieder jene für Schlagzeilen sorgen, deren Profession der Fußball ist, so hatte beispielsweise Kapitän Philipp Lahm nach jener fundamentalen Kritik von Präsident Uli Hoeneß an Trainer Louis van Gaal gehofft. Aber auch gestern, am Tag eins nach der getätigten Aussprache der beiden Alphatiere, bei der sich erst in den kommenden Tagen und Wochen zeigen wird, ob sie als Burgfrieden oder Scheinfrieden firmiert, wurde jede Regung der Beiden genau beobachtet.

Wie van Gaal auf der Bank Platz nahm, mit dicker Trainingsjacke gegen die transsilvanische Kälte und Hoeneß ein paar Etagen weiter oben auf der VIP-Tribüne saß mit dem rot-weißen Schal um den Hals. All das wurde notiert. Ob er denn an Rücktritt gedacht habe, wurde van Gaal bei „Sky“ gefragt, immerhin hatte ihm Hoeneß schwerwiegende Dinge wie Kritikresistenz und ungerechten Umgang mit der zweiten Reihe vorgeworfen. Nie, antwortete van Gaal. Er habe mit seiner Mannschaft über Hoeneß' Aussagen gesprochen: „Das beeinflusst vielleicht auch meine Autorität bei den Spielern.“

Angesichts jener ganzen Aufregung blieb auch van Gaals erster personeller Schachzug am gestrigen Abend nur eine Randnotiz. Einen seinen Lieblingsschüler, Thomas Müller, hatte er auf die Bank beordert. Müller hatte sich zuletzt nur selten gute Noten verdient. Und so ließ van Gaal verlauten: Müller sei „ein bisschen überfordert und hat Ruhe verdient. Körperlich kann er alles, aber nicht im Geist.“ Den Müller-Part im rechten Mittelfeld übernahm Hamit Altintop, der jene Aufgaben ordentlich ausführte. Angesichts der misslichen Personallage hatte van Gaal ohnehin nicht keine Alternativen. Lediglich mit 15 Spielern waren die Bayern nach Rumänien gereist, der Rest der Mannschaft befindet sich im Rekonvaleszentenstand. Und so saßen neben Müller und Ersatzkeeper Thomas Kraft lediglich Edson Braafheid und David Alaba auf der Bank.

Doch die Trainer-Präsidenten-Debatte im Vorfeld und der spärlichen Kader schienen die restlichen Akteure nicht zu belasten. Die Münchner jedenfalls boten in Cluj von Beginn an einen sehr abgeklärten Vortrag und wurden dafür bereits in der 12. Minute belohnt. Nach einem schönen Pass von Bastian Schweinsteiger zog Andreas Ottl ab. Den Schuss konnte Cluj-Keeper Eduard Stancioiu zwar parieren, im Nachsetzen war dann aber Gomez zur Stelle und wuchtete den Ball unter die Latte. In der Folge zogen die Münchner ihr typisches Bayern-Spiel auf: Spielkontrolle durch Ballbesitz. Doch anders als zuletzt gingen sie diesmal nicht so fahrlässig mit ihren Torchancen um. In der 24. Minute waren erneut Altintop und Schweinsteiger am nächsten Erfolgserlebnis beteiligt: Altintop flankte von rechts, Schweinsteiger verlängerte per Kopf. Und schon wieder war es Gomez, diesmal spitzelte er den Ball ins Netz. Zur Pause bilanzierte Sportdirektor Christian Nerlinger: „Wir können heute sehr erfreut sein, wie die Mannschaft hier auftritt.“

"Was für ein Streit?“

Nach der Pause allerdings gingen es die Bayern ruhiger an, und es offenbarten sich all jene Schwächen in der Rückwärtsbewegung, die sie schon länger plagen: Den Rumänen boten sich kurz nach der Halbzeit Großchancen im Minutentakt, doch entweder scheiterten sie am eigenen Unvermögen, an Bayerns Torwart Jörg Butt, dem Pfosten oder aber an einem auf der Linie rettenden Daniel van Buyten. Und so passierte, was im Fußball in solchen Situationen eben passiert: Gomez machte mit seinem dritten Treffer, seinem vierten in dieser Champions-League-Saison alles klar. Erneut war der überragende Schweinsteiger der Initiator des Tores. Als er in der 75. Minute vom Platz durfte, Müller kam dadurch zu einem Kurzeinsatz und krönte jenen mit seinem Tor zum 4:0, bekam Schweinsteiger gar Applaus von den rumänischen Fans. Von „einem hochverdienten Sieg“, sprachen die Münchner. Und die Debatten außerhalb des Platzes, sagte Gomez, „die haben uns weder gehemmt noch beflügelt.“ Vom Zoff mit Hoeneß wollte auch van Gaal nicht mehr viel wissen. „Was für ein Streit? Wir haben 4:0 gewonnen - da ist auch Uli froh.“

BM