Zwölf Zentimeter sind relativ klein – jedenfalls in den meisten Bereichen des menschlichen Lebens. Für Hannover 96 allerdings machte diese Handbreite am Samstag einen Riesenunterschied aus. Zwölf Zentimeter beträgt der Querschnitt eines Torpfostens, und exakt an diesen klatschte im Spiel gegen Eintracht Frankfurt in der Nachspielzeit ein Kopfball von Marco Russ. Es blieb beim 2:1 (1:1), was den Hannoveranern einen guten Saisonstart bescherte, und ihrem Trainer Mirko Slomka blieb zugleich eine extrem ungemütliche Woche erspart.
Es ist der Irrationalität des Fußballgeschäfts geschuldet, dass Zentimeter über Wohl und Wehe entscheiden und dass bereits vor dem ersten Ligaspiel über den Trainer diskutiert wird. Denn ursprünglich sollte bei Hannover 96 in dieser Saison alles besser, sprich: ruhiger werden. Doch kaum war der Klub in der ersten Runde des DFB-Pokals im Elfmeterschießen gegen den Viertligaklub Elversberg ausgeschieden, saß Slomka wieder dort, wo er vor der Sommerpause gesessen hat: auf dem Schleudersitz. Hannovers Alleinherrscher Martin Kind sprach von einer „Katastrophe“ und fuhr seinem Trainer über den Mund, der nach dem Ausscheiden neue Spieler gefordert hatte: „Das kann er bei einer Niederlage gegen Frankfurt machen, aber doch nicht, wenn wir gegen einen Regionalliga-Verein ausscheiden.“
Und nun? Ist nach dem Sieg über Frankfurt plötzlich wieder alles gut bei 96? „Das wäre doch viel zu kurz gedacht. Nach einem Sieg wieder die heile Welt auszurufen, das geht nicht. Aber der Sieg gibt uns die Möglichkeit, zunächst in Ruhe weiterzuarbeiten“, sagte Kind Sonntag Morgenpost Online. Auf vielleicht zwei Positionen will der Verein sich noch verstärken, und personeller Zuwachs tut auch dringend Not. Denn zwei Spieler werden dem Verein zunächst nicht mehr helfen können – aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Der Portugiese Carlitos, dessen Verpflichtung der Klub zu Monatsbeginn vermeldet hatte, stand gegen Frankfurt ganze 35 Sekunden auf dem Platz. Dann verdrehte er sich das Knie: Kreuzbandriss. In der Hinrunde wird der 27-Jährige also ausfallen. Kind sprach von einer „menschlichen Tragödie“, und Sportdirektor Jörg Schmadtke sagte: „Das ist brutal für einen Profi, aber natürlich auch für uns.“
Auch Jan Schlaudraff wird das Hannover-Trikot einmotten können. Mirko Slomka verbannte den ehemaligen Nationalstürmer wegen „unzureichender Trainingsleistungen“ aus dem Kader und sagte nach dem Spiel: „Es ist zu viel, dass wir über einzelne Spieler reden, speziell über Jan Schlaudraff.“ Martin Kind fand noch klarerer Worte: „Schlaudraff ist seit zweieinhalb Jahren hier, und das bisher nicht gerade erfolgreich. Ich empfehle, dass wir uns jetzt über seine Zukunft unterhalten. Wenn nach so langer Zeit kein Wendepunkt erreicht wurde, müssen wir über eine Trennung nachdenken.“
Derlei Gedankengänge muss sich Slomka bis zum kommenden Wochenende nicht machen. Dann reist Hannover zum FC Schalke 04. Die gute Nachricht für den Trainer: Auch dort sind die Pfosten zwölf Zentimeter breit und stehen zu seiner Rettung bereit.





