Louis van Gaal strich sich über die Nase: Mein Riecher, mein Riecher, wollte er sagen. Als es bedenklich stand um die Bayern, hatte er mal wieder das Richtige getan, von seinen beiden Nationalstürmern in Reserve nicht wie sonst Mario Gomez, sondern Miroslav Klose eingewechselt – und es umgehend gedankt bekommen. Mit einem Kopfball wie zu seinen besten Tagen annullierte Klose in Mönchengladbach einen Rückstand der Bayern und sicherte ihnen beim 1:1 (0:0) die Tabellenführung vor dem punktgleichen Schalke 04.

Es war ein glücklicher Punkt in einem schweren Spiel. Gladbach, ob im Borussen-Park oder wie früher am Bökelberg, war noch nie ein gutes Pflaster für die Bayern und ihren Trainer. Der Spieler van Gaal verlor hier 1985 in einem seiner seltenen internationalen Auftritte mit Sparta Rotterdam im Uefa-Cup 1:5. Und sein Klub hat beim großen Rivalen von einst in den letzten zwölf Jahren nur einmal gewonnen.

Entsprechend zufrieden bilanzierten die Münchner gestern das Remis. „Noch zweimal gewinnen, und wir sind Meister“, sagte Arjen Robben. Die bayerische Kalkulation hatte von Anfang an im Gastspiel bei Gladbach die höchste Hürde ausgemacht, jetzt folgen nurnoch Bochum und Berlin. Aber als erstes kommt das Champions-League-Halbfinale am Dienstag in Lyon, dem sie sich jetzt wieder zuwenden können – wenn auch unter verschärften Bedingungen, denn mit Daniel van Buyten und Martin Demichelis verließen beide etablierte Innenverteidiger angeschlagen das Feld. „Ich wäre froh, wenn bis Dienstag zumindest einer wieder fit ist“, sagte van Gaal.

Die Chance auf ein Finale in der Königsklasse bekommen viele Fußballer nur einmal im Leben, was ist da schon Gladbach? Nun, eine leidenschaftliche, gut organisierte Bundesliga-Mannschaft. Die Bayern hatten zwar 72 Prozent Ballbesitz, ihr schematisches Spiel sorgte jedoch selten für Gefahr. Schon zu Beginn besaßen die konternden Gastgeber die besseren Chancen. In der 9. Minute schoss Marco Reus vorbei, es folgte eine Bogenlampe von Franck Ribery auf seinen Torhüter Jörg Butt (16.), die umstrittenerweise keinen indirekten Freistoß nach sich zog, und ein gerade noch abgewehrter Alleingang von Raul Bobadilla (18.).

Van Gaal verfolgte den Spielverlauf mit sichtlich wachsender Unzufriedenheit, doch in den letzten Minuten vor der Pause wurde sein Team etwas zielstrebiger – ein Verdienst, na klar, von Arjen Robben, der den anderen Star der Münchner mal wieder in den Schatten stellte. Franck Ribery wurde zum Ende seiner Horrorwoche mit Sexskandal und Roter Karte in der Champions League bei jeder Ballberührung ausgepfiffen – sein Beitrag zum Spiel blieb belanglos.

Zur zweiten Halbzeit blieb Demichelis in der Kabine, Wadenprobleme. Ansonsten änderte sich vom Spielverlauf nichts, vom Spielstand bald Entscheidendes: Gladbach ging nach einer Stunde in Führung. Nach Zuspiel von Michael Bradley hängte Reus den für Demichelis gekommenen Diego Contento ab und schloss perfekt ab, mit Vollspann ins rechte Eck. Reus mag vielleicht kein Robben sein, aber er ist auf jeden Fall eine der besten Nachrichten seit Langem für die Borussia. Der talentierte Halbstürmer steht in seiner ersten Bundesliga-Saison nun bei acht Treffern.

Kurze Zeit später verloren die Bayern mit van Buyten (schwere Prellung am Schienbeinansatz und der Wade) den zweiten Innenverteidiger, sie wirkten jetzt müde und gewöhnlich, aber wie hatte van Gaal vor dem Spiel jubiliert: „Was die Mentalität betrifft, habe ich noch nie mit so einer Mannschaft gearbeitet.“ Der ewige Bayern-Mythos, in der 73. Minute war er wieder lebendig, als Klose eine maßgenaue Flanke von Philipp Lahm verwandelte. Es war gerade mal sein drittes Saisontor, es war nicht unbedingt erwartbar, indes: „Ich habe eben eine gute Nase“, sagte van Gaal, und verabschiedete sich lachend aus dem Borussen-Park.