Louis van Gaal zelebriert dieses Ritual. Wann immer er Presserunden abhält, lässt er sich seinen Cappuccino servieren. Auch am Mittwochabend um kurz vor Mitternacht war ihm nach jenem Kaffeegenuss. Und so saß der Trainer des FC Bayern auf dem Podium in den Katakomben der Münchner Arena, rührte in seiner Tasse und sagte folgenden Satz: „Ich denke, dass wir wieder ganz Europa gezeigt haben, wie stark wir sind.“ Es war eine Aussage, die auf ausgeprägtes Selbstbewusstsein schließen lässt, aber es war auch eine, die das zuvor Geschehene auf den Punkt brachte, selbst wenn das pure Ergebnis nicht übergebührend üppig ausfiel.
Mit 1:0 (0:0) hatten die Münchner das Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Olympique Lyon gewonnen. Neben der Roten Karte für Franck Ribery blieb der schlampige Umgang mit den reichlich vorhandenen Tormöglichkeiten das einzige Manko.
Ansonsten jedoch boten die Bayern beeindruckenden Fußball à la van Gaal. Der Niederländer ist ein Verfechter des geordneten Spiels, auf dessen Basis das Kreative sich seinen Weg bahnt. All das hat er den Seinen in den vergangenen Monaten vermittelt, all das können sie nun abrufen. So wurde jener Abend auch ein Triumphzug für van Gaal. Er liebt die statistischen Werte, die die Dominanz bemessen, die Ballbesitz-Prozente etwa.
An diesem Abend jedenfalls waren sie beeindruckend für ein Champions-League-Halbfinale: 68 Prozent wurden für die Münchner gezählt. Selbst die 20 Minuten, die sie zu zehnt agierten – bevor auch Lyons Jeremy Toulalan vom Platz gestellt wurde – „haben wir mehr Chancen kreiert“, sagte van Gaal. In der gesamten zweiten Hälfte ließen sie gar nur einen gegnerischen Torschuss zu.
„Wenn wir die Ordnung halten, sind wir kaum zu schlagen“, sagte Philipp Lahm. Weil sie in der Offensive für Spektakel sorgen können, weil sie mit Arjen Robben einen in den Reihen haben, dem in dieser Saison wie selbstverständlich immer dann ein Treffer gelingt, wenn es darauf ankommt. Auch diesmal, als er in der 69. Minute abzog. Thomas Müller hatte den Ball noch mit den Haarspitzen touchiert und befand hinterher: „Ich war Gott sei Dank noch nicht beim Friseur, obwohl ich es wollte. Aber der Terminkalender hat es nicht zugelassen.“
Jenes 1:0 hatte van Gaal vorher als Wunschergebnis ausgegeben, weil es für das Rückspiel am kommenden Dienstag in Lyon äußerst verheißungsvolle Aussichten wahrt. Zum ersten Mal nach ihrem Triumph 2001 winkt den Münchnern ein internationaler Final-Einzug. Auch die Vereinsoberen widmeten sich nach der Demonstration nun forscher dem immer näher rückenden Endspiel. „Wir haben so gespielt, wie eine Final-Mannschaft spielen muss“, lobte Präsident Uli Hoeneß, „von der ersten bis zur letzten Minute überragend.“
Auch weil neben den Etablierten die zweite Reihe funktionierte. Van Gaal hatte im Vorfeld doziert, dass nun die Zeit jener Spieler komme, die gemeinhin als Ergänzungskader gelten. So wie Danijel Pranjic, der den gesperrten Kapitän Mark van Bommel ersetzte. Oder Diego Contento, dem 19-Jährigen, der anstelle von Holger Badstuber die linke Seite äußerst solide beackerte. Oder aber Anatolij Timoschtschuk, der nach van Gaals Personalrochade in der Pause einen sehr guten Part im defensiven Mittelfeld abgab. Es ist ein Verdienst van Gaals, dass auch jene funktionieren, wenn sie funktionieren müssen.
Kurz vor Ende der Partie ereignete sich eine Szene, die bezeichnend ist für den Fußballlehrer van Gaal. Als Robben fünf Minuten vor Schluss ausgewechselt wurde, stapfte er völlig bedient vom Feld, weil er sich noch imstande sah für Tor Nummer zwei. Er würdigte van Gaal keines Blickes, doch der nahm ihn sich gleich zur Brust.
Robben bekannte hinterher reumütig: „Mein Verhalten war nicht okay.“ Auch wenn er die Auswechslung nicht verstehe. „Aber die Mannschaft steht über dem Einzelnen.“ Es ist einer jener van Gaal’schen Grundsätze, die er schon etliche Male beim Cappuccino gepredigt hat.



