Selten ist eine Vereinschronik dem dazugehörigen Klub und dessen Ruf als Skandalnudel so gerecht geworden wie das vor ein paar Jahren veröffentlichte Buch „Die Spitze des Eichbergs – Die schönsten Skandale des FC Schalke 04“. Müssen diese mutigen Memoiren jetzt um ein Kapitel erweitert werden?

Wenn wahr ist, was uns arglose Fans des Fußballs da plötzlich erschüttert, bekämpfen die Knappen die Knappheit ihres Kontostands auf ihre Art – im Schutze eines schwer durchschaubaren Geflechts wird das Geld hurtig zwischen Tochterfirmen hin- und hergeschoben, wie es gerade nötig ist, und diese Vorgänge könnten durchaus in Einklang zu bringen sein mit dem Handlungsstrang des erwähnten Buches, das sich schwerpunktmäßig dreht um, wir zitieren, „sich im Kanal ertränkende Schatzmeister, Bestechungsskandale, Steuerhinterziehungen, Meineid-Prozesse, ausartende Mitgliedversammlungen, Drei-Tages-Präsidenten, Sonnenkönige, Intrigenspiele und Verschwörungskrimis.“

Günter Eichberg, der unvergessliche „Sonnenkönig“, ist als Expräsident der Titelheld jener Chronik. Unter der Devise „Geld spielt keine Rolex“ hat dieser pfiffige Besitzer einer Klinik für Krampfadern den Schalkern einst glorreiche Zeiten vorausgesagt und ihnen versprochen: „Die Schulden sind weg.“ Alles Krampf, wissen die Schalker heute. Am Rand des Ruins sind sie gelandet, und als wahrer hat sich das damalige Wort der Eichbergschen Freundin herausgestellt: „Mein Jünter is ’n Kamikaze.“

Also ganz Schalker Art. Oder sagen wir es auf Kaisers Art. „Es gibt Klubs“, hat Franz Beckenbauer schon vor langem mit einem Blick nach Schalke prophezeit, „die sich selbst hinrichten.“ Andererseits: Ist Schalke nicht immer noch da? Die Hoffnung stirbt dort zuletzt. Irgendein Oligarch oder Scheich wird schon kommen. Irgendeiner ist immer gekommen, denn Schalke ist Schalke.

Dieser Klub ist zu spannend, als dass wir uns ein Leben ohne ihn vorstellen könnten. Wo sonst gibt es einen Verein, bei dem die sieben Meistertitel noch weit übertroffen werden von der Zahl der Skandale? Der hohe Unterhaltungswert ist in Schalke so gesichert, dass jeder Versuch eines Lizenzentzugs grob fahrlässig wäre. Oder denken wir an die Lex Schalke ’65. Königsblau war abgestiegen, da hat die Bundesliga sich kurzerhand auf 18 Vereine aufgestockt.

Der Ball ist rund, da darf Schalke ruhig ein bisschen eckig sein. Dieser Klub garantiert das prickelnde Gefühl der Gänsehaut. Schalke, hat ein nordrhein-westfälischer Kultusminister einmal beim Vereinsjubiläum gesagt, „ist rauschhafter Jubel und Selbstmord, das reicht von selbstloser Hingabe bis zum Meineid.“ Schalke, dafür leben und sterben sie.

Schalke ist eine Sünde wert

Schalke ist eine Sünde wert. So war das schon 1930. Damals wurden die Spieler mit Schwarzgeld verwöhnt, sie wurden zu Profis erklärt und gesperrt wie der Verein. Schatzmeister Willi Nier hat sich darauf im Rhein-Herne-Kanal ertränkt, während der Klub und die Kicker lieber auf die Begnadigung warteten. Die kam schnell. Die Ballzauberer Szepan und Kuzorra wurden gebraucht in der Nationalelf.

Gnädig und glimpflich ging es weiter. In den 60ern wies der Buchhalter Wilhelm Nittka auf dem örtlichen Rathaus gramgebeugt auf dunkle Geschäfte hin („Ich kann die Last der Lüge nicht länger tragen“), und der Präsident Hans-Georg König, der zur Aufbesserung der Spielergehälter Steuergelder unterschlagen hatte, bekam zwar Gefängnis, aber mit Bewährung. Und als acht Schalker Stars sich anno 70/71 bestechen ließen, gegen Bielefeld für lumpige 2300 Mark pro Kopf 0:1 verloren und auch noch den Finger zum Meineid hoben, gab ihnen der DFB zwar lebenslänglich, doch die Tradition der ewigen Gnade hob das Urteil schnell wieder auf.

Steht Schalke unter der Schirmherrschaft höherer Mächte? Sicher ist, dass sich Papst Johannes Paul?II. als Mitglied der Königsblauen in puncto Sündenerlass nie hat lumpen lassen und Mannschaftsbetreuer Charly Neumann in prekären Stunden oft Kerzen gespendet hat – damals im größten Skandal blieb jedenfalls sogar das Benehmen der Schalker Fans folgenlos, die dem DFB-Chefankläger Hans Kindermann mit Bauchschuss drohten und nachts alternativ ins Telefon tobten: „Wir stechen dich ab, du Sau!“


Keine Luftschlösser mehr

Schalke ist wie ein packender Krimi, abendfüllend und aktenfüllend. Ein echter Schalker war so gesehen schon Mittelstürmer Willi „Bomber“ Kraus, der Ende der 60er Jahre mit seiner Schusskraft den Abstieg verhinderte, aber später vollends zur Waffengewalt überging und einen Supermarkt und eine Sparkasse überfiel. Voriges Jahr ist er gestorben. Schalke lebt – und das phasenweise sogar vorbildlich. Ex-Manager Rudi Assauer war, an seinen besonders guten Tagen, von sich und seinem Verein derart angetan, dass er sich vor Jahren sogar einmal in die Übertreibung verstieg: „Auf Schalke werden keine Luftschlösser mehr gebaut.“

Nein, so geschwind lassen sich die Schreckgespenster auf Schalke dann doch nicht verscheuchen, wie wir jetzt sehen, denn Schalke ist Schalke, und die Dinge, die dort passieren, hat keiner besser definiert hat als jener bekannte königsblaue Fan, der sich daheim neben seinen Klodeckel den Wandspruch gekritzelt hat: „Das Leben für einen Schalke-Fan ist wie diese Brille – man macht viel durch.“ Das wird stets so bleiben bei diesem Klub, der so oft an sich selbst zerbrochen ist, aber immer noch lebt. Der Fußball verbrennt sich an den Schalkern zwar regelmäßig die Finger, wird sie aber nie wie eine heiße Kartoffel fallen lassen – auch nicht in dieser Saison.

Eher werden sie Deutscher Meister.