Wenn es darum geht, einen Gegner stark zu reden, ist Jürgen Klopp rhetorisch fast jedes Mittel recht. Er sehe seine Mannschaft vor dem 137. Revierderby gegen Schalke 04 (heute, 20.30 Uhr) zwar nicht als Außenseiter, behauptet der Trainer von Borussia Dortmund, „aber wir sind auch nicht der haushohe Favorit, wie es am Punkteabstand der Tabelle vielleicht abzulesen sein könnte“, sagt er und verweist darauf, dass die Qualität des Gegners „außerordentlich hoch“ sei.

Eine Aussage, die in Anbetracht der Vielzahl von Problemen, mit denen der Erzrivale zu kämpfen hat, befremdlich wirkt. Die aber die beim souveränen Bundesliga-Spitzenreiter vorherrschende Philosophie klar zum Ausdruck bringt: Während viele Dortmunder Anhänger, euphorisiert durch 25 Punkte Vorsprung auf Schalke, nur noch über die Höhe des Sieges zu diskutieren scheinen, warnen die Verantwortlichen des BVB. „Die Stimmung ist gut“, sagt Sportdirektor Michael Zorc, „fast schon zu gut.“

Die größte Gefahr, die Klopps Mannschaft drohen könnte, wäre Überheblichkeit. Die haben die jungen Spieler zwar in der aktuellen Saison noch nie gezeigt, obwohl die dominante Rolle, die sie in der Liga spielen, durchaus hätte Anlass dazu geben können. Doch Klopp ist trotzdem vorsichtig. „Es ist leichter, aus einer negativen Erwartungshaltung heraus zu überraschen“, sagt der Trainer und warnt seine Spieler eindringlich davor, die angeschlagenen Schalker zu unterschätzen.

Es wäre auch überflüssig, den Rivalen im Vorfeld des Derbys zu reizen. Die Stimmung beim Tabellenelften ist nach der Niederlage am vergangenen Wochenende daheim gegen Hoffenheim auf dem Tiefpunkt. In einem offenen Brief an den Aufsichtsrat forderte der „FC Schalke 04 Supporters Club“, eine von vier großen Fanvertretungen, der Transferpolitik von Trainer und Manager Felix Magath Einhalt zu gebieten. „Stoppt diesen Irrsinn, der in den letzten Tagen auf Schalke eskaliert! Es ist nicht nur finanziell vereinsschädigend, sondern dabei auch noch rufschädigend“, heißt es auf der Homepage der Organisation.

Das Dilemma der Schalker Anhänger ist derzeit, dass ihre Idealvorstellung vom Zusammenstellen einer Mannschaft ausgerechnet in Dortmund in die Tat umgesetzt worden ist. Ein junges hungriges Team mit mehreren Talenten aus der Region – das wünschen sich die Fans auch auf Schalke. Stattdessen aber hat Magath durch eine Vielzahl von Transfers in den vergangenen anderthalb Jahren (er holte 40 Neue in 19 Monaten) einen Umbruch eingeleitet, den zumindest größere Fangruppen nicht mitzutragen scheinen. Erschwerend kommt hinzu, dass der frühere Meistertrainer des VfL Wolfsburg durch seine distanzierte Art („Ich kann kein Schalke-Fan sein“) bei den Anhängern Zweifel daran genährt hat, ob er sich selbst ausreichend mit dem Traditionsverein identifiziert. Es herrsche ein „kaltes Klima der Angst“, hieß es weiter in dem Brief.

Die harte Kritik der vergangenen Tage hat auch bei Magath Spuren hinterlassen. „Ich bin kein Zauberer“, sagt er gereizt und verweist – erneut – darauf, dass die Schalker wussten, worauf sie sich bei seiner Verpflichtung im Juli 2009 eingelassen haben. „Jeder hier hat gewusst, wie ich arbeite. Bei Schalke geht es halt besonders emotional zu, da wird viel durcheinander diskutiert“, sagt Magath, der sich gegenüber den Fans nicht verschließen will. „Ich stehe zur Verfügung, den Fans alles zu erklären“, sagt er, stellt aber klar: „Ich bin geholt worden, um ohne große finanzielle Mittel den Verein an die Spitze zu führen. Wenn sie jemanden finden, der das in einem Jahr schafft, darf er gern meinen Platz einnehmen. Aber ich fürchte, sie werden keinen finden, der das besser kann.“

Für neuen Wirbel hatte am Mittwoch ein Gerücht gesorgt, wonach Rekordeinkauf Klaas-Jan Huntelaar dem VfL Wolfsburg zum Kauf angeboten worden sei. Den Niederländer, der seit 689 Minuten ohne Tor ist, hatte Magath erst im Sommer für geschätzte 14 Millionen Euro verpflichtet. „Von mir gab’s keine Anweisung“, sagt der Schalker Trainer, der von seinen Winterverpflichtungen wohl nur den Ghanaer Anthony Annan in Dortmund aufbieten wird. Das würde bedeuten, dass Ali Karimi und Angelos Charisteas erst einmal außen vor sind.

So oder so – Magath steht wegen der viel kritisierten Transfers ausgerechnet vor dem Derby unter Zugzwang. Vor der Partie gegen den Erzrivalen stellt er dann auch einen Quervergleich zum BVB an. „Ich glaube, dass es zurzeit bei unserem Nachbarn besser aussieht, weil der ganze Verein akzeptiert, was passiert“, sagt er in Bezug auf den anhaltenden Dortmunder Höhenflug. Dies ist freilich nur die halbe Wahrheit: Der Erfolg des BVB konnte sich auch deshalb einstellen, weil die Verantwortlichen dort mit einem offeneren Kommunikationsstil für ein gutes Betriebsklima gesorgt haben.

Trotz der schlechten Vorzeichen hat Felix Magath im Hinblick auf das Revierderby noch eine Hoffnung. Bereits im Dezember war die Lage auf Schalke nach einem 0:5 in Kaiserslautern ähnlich angespannt – eine Woche darauf konnte der FC Bayern 2:0 besiegt werden. Und Felix Magath so seinen Kopf aus der Schlinge ziehen.