Die Auswirkungen der Finanzkrise haben mittlerweile alle Ebenen des FC Schalke 04 erreicht, auch die digitalen. In den Internetforen diskutieren aufgeregte Fans die aktuelle Situation ihres Klubs, und immer lauter werden dabei die Forderungen nach personellen Konsequenzen erhoben. Als Hauptschuldigen an der Misere des Traditionsvereins, der sich demnächst im Rahmen des Nachlizenzierungsverfahrens durch die Deutsche Fußball Liga (DFL) einer genauen Überprüfung seiner Finanzen unterziehen muss, haben dabei viele Anhänger Finanzvorstand Peter Peters ausgemacht.
Es ist ohnehin nicht selbstverständlich, dass Peters noch im Amt ist. Felix Magath, der neue starke Mann auf Schalke, wird ihm in Zukunft genau auf die Finger schauen. Als Trainer, Manager und Vorstandsmitglied habe er ein „vitales Interesse an dem Thema Finanzen“, sagte er Morgenpost Online. Peters, der erst im August das Finanzressort von Josef Schnusenberg übernommen hat, hat zudem gewichtige Feinde. So soll nach Informationen von Morgenpost Online der Londoner Finanzmakler Stephen Schechter, der wichtigste Kreditvermittler des Vereins, bereits darauf gedrängt haben, Peters zu entmachten.
Schechter, der den Schalkern vor sechs Jahren eine Anleihe in Höhe von 85 Millionen Euro vermittelt hatte, spielt eine Schlüsselrolle. Denn bereits mehrmals wandte sich der mit aktuell 140 Millionen Euro verschuldete Verein, dessen Tochtergesellschaften weitere Verbindlichkeiten in dreistelliger Millionenhöhe haben, an Schechter. Der Auftrag: frisches Geld beschaffen.
So vermittelte Schechter den Schalkern vor zwei Jahren eine englische Bank, die dem Klub die Sockelbeträge aus dem bis 2012 laufenden Sponsorenvertrag mit Gazprom auf einen Schlag auszahlte. Mit den 43 Millionen Euro, die damals flossen, konnte die Liquidität gesichert werden. Ähnlich behilflich war Schechter auch, als es darum ging, den bis 2018 laufenden Ausrüstervertrag mit Adidas zu Geld zu machen. Es heißt, dass sich die Schalker statt der jährlich garantierten 3,5 bis 4 Millionen Euro das Geld auf einmal auszahlen ließen.
Schwierigkeiten gab es jedoch offenbar, als die Schalker Schechter darum baten, zu prüfen, wie sich aus der Arena-Gesellschaft, die den Schalkern zu 78 Prozent gehört, Geld machen ließe. Schechter und der Rechtsanwalt Theo Paeffgen unterbreiteten daraufhin „streng vertraulich“ einen Vorschlag, wonach die Arena in eine Aktiengesellschaft, eine sogenannte „REIT“, überführt werden sollte.
Doch die Schalker entschieden sich gegen den Vorschlag, weil sie nicht wollten, dass Anteile an der Arena frei an der Börse gehandelt werden. Damit, so ein Insider, hätten sie sich das Problem eingehandelt, sich möglicherweise mit einer Vielzahl von Anlegern auseinandersetzen zu müssen.
Nach Recherchen von Morgenpost Online versuchen die Schalker derzeit stattdessen, die Anteile an einen einzelnen Investor zu veräußern. Wenn das klappt, könnte es gelingen, das Bilanzloch für die laufende Saison von etwa 20 Millionen Euro zu schließen. Zudem wird derzeit geprüft, ob Marketing- und Cateringrechte veräußert werden sollen, sagte Felix Magath Morgenpost Online: „Bislang nehmen unsere Rechte nahezu vollständig selbst wahr. Durch eine Auslagerung kann man die Strukturen des Vereins verschlanken.“ Diesen Weg wollen die Schalker offenbar ohne Schechter beschreiten.
Was die Bewertung und eine mögliche Lösung der Schalker Finanzprobleme erschwert, ist das Gewirr aus Tochterfirmen, die in den vergangenen Jahren gegründet worden sind. Diese Firmen schlagen derzeit zwar mit einem Wert von 110 Millionen Euro zu Buche, doch sie sind mittlerweile auch mit über 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten belastet. „Daraus haben wir auch nie einen Hehl gemacht“, sagt Peters. Er mokierte, dass seiner Ansicht nach zuletzt in Medienberichten der Eindruck erweckt worden sei, die Schalker hätten versucht, diese Schulden zu verschleiern: „Das ist doch ein alter Hut.“
Geschaffen wurde dieses Firmenkonglomerat in der Zeit des ehemaligen Finanzchefs Josef Schnusenberg. Der Steuerberater aus Rheda-Wiedenbrück, ein enger Vertrauter von Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, war äußerst findig, wenn es darum ging, Geld für Transfers zu beschaffen. Dadurch wurden die Schalker zwischenzeitlich in die Lage versetzt, sich einen Kader zu halten, dessen Gehaltskosten in Spitzenzeiten 60 Millionen überstiegen. Nachdem jedoch die Qualifikation für die Champions League bereits in der Vorsaison nicht mehr gelungen war und das Team sich für die aktuellen Spielzeit nicht einmal für Europaliga qualifizieren konnte, tut sich der Verein schwer damit, die hohen Gehaltskosten der neuen Situation ohne Zusatzeinnahmen aus internationalen Wettbewerben anzupassen.
Firmengeflecht soll transparenter werden
Die Schalker wollen nun versuchen, das unübersichtliche Firmengeflecht transparenter zu machen. „Ich bin kein Finanzfachmann und werde mich auch nicht als solcher ausgeben“, sagte Felix Magath, der kurioserweise derzeit trotzdem der einzige Schalker mit einer offiziellen Funktion ist, der sich öffentlich äußert: „Man hat das Gefühl, dass eine solch komplizierte Konstruktion dafür da ist, um gewisse Dinge nicht so genau darlegen zu müssen. Darum wollen Peters und ich ja auch eine neue Transparenz schaffen.“
Magath, der im Interview mit Morgenpost Online selbst einräumte, das aktuelle Ausmaß der Probleme „so nicht erwartet“ zu haben, ist dennoch davon überzeugt, dass die Probleme zu lösen seien: „Das geht manchmal schneller, als man denkt.“ Zur Not auch durch Spielerverkäufe: „Wenn wir akzeptable Angebote erhalten, sind wir bereits Spieler abzugeben“, sagte Magath, der bereits im Sommer versucht hatte, Rafinha zum FC Bayern München zu transferieren. Das Geschäft kam jedoch nicht zustande, weil sich Bayern-Trainer Louis van Gaal gegen das Geschäft entschieden hatte.
Unabhängig von der sportlichen Entwicklung und von möglichen Transfererlösen muss Peters den derzeit undankbarsten Job auf Schalke erledigen: Eine grundlegende Sanierung durchführen, die dem Verein die Existenz sichert. „Von ihm erwarte ich, dass er dieses Konstrukt in den Griff bekommt“, sagte Magath. Hilfestellung bekommt Peters dabei von externen Finanzexperten, verriet Magath: „Wir haben jemanden gebeten, sich das Ganze mal anzuschauen und zu prüfen, ob das alles hier so notwendig und sinnvoll ist, wie es sich derzeit darstellt.“




