Für seinen Freund nahm sich Ruud van Nistelrooy (34) einige Minuten Zeit. Schiedsrichter Wolfgang Stark hatte das Spiel gegen Schalke 04 (2:1) längst abgepfiffen, da stand der Stürmer des Hamburger SV noch immer mit seinem Gegenüber Raul (33) auf dem Rasen der Arena im Volkspark. Sie kennen sich aus ihrer Zeit bei dem spanischen Spitzenklub Real Madrid, tauschten ihre Trikots und umarmte sich. Der Hamburger Superstar tröstete den Schalker Superstar.

Während der spanische Angreifer Raul in seiner ersten Bundesligapartie für Schalke die hohen Erwartungen nicht im Ansatz erfüllte, war der Niederländer der Mann des Tages. Erst schoss er das 1:0 (46.), drei Minuten nach dem Ausgleich durch Jefferson Farfan (80.) erzielte er den Siegtreffer. „Ein wunderbarer Abend. Ich habe es sehr genossen. So kann es weitergehen“, sagte van Nistelrooy glücklich.

Es waren zwei sehr wichtige Tore für die Hamburger, sie bescherten ihnen drei Punkte zum Saisonauftakt. Vor allem aber waren sie ein Beweis, dass van Nistelrooy körperlich so stark ist wie lange nicht ist – und er die Mannschaft führen kann.

Der Publikumsliebling verfügt jetzt über die Fitness, die ihm in seiner Anfangszeit in Hamburg fehlte. In den vergangenen Jahren hatte er auch wegen Verletzungen kaum in Trainingslagern an seiner Ausdauer arbeiten können. „Ich kam im Winter zum HSV, hatte zwar eine Basis, aber keine vernünftige Vorbereitung. Jetzt habe ich gut trainiert und fühle mich klasse“, sagte der Stürmer.

Die harten Einheiten in der Sommerpause waren neu für ihn. Mit seinen vorherigen Klubs Manchester United und Real Madrid war er in der spielfreien Zeit oft auf Werbetourneen quer durch Asien oder die USA gereist. Mit dem HSV hingegen ging es gleich in zwei Trainingslager: nach Österreich und nach Sylt. Kondition bolzen in den Bergen und am Nordseestrand statt Händelschütteln bei Sponsoren in Übersee. In den ersten Tagen war dem Stürmer bei jeder Übung anzusehen, wie schwer sie ihm fiel. „Da musste ich mich so richtig quälen und war immer der Letzte.“ Er sei jeden Abend heilfroh gewesen, ins Bett zu kommen.

Doch van Nistelrooy biss sich durch. Seit rund zwei Monaten ist der ehemalige Nationalspieler nun im Training, ohne Verletzungspause. „Ich sehe jetzt, dass es mir gut getan hat. Physisch fängt alles an, damit steht und fällt jede Leistung. Darauf kann ich immer aufbauen.“

In Hamburg haben sie ohnehin nie an ihm gezweifelt. Wie auch: 60 Tore in der Champions League sprechen eine klare Sprache. Zudem brauchte er keine lange Eingewöhnungszeit, traf in der vergangenen Saison für den HSV in elf Spielen fünfmal. Die Häme der Fans anderer Klubs, van Nistelrooy ließe seine Karriere in Deutschland nur ausklingen, nahm niemand ernst. Und doch gibt es keine Garantie, dass ein 34-Jähriger zum Ende seiner Karriere noch sein ganzes Potenzial ausschöpfen kann. Das hatte van Nistelrooy vor dem Saisonstart zugegeben: „Ich befinde mich in einer Karrierephase, in der du nur noch von einem Jahr zum anderen planst. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wie geht es körperlich? Wie geht es mental?“

Er beantwortete die Fragen am Samstagabend auf dem Spielfeld: Es geht hervorragend. Weil er trotz aller Erfolge in seiner bisherigen Laufbahn immer noch hart an sich arbeitet, nicht nur im Trainingslager. Weil er sich wohl fühlt und vom neuen Trainer Armin Veh überzeugt ist. So sehr, dass er ihn sogar mit dem legendären Alex Ferguson von Manchester United vergleicht. Seine Ansprache sei direkt und vermittle den Spielern das Gefühl, alles zu überblicken. Da kann Veh gar nicht anders, als die Komplimente zu erwidern: „Ruud hat gezeigt was passiert, wenn zu seiner Klasse körperliche Fitness kommt.“

Van Nistelrooy schätzt Vehs 4-2-3-1-System. Unter dem in der vergangenen Spielzeit entlassenen Bruno Labbadia spielte er oft hinter Mladen Petric und rieb sich im Mittelfeld auf. Der neue Trainer hat das Spiel auf van Nistelrooy ausgerichtet, der Angreifer freut sich darüber. Als einzige Spitze könne er seine Stärken nun wieder richtig einbringen. Tatsächlich gibt es in der Liga keinen Angreifer, der seine Chancen konsequenter nutzt. „Ruud hat eine sensationelle Torquote, hat im Pokal drei Tore gemacht und jetzt zwei. Er ist eine Klasse für sich und in unserem System einfach die geniale Besetzung“, sagte HSV-Sportchef Bastian Reinhardt, und Matthias Sammer, Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes und Europameister von 1996, stellte fest: „Er ist weltweit einer der besten.“

Trotz der Lobeshymnen schätzt van Nistelrooy seinen Anteil am gelungenen Saisonstart des HSV im Duell mit dem Ligazweiten der Vorsaison bescheiden ein. Der Sieg sei viel wichtiger als die Tatsache, dass er die Treffer erzielt habe. Die Mannschaft sei es gewesen, die hervorragend gespielt habe und der er danken wolle. Seine Mitspieler seien marschiert und hätten ihm vor beiden Toren gegen Schalke den Ball sehr gut aufgelegt, „ich musste bei den Toren ja nur den Fuß hinhalten“.

Genau das ist seine Aufgabe.