Morgenpost Online: Herr Misimovic, wann standen sie zuletzt auf der Waage?

Zvjezdan Misimovic: Heute Morgen.

Morgenpost Online: Und, wie viel wiegen Sie?

Misimovic: Wie immer knapp über 80 Kilo. Wieso?

Morgenpost Online: Ihr Jugendtrainer bei Bayern München, Hermann Gerland, hat gesagt, wenn Sie unter 80 Kilo wiegen, würden Sie jeden Spieler der Welt ausspielen können…

Misimovic: Ich denke, das geht mit knapp über 80 Kilo auch noch.

Morgenpost Online: Gerland sagte auch, dass er Sie mit dem Satz „Geh laufen, du fette Sau“ zum Joggen geschickt hat, wenn Sie zu viel auf den Rippen hatten.

Misimovic: Ja, ja, der Herr Gerland. Der hat sich gern mal im Ton vergriffen. Aber er hat es nie böse gemeint. Er war ein guter Trainer.

Morgenpost Online: War es wichtig für Sie, die Bayern zu verlassen?

Misimovic: Ja, weil ich mich so weiterentwickeln konnte. Ich habe beim VfL Bochum und beim 1. FC Nürnberg gegen den Abstieg gespielt. Das hat mich erst zu dem gemacht, was ich heute bin.

Morgenpost Online: Gestählt durch den Abstiegskampf?

Misimovic: Wenn Sie so wollen, ja. Da unten lernt man, sich durchzusetzen, zu beißen. Das habe ich gebraucht. Die Ausbildung bei den Bayern war sehr gut, und ich bin dem Verein dafür dankbar. Aber der Übergang von der Jugend zur Männermannschaft ist sehr hart.

Morgenpost Online: Machen deshalb so viele in München ausgebildete Talente wie Sie, Toni Kroos oder Piotr Trochowski erst bei anderen Vereinen Karriere?

Misimovic: Es gibt halt nur eine begrenzte Zahl an Plätzen in der Bundesligamannschaft. Darum hat es ja selbst ein Mario Gomez so schwer, sich dort durchzusetzen.

Morgenpost Online: Sie sagten einmal, dass Sie von Natur aus eher faul sind.

Misimovic: Das war früher wirklich so, da brauchte ich des Öfteren mal einen Tritt. Deswegen waren die Stationen Bochum und Nürnberg ja auch so wichtig für mich. Dort lernte ich Verantwortung zu tragen. Jetzt bin ich 27 Jahre alt, da weiß ich, wie ich als Profi zu leben habe. Heute gehöre ich eher zu denen in der Mannschaft, die den jungen Spielern etwas erzählen.

Morgenpost Online: Als bester Vorlagengeber der vergangenen Saison steht Ihnen das wohl auch zu. Was ist das Geheimnis Ihrer tödlichen Pässe?

Misimovic: Das Geheimnis? Ich gucke, wer frei ist, und spiele den Ball da hin.

Morgenpost Online: So einfach ist das also?

Misimovic: Ich weiß nicht genau, wie ich das mache. Ich sehe, wie die Spieler laufen, und dann kommt der Pass einfach aus mir heraus. Man muss auch das Risiko eingehen, muss bereit sein, auch mal Pfiffe zu kassieren, wenn es schief geht. Vielleicht ist das das Geheimnis: Ein tödlicher Pass erfordert Mut.

Morgenpost Online: Nach acht Spielen steht der VfL im Tabellenmittelfeld. Sind Sie damit zufrieden?

Misimovic: Natürlich nicht. Wir haben Punkte verschenkt, sind sicher nicht optimal in die Saison gestartet. Aber wir hatten auch ein schweres Programm. Und anderen geht es ja ähnlich.

Morgenpost Online: Offiziell will Wolfsburg unter die ersten Fünf. Wie lautet Ihr persönliches Saisonziel?

Misimovic: Na ja, es macht schon Spaß, in der Champions League zu spielen.

Morgenpost Online: So wie bei Manchester United?

Misimovic: Ja, solche Spiele sind natürlich ein Traum. Und auch wenn wir 1:2 verloren haben, haben wir bewiesen, dass wir mit den Besten mithalten können.

Morgenpost Online: Ist Wolfsburg schon so weit?

Misimovic: Was Mannschaften wie Manchester uns voraushaben, ist die jahrelange Erfahrung auf diesem Topniveau. Das kann man nicht lernen, dass muss man sich erarbeiten. Und genau das wollen wir. Für mich ist die Meisterschaft erst der Anfang.

Morgenpost Online: Haben Sie deshalb im Sommer bis 2013 verlängert?

Misimovic: Ja. Und weil meine Familie und ich uns sehr wohl in Wolfsburg fühlen. Mein Sohn geht hier in den Kindergarten, im Dezember kommt das nächste Kind auf die Welt. Und sportlich kann ich auch nicht klagen.

Morgenpost Online: Vor Ihrer Verlängerung sagten Sie, gern noch einmal für die Bayern spielen zu wollen. Ist das noch eine Option?

Misimovic: Derzeit nicht. Ich habe meinen Vertrag ja nicht grundlos verlängert. Was nach 2013 ist, weiß ich nicht. Das ist noch zu lange hin.