Morgenpost Online: Mister McClaren, Sie sind der erste englische Trainer in 47 Jahren Bundesliga. Waren die deutschen Klubs euch Engländern bisher nicht gut genug?

Steve McClaren: Um Gottes willen, es gibt viele hervorragende Vereine in Deutschland. Zum Beispiel den VfL Wolfsburg, deswegen bin ich ja jetzt hier. (grinst)

Morgenpost Online: Vielleicht waren die englischen Trainer den Bundesligisten auch nicht gut genug.

McClaren: Ich hoffe, ich kann das Gegenteil beweisen. (grinst breiter)

Morgenpost Online: Im Ernst: Warum leben die beiden größten europäischen Fußballmächte in dieser Hinsicht völlig aneinander vorbei?

McClaren: Die Premier League ist seit mindestens einem Jahrzehnt die beste Liga der Welt. Das sehen die Trainer auch so. Warum sollten sie dort weggehen?

Morgenpost Online: Die Profis scheinen ähnlich zu denken. Englische Nationalspieler sind in der Bundesliga-Geschichte eine seltene Spezies.

McClaren: Keegan, Woodcock – mehr fallen mir auch nicht ein. Natürlich spielt auch das Geld eine Rolle. Das diktiert oft, wo man hingeht. Und noch etwas kommt für Spieler hinzu: Das sportliche Niveau in der Premier League ist so hoch, dass ein paar Jahre in England ihre Entwicklung enorm beschleunigen.

Morgenpost Online: Spielt die Rivalität zwischen Deutschland und England vielleicht auch eine Rolle?

McClaren: Oh nein, das denke ich nicht. Das Ansehen des deutschen Fußballs in England ist gestiegen.

Morgenpost Online: Während der WM hieß es sogar, dass die englischen Fans der deutschen Elf die Daumen gedrückt hätten.

McClaren: Ja, das stimmt. Die Spiele der Deutschen haben einen großen Anteil an der gestiegenen Wertschätzung.

Morgenpost Online: Auch das 4:1 im Achtelfinale?

McClaren: Na klar, das sogar ganz besonders. Da sind den englischen Spielern ganz klar ihre Schwächen aufgezeigt worden. Es hat ein Umdenken begonnen, der Verband schaut jetzt auch mal über die Landesgrenzen hinaus. Nach Spanien oder Deutschland, die in den letzten Jahren immer besser abgeschnitten haben als die englische Mannschaft.

Morgenpost Online: Was können sich die Engländer von der Bundesliga abschauen?

McClaren: Euer Lizenzierungsverfahren ist eine tolle Erfindung. Jeder Klub muss vernünftig wirtschaften, um mitspielen zu dürfen – fantastisch. So entsteht eine hohe Stabilität und Zuverlässigkeit. Die Bundesliga-Klubs sind viel gesünder als die Vereine in der Premier League.

Morgenpost Online: Ihr Verein wird maßgeblich von einem großen Konzern finanziert. Manche sehen darin Parallelen zur Premier League mit Abramowitschs Rolle bei Chelsea oder den Scheichs von Manchester City.

McClaren: Einspruch. Einen renommierten und seriösen Weltkonzern im Rücken zu haben, ist viel besser als einen oder zwei reiche Investoren. Schauen Sie sich Portsmouth an. Oder Liverpool. Da gibt es ständig Ärger. Und wissen Sie auch warum?

Morgenpost Online: Klären Sie es.

McClaren: Die Klubs sind abhängig von den Launen der einzelnen Leute. Wenn die keine Lust mehr haben, steigen sie halt aus, und der Verein steht dumm da. Die Teams hängen an einem seidenen Faden. Hier in Wolfsburg gibt es ein langfristiges Konzept, die Verantwortung ist auf viele Schultern verteilt.

Morgenpost Online: Kann die Bundesliga auch etwas von der Premier League lernen?

McClaren: Ich kenne zwar die Bundesliga noch nicht richtig, habe aber gehört, dass die Premier League den meisten deutschen Vereinen bei den Trainingsbedingungen um Jahre voraus ist. Jeder Klub in England hat sein hochmodernes Trainingszentrum. Selbst bei dem kleinen FC Middlesbrough hatten wir vier Trainingsplätze zur Verfügung.

Morgenpost Online: Viele Bundesligisten bauen derzeit an solchen Anlagen.

McClaren: Ich sehe es ja hier in Wolfsburg, wo die Entwicklung langsam beginnt. Doch bis wir hier einen solchen Standard haben, wird es noch eine Weile dauern. Und Wolfsburg war vor einem Jahr sogar Deutscher Meister.

Morgenpost Online: Welchen Stellenwert hat die Bundesliga in Europa?

McClaren: Ich sehe die Bundesliga auf einem steil aufsteigenden Ast. Vielleicht ist sie sportlich nach der Premier League die zweitbeste in Europa. Im vergangenen Jahr war sie die profitabelste Liga der Welt. Das Entwicklungspotenzial ist gigantisch. Ein gutes Beispiel dafür ist der VfL Wolfsburg.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

McClaren: 2009 wurde Wolfsburg Meister und spielte in der Champions League. Das war die riesige Chance, sich in der nationalen Spitze zu etablieren. Und was ist passiert? Letztes Jahr wurden sie Achter, und jetzt spielen wir nicht mal international.

Morgenpost Online: Twente Enschede, Ihr ehemaliger Klub, spielt als niederländischer Meister in der Champions League. Ärgert es Sie, dass Sie die Spiele nun auf dem Sofa verfolgen müssen?

McClaren: Ärgern ist das falsche Wort. Ich werde Europa vermissen, aber ich mag die Herausforderung in Wolfsburg. Ich will die Möglichkeiten, die der Verein hat, ausschöpfen, und ihn oben in der Bundesliga verankern. Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten?

Morgenpost Online: Bitte.

McClaren: Nach Europa zu kommen, ist viel wichtiger, als Titel zu gewinnen.

Morgenpost Online: Klingt unlogisch.

McClaren: Natürlich wollen wir irgendwann Pokale und Meisterschaften gewinnen, aber erst einmal geht es darum, nach Europa zu kommen. Das sportliche Prestige und das Geld, das man dort verdienen kann, ist die Grundlage für alles Weitere.

Morgenpost Online: Zwei vergleichbare Fälle haben Sie gerade in Ihrem Team. Edin Dzeko und Zvjezdan Misimovic haben öffentlich immer wieder gesagt, dass sie den Klub gern verlassen würden.

McClaren: Es ist doch klar, dass Spieler mit der Qualität von Dzeko oder Misimovic zu großen Klubs wollen, die immer vorne dabei sind.

Morgenpost Online: Dieter Hoeneß hat die beiden zum Bleiben verdonnert. Sind sie noch motiviert für die neue Saison?

McClaren: Ich hoffe es.

Morgenpost Online: Zum Auftakt wartet der FC Bayern. Da spielt ein gewisser Ivica Olic.

McClaren: Ich ahne, was kommt.

Morgenpost Online: Der Kroate war 2007 als Torschütze maßgeblich daran beteiligt, dass England mit Ihnen als Nationaltrainer die EM verpasst hat. Die Medien nannten Sie „Trottel“ und „McClown“, weil Sie ratlos unter einem riesigen Regenschirm standen.

McClaren: Das war die enttäuschendste Nacht meines Lebens. Aber man weiß, was auf einen zukommt, wenn man englischer Nationaltrainer wird. Das ist passiert, das zählt zu den Erfahrungen, die man macht. Ich bin danach nach Holland zu Enschede gegangen.

Morgenpost Online: Sozusagen als Reha-Maßnahme?

McClaren: Viele Leute haben das so angesehen. Ich nicht. Ich musste mich von nichts erholen. Ich hatte doch kein Drogenproblem…

Morgenpost Online: Können Sie sich nach allem, was vorgefallen ist, eine Rückkehr nach England vorstellen?

McClaren: Auf jeden Fall. Eines Tages gehe ich wahrscheinlich zurück.