Die gute Nachricht vorweg: Pierre Littbarski (50) ist immer noch der alte. Er ulkt wie eh und je. Du weiß ja nie: so lange in Asien gewesen, japanische Frau geheiratet, dem Himmel nah in Sydney, der Hölle näher in Teheran, die Gefahr von Spätfolgen, wenn einer mit Berti Vogts gearbeitet hat oder in Liechtenstein – doch, doch solche Schicksale hinterlassen Spuren. Jetzt schließt sich der Kreis, die Bundesliga hat ihn wieder, und er die Bundesliga, und das tut beiden gut.

Assistenztrainer beim VfL Wolfsburg, manche sagen, für einen wie ihn, Weltmeister 1990, sei das unter Wert. „So ein Quatsch“, gibt Littbarski dann zurück, „lasst mal die Kirche schön im Dorf. So von mir eingenommen bin ich kaum, dass ich nicht wertschätzen würde, was ich hier habe.“

Zunächst mal: Wolfsburg, die VW-Stadt. Das ein oder andere hübsche Einfamilienhaus habe er hier schon gesehen, aber das wollte er seiner japanischen Frau Hitomi dann doch nicht antun, die Kinder sollen auf die internationale Schule gehen und die ist nun mal in Braunschweig, also hat er ihren Wunsch, endlich so etwas wie sesshaft zu werden, eine halbe Stunde entfernt erfüllt. Ihr Braunschweiger Haus ist 90 Jahre alt, keine Schönheit, aber zweckmäßig und, „wie gealterte Fußballerknochen“ sagt Littbarski – „etwas morsch“ halt. Ehefrau Hitomi, die es seit 16 Jahren mit ihm aushält, sei zwischen all den Umzugskisten gerade der Verzweiflung nahe. Aber er ist halt leider unabkömmlich. Die Arbeit.

Dafür haben sie ihn geholt: Englischkenntnisse und Fußballwissen auf oberem Niveau, das haben Manager Dieter Hoeneß und Trainer Steve McClaren ins Anforderungsprofil geschrieben, der neue Cheftrainer ist Engländer, hat eine Zeit lang schon Englands Nationalmannschaft angeführt und zuletzt den FC Twente Enschede sogar meisterhaft in den Niederlanden; er weiß alles über den Fußball und nichts über die deutsche Sprache. „Obwohl er sich jetzt sputet, sie im Schweinsgalopp zu lernen.“

Was Littbarski Freude macht in Wolfsburg und diesen Job besser als alle zuvor erscheinen lässt, ist die Sache mit der Qualität. „Ich darf in einem Klub arbeiten, der den Bayern ganz nah hinterher sein will.“ Ganz grundsätzlich. Und speziell: „Es ist einfach schön mit Leuten zu arbeiten, die den Ball genau dorthin schießen, wo sie ihn hin haben wollten.“ Es freut Littbarski, mit McClaren die gleiche Wellenlänge gefunden zu haben. Der Engländer sei ein Perfektionist, wenn auf dem Zettel steht: drei Minuten Passspiel, ist gleich darunter auch schon die Dauer der Entspannungsphase festgeschrieben, die Einhaltung der ist selbstverständlich. „Er ist ein Fußballlehrer, ein Stratege, nichts kommt bei ihm aus dem Bauch, alles ist geplant und vorbereitet.“

In der Tat, da ist Littbarski ein Gegenpol, er bringt auch Spontaneität mit an den Arbeitsplatz, Humor, seine Art Fußballverstand, ist immer noch lernbegierig, und weil er so viele Sprachen spricht, soll er „so eine Art Puffer zwischen Trainer und Mannschaft“ sein; natürlich beschäftigt auch der VfL Wolfsburg eine Multikulti-Truppe, und Littbarski soll nun vermitteln zwischen den vielen Welten. Macht er gerne, kein Zacken bricht ihm deshalb aus der Krone, im Gegenteil, er lernt jeden Tag aufs Neue bei seinem Chef, schön auch, dass er bei Bedarf mitkicken kann. Beim Spielchen Fünf gegen Zwei, der Vollblutfußballer Littbarski, 406 Bundesligaspiele für den 1. FC Köln, 73 Länderspiele für Deutschland, „das ist hier mein kleiner Jungbrunnen.“

Pierre Littbarski ist jetzt ein Zahnrad. So, wie alle Beteiligten Zahnräder sind im System des neuen Trainers, ein Zahn greift in den anderen, ein Rad in das nächste, und am Ende hat jeder so seinen Anteil am Ergebnis. Das Ziel ist simpel, und es ist auf der ganzen Welt gleich: „Du musst das Spiel gewinnen.“ Und dann: „Mehr Spiele gewinnen als Spiele verlieren.“ Und schließlich: „Nur noch gewinnen, das wär’s.“ Träumerle.

Zu Arsene Wenger, der Trainerlegende von Arsenal London, pflegt Littbarski ein besonderes Verhältnis. Einmal hat er den Elsässer gefragt: „Was macht einen guten Trainer aus?“ Und Wenger hat geantwortet: „Dass er die besten Spieler hat.“ So einfach ist das. Und doch so schwierig. Acht Jahre war Littbarski weg, jetzt kommt er zurück in die Bundesliga. Seinen beiden in Japan geborenen Jungs Joel (12) und Lucien (7) hat er die Fußball-Begeisterung schon vererben können, der jüngere, sagt der Vater, „ist ein Mini-Litti“. Heißt: Er gibt den Ball auch nicht ab. Da lacht der Vater, stolz wie Oskar.

Etwas grau ist er geworden, nicht so schlimm, nur „so ein paar gleichaltrige Säcke“ im Freundeskreis hätten ihn deshalb gefrotzelt. Mit 50 wie die wieder die Jeans aus dem Schrank kramen, Motorrad kaufen, das braucht er nicht. „Midlife Crisis.“ Lieber ein bisschen verweilen. Und wenn er dann 60 ist, dann geht er mit Hitomi wohl doch nach Japan zurück. Gemeinsam alt werden in Yokohama. Den Schwiegereltern hat er schon ein Haus gebaut. Für ihn ist sicher auch noch eins drin. „Weißt du“, sagt Pierre Littbarski noch. „Im Grunde ist das Leben doch einfach.“ Solange du ein Tor mehr machst als die anderen.