Rallye Dakar

Timo Gottschalk wollte nie der Fahrer sein

Der Berliner Dakar-Sieger Timo Gottschalk spricht im Interview mit Morgenpost Online über seinen Erfolg bei der Rallye, die Konkurrenz auf der Strecke und warum er schon immer "nur" Co-Pilot sein wollte.

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Exakt 6918 Kilometer oder 45 Stunden, 16 Minuten und 16 Sekunden nervlicher Anspannung, körperlicher Leiden und stets hinterfragter Hoffnung entluden sich in einer Geste. Timo Gottschalk stieß die Faust in den strahlend blauen Himmel über Buenos Aires. Der 36-jährige Berliner und Pilot Nasser al-Attiyah (40/Katar) hatten gemeinsam den größten Triumph ihrer Karrieren erkämpft – den Sieg bei der Rallye Dakar 2011 auf den anspruchsvollen Wüstenpisten in Chile und Argentinien. Was das für ihn bedeutet, schildert Diplom-Ingenieur Gottschalk.

Morgenpost Online: Herr Gottschalk, gemeinhin haben Sportler immer schon als Kinder davon geträumt, wenn ihnen später ein außergewöhnlicher Erfolg geglückt ist. Sie auch?

Timo Gottschalk: Ich nicht. Es ist zwar traumhaft schön, als Sieger aufs Autodach zu klettern, aber meine Träume als Junge waren eher im Bereich Cowboys und Indianer anzusiedeln.

Morgenpost Online: Nun sind Sie statt Indianerhäuptling ein Motorsportstar, brauchen einen Manager und einen Anlageberater.

Timo Gottschalk: Nein, ich bin ein total glücklicher Rallye-Copilot, der genau weiß, dass sich nach einer zünftigen Feier mit der Mannschaft der Alltag wieder einstellt.

Morgenpost Online: Das bedeutet?

Timo Gottschalk: Ich widme mich meiner kleinen Autowerkstatt und freue mich auf künftige Aufgaben im Team von Volkswagen.

Morgenpost Online: Und doch muss der Dakar-Sieg etwas Besonderes für Sie sein.

Timo Gottschalk: Klar! Vor allem ist er etwas, was erst mal in mir sacken muss. Ich werde vermutlich oft an bestimmte Momente während der Rallye denken und mich dann ganz still freuen. Kurz nach dem Sieg ist jeder von uns in einem Stimmungshoch. Alle hauen dir auf die Schulter, alle haben zwei Wochen lang wie verrückt geschuftet. Es ist natürlich ein Erfolg, den mir niemand mehr nehmen kann. Eine Dakar ist ein herausragendes Sportereignis. Es gibt nur ein Rennen pro Jahr.

Morgenpost Online: Der geschlagene Titelverteidiger Carlos Sainz hat, wenn er auch Teamkollege von Ihnen ist, das Schulterklopfen sicher ausgelassen.

Timo Gottschalk: Hat er nicht. Carlos ist ein Profi. Er kann sicher auch Egoist sein, muss er sogar, sonst hätte er nicht zwei WM-Titel gewonnen. Er hat Nasser und mich 2010 um zwei Minuten geschlagen und 2011 eben verloren. Aber er hat in seiner Karriere auch gelernt, zu verlieren. Deswegen gab's auch von ihm eine Gratulation – mit Schulterklopfer.

Morgenpost Online: Freunde sind Sie aber nicht.

Timo Gottschalk: Freunde habe ich zu Hause. Carlos ist ein Konkurrent. Auf der Piste geht es Faust auf Faust. Neben der Piste machen wir unseren Job im gleichen Team. Er hat viel geleistet, und man kann von ihm viel lernen. Von seiner Erfahrung profitiert das ganze Team.

Morgenpost Online: Sie fahren für Volkswagen. Der jüngste Dakar-Sieg ist der dritte in Folge. In Wolfsburg denkt man über einen Einstieg in die Rallye-Weltmeisterschaft nach. Wären Sie gern bei einem Neuanfang dabei?

Timo Gottschalk: Das wäre in der Tat ein Traum. Ich weiß, dass es Gespräche und Denkmodelle gibt. Ich wäre auch gern dabei. Aber Entscheidungen von dieser Tragweite werden nicht im Siegestaumel von Buenos Aires getroffen. Es gibt eine langfristige Strategie, und die wird unter Berücksichtigung von vielen Fakten umgesetzt.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie Ihre Chancen?

Timo Gottschalk: Da will ich nicht spekulieren. In dem Moment, wo eine Entscheidung in Richtung Rallye-WM gefallen ist, stellt sich die Frage nach den Fahrerkombinationen. Bislang kann noch niemand beziffern, wie viele Autos überhaupt in einer WM-Saison eingesetzt werden würden. Und auch nicht, ob VW sich zusätzlich weiter bei der Dakar engagieren würde.

Morgenpost Online: Ihr Sportlicher Leiter Kris Nissen muss sich mit Vorwürfen sexueller Belästigung auseinandersetzen. Hat Sie das während der Rallye belastet?

Timo Gottschalk: Das hat die Arbeit des gesamten Teams nicht berührt. Die Dakar zu bestreiten, möglichst erfolgreich, war unser aller Job. Die Fragen zu Kris Nissen werden in Deutschland behandelt. Er hat seine Aufgabe vor Ort erfüllt, und die ihm vorgeworfenen Dinge werden sich aufklären.

Morgenpost Online: Wie belohnt sich Timo Gottschalk für den größten Karriereerfolg?

Timo Gottschalk: Ich werde mal sehen, ob es irgendwo ein nettes Angebot für eine Woche Faulenzen in der Sonne gibt.

Morgenpost Online: Copiloten stehen immer im Schatten der Fahrer. Würden sie mit Nasser al-Attiyah tauschen wollen?

Timo Gottschalk: Nein. Ich wollte von Anfang an Copilot sein. Das Navigieren, das Vorbereiten, die Akribie machen mir Spaß. Außerdem weiß jeder von uns Copiloten, dass ein Fahrer allein keine Chance hätte. Nasser und ich haben ein professionelles Verhältnis. Er hat das Sagen, wie schnell wir fahren, ich habe das Sagen, wohin gefahren wird. Manchmal wird es dabei laut im Auto, aber am Ende das gemeinsame Ziel. Ich würde allerdings gern die Dakar-Strecke in Südamerika mal mit einem Motorrad abfahren. Aber natürlich im Touristentempo.