Kein deutscher Torwart hat Weltklasse-Niveau. Sagte Oliver Kahn kürzlich. Mit Blick auf die Weltmeisterschaft im nächsten Sommer klang das ziemlich bedrohlich. Denn für die die DFB-Auswahl ist die Basis ihres Erfolgs immer ein Schlussmann mit Weltklasse-Niveau gewesen, wie zum Beispiel Kahn, der 2002 eine mittelprächtige Elf bis zum Endspiel im WM-Turnier hielt, dort jedoch, Ironie der Geschichte, schwer patzte.
Tatsächlich steht Bundestrainer Joachim Löw eine Ausnahmeerscheinung, wie sie Kahn in seinen besten Jahren war, nicht zur Verfügung, aber die Besetzung der Position zwischen den Pfosten ist ein echtes Luxusproblem. Denn Woche für Woche in dieser WM-Saison drängen sich Löws Kandidaten für die Reise nach Südafrika mit erstaunlich guten Leistungen auf - mit Ausnahme des bedauernswerten Hannoveraners Robert Enke, den Krankheiten und Verletzungen zurückgeworfen haben.
Rene Adler zuallererst verteidigte mit Bayer Leverkusen durch das torlose Unentschieden beim Hamburger SV, das vierte Zu-Null-Spiel in Folge, die Tabellenführung und hat nach neun Spieltagen erst fünf Gegentreffer kassiert. Und die hoch konzentrierte Arbeit des 24-Jährigen, eine Woche zuvor, beim 1:0-Sieg in Moskau im entscheidenden Spiel der WM-Qualifikation gegen Russland war landauf, landab mit "Weltklasse" gewürdigt worden.
Dass er mit dem DFB internationale Titel gewinnen kann, hat der noch ein Jahr jüngere Manuel Neuer schon in diesem Jahr gezeigt. Bei der U21-Europameisterschaft in Schweden war er sicherer Rückhalt der deutschen Elf, die das Endspiel 4:0 gegen England gewann und sich in den fünf Turnierspielen nur ein einziges Gegentor fing. Im Tor des FC Schalke 04 musste Neuer in dieser Bundesliga-Saison erst sechs Mal hinter sich greifen und liegt mit seinem Verein nach dem 2:1-Sieg in Stuttgart aussichtsreich auf dem dritten Tabellenplatz.
Den größten Auftritt an diesem Spieltag aber hatte der Bremer Tim Wiese, der im Verfolgerduell gegen Hoffenheim den von ihm selbst verursachten Strafstoß Carlos Eduardos parierte und das Fundament für den 2:0-Sieg legte. Von den letzten 14 Elfmetern gegen Werder (einschließlich Elfmeterschießen) hat der 27-Jährige 10 gehalten. Schon seit 619 Minuten ist Wiese in dieser Spielzeit ohne Gegentor - besser waren in der Liga-Historie nur Timo Hildebrand, Oliver Kahn und Oliver Reck. Auf Recks Vereinsrekord, aufgestellt in Werders Meisterjahr 1988, fehlen Wiese nur noch 22 Minuten, und dank der neuen Stabilität in der Defensive (nur sechs Gegentreffer) sind die viertplazierten Bremer ein heißer Titelkandidat.
Der Gewinn der Meisterschaft allerdings dürfte in der höchst spannenden Torwartfrage kein Kriterium sein, weil Löw sie höchstwahrscheinlich vor Saisonende beantworten wird. Daher andersherum gefragt: Wird Deutschlands Nummer eins auch Meister? Der letzte aktuelle Meistertorwart, der bei einer WM für Deutschland zwischen den Pfosten stand, war übrigens 1974 Bayern-Keeper Sepp Maier.
Für die WM 2010 ist jetzt bis auf weiteres der Leverkusener Adler als Nummer eins gesetzt, die beiden anderen dürfen sich in der DFB-Elf in den zwei noch anstehenden Testspielen des Jahres beweisen: Wiese am 14. November in Köln gegen Chile, Neuer am 18. November in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste. Gemäß der Kahnschen Logik werden der Bremer und der Schalker sich aber nicht auf Weltklasse-Niveau präsentieren können.
Denn um das zu erreichen, so der frühere Welttorhüter, muss man immer in der Champions League und bei einem Spitzenverein wie Bayern München spielen. Kahn wollte allerdings damit nicht für Jörg Butt und Michael Rensing werben.





