Von der guten Stimmung nach dem 2:1 gegen Schalke 04 keine Spur mehr: Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV, war am Montag wütend. Auf angebliche Fans seines Vereins, die Anhänger und den Ersatztorwart des Lokalrivalen FC St. Pauli überfallen haben. „Ich entschuldige mich im Namen des Hamburger Sport-Vereins für diesen Vorfall. Dieses Verhalten der vermeintlichen HSV-Anhänger ist absolut beschämend“, sagte er.

Den Vereinspräsidenten des FC St. Pauli, Stefan Orth, bat er am Telefon um Verzeihung, HSV-Sportchef Bastian Reinhardt rief seinen Kollegen Helmut Schulte an. Der Tag machte deutlich: In Hamburg brennt die Luft. Die HSV-Sympathisanten haben mit ihrer Straftat in der Nacht zum Sonntag knapp vier Wochen vor dem Derby gegen St.?Pauli die Frage aufgeworfen: Droht der Hansestadt ein Fankrieg?

Nach dem 3:1 beim SC Freiburg war St. Paulis Mannschaft mit dem Zug zurück gefahren. Die Spieler stiegen am Hauptbahnhof aus, nur Torwart Benedikt Pliquett fuhr weiter bis zum Bahnhof Altona. Als er mit den Fans dort abkam, warteten rund 20 teils vermummte Anhänger des HSV und griffen sie an. „Eine Flasche verfehlte knapp meinen Kopf“, sagte Pliquett. Er hatte Glück, dass er ein Stück hinter den Fans lief. Einem Mann vor ihm wurde die Nase gebrochen. Pliquett rief die Polizei. Auf die Beamten warfen die Chaoten einen Metallpfosten. Es gab drei Verletzte, acht Männer griff die Polizei auf, drei nahm sie fest. Sieben werden in der Datei „Gewalttäter Sport“ geführt. „Für solche Leute haben wir keinen Platz in der HSV-Familie“, sagte Hoffmann.

Tatsächlich aber gehören sie dazu. Die Hooligans besitzen HSV-Dauerkarten und sollen Mitglieder im „Supporters Club“ und damit Vereinsmitglied sein. Die Gruppierung hat über 50.000 Mitglieder, ist eine Vereinsabteilung und hat großen Einfluss.

Der Vorsitzende Ralf Bednarek sagt: „Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, werden wir Stadionverbote aussprechen.“ Über einen Ausschluss aus dem „Supporters Club“ werde nachgedacht, wenn die Ermittlungen der Polizei abgeschlossen sind.

In den vergangenen Jahren hatte der HSV mit dem Zweitligaklub St. Pauli nicht viel zu tun, die Rivalität mit Werder Bremen stand im Vordergrund. Provokationen aber gab es immer: Mal beschädigten Unbekannte den Bronzefuß von HSV-Legende Uwe Seeler vor dem Stadion im Volkspark, dann beschmierten HSV-Fans das Trainingsgelände von St.?Pauli.

Vergessen aber waren bis zum Wochenende die Zeiten der Gewalt, als 1998 drei „Supporters“-Mitglieder auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof St. Pauli-Spieler angegriffen hatten. Auch jetzt will niemand wegen einiger Unbelehrbarer Panik machen. Jeder aber weiß, dass es auf beiden Seiten gewaltbereite Gruppierungen gibt. Die Angst vor weiteren Übergriffen geht um. Kenner der Fanszene befürchten einen Racheakt der St. Paulianer. Anhänger beider Klubs berichten, dass die Atmosphäre seit dem Aufstieg der Braun-Weißen im Mai Wochen aggressiver geworden ist.

„Ich hoffe nicht, dass es so etwas geben wird. Aber ich kann natürlich nicht für alle Fans sprechen“, sagt Justus Peltzer, Mitarbeiter im St. Pauli-Fanladen. Vor allem mit Kindern und Jugendliche spreche er über die Situation. „Wir rufen zur Besonnenheit auf“, sagt Präsident Orth. HSV-Fanbetreuer Mike Lorenz war nach einem Treffen mit der Fanbetreuung des Nachbarklubs vorige Woche „noch guter Dinge, dass wir mit deeskalierenden Maßnahmen für ein friedliches Derby sorgen können.

Aber das erscheint jetzt nicht mehr möglich“. Im Millionengeschäft Fußball ist der Umgang mit den Fans eine der größten Herausforderungen. Rivalität ist gewollt und macht die Faszination des Sports aus. Doch der Grad zwischen Provokation und Eskalation ist schmal.

Für das erste Bundesligaduell beider Klubs seit 2002 gelten verstärkte Sicherheitsvorkehrungen. Die bisherigen sieben Erstligaderbys hatten die Mannschaften auch aus Sicherheitsgründen im Stadion des HSV gespielt. Am Wochenende um den 18. September treffen die Klubs am Millerntor aufeinander. Es ist ein Derbywochenende: Schalke 04 empfängt Borussia Dortmund, in Berlin begegnen sich die Zweitligaklubs Hertha BSC und 1. FC Union.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat noch nicht entschieden, an welchem Tag und um wie viel Uhr die Derbys ausgetragen werden. Bednarek fordert von der DFL, das Hamburger Stadtduell nicht auf einen Freitag- oder Samstagabend zu legen: „Abends wird es unübersichtlich, die Fans mischen sich mit Menschen, die auf der Reeperbahn ausgehen wollen. Das Spiel sollte 15.30 Uhr ausgetragen werden.“

Auf Anfrage von Morgenpost Online bei der DFL hieß es am Montag, dass die Interessen der Klubs ernst genommen werden. Bei der Terminierung seien aber auch die internationalen Ansetzungen und Absprachen mit den Behörden zu berücksichtigen.

Wann auch immer der Anpfiff ertönt: Die Hamburger wollen, dass es friedlich bleibt.