Der Tiefpunkt des Tages stand 13 Uhr an: Markus Babbel musste sich am heute wieder einmal der Öffentlichkeit erklären. Warum läuft alles schief beim VfB Stuttgart? Sieht er noch irgendeine Chance auf Besserung? Und: Was unternimmt er als Verantwortlicher? Der Trainer muss diese Fragen seit Wochen beantworten. Tag für Tag. Und was er sagt, scheint egal zu sein. Was es auch ist, es wird längst gegen ihn verwendet.

Ralf Rangnick schuf einst den Begriff „Flow“. Nach diesem suche jeder Trainer. Wer den Flow habe, fühle sich unbesiegbar, sagt Rangnick: „Du hast das Gefühl, keiner kann dir was.“ Babbel kennt den Flow gut. Vor einem Jahr übernahm er Stuttgart und pflügte auf seiner ersten Trainerstation durch die Bundesliga. Von 17 Rückrundenspielen verlor die Mannschaft nur zwei. Dem VfB konnte keiner was.

Heute kann der VfB keinem was. Vor dem Spiel in der Champions League gegen den FC Sevilla (Dienstag 20.45 Uhr) hat sich der Lauf umgekehrt. Babbel durchlebt die Phase, vor der sich jeder Trainer am meisten fürchtet. Jene Wochen und Monate, in denen die eigene Mannschaft Spiel um Spiel verliert, in der es keine Gegenmittel mehr zu geben scheint und die fast immer mit ein und derselben Entscheidung endet: der Entlassung des Trainers.

Babbel ist trotz nur zweier Siege aus neun Spielen im Amt – noch. Heute konnte er in einer Lokalzeitung lesen, dass seine Vorgesetzten bereits mit dem Schweizer Marcel Koller als einem möglichen Nachfolger verhandeln würden. So ist das Geschäft. Natürlich gaben die Vorgesetzten darüber keine Auskunft. So ist das Geschäft erst recht. Babbel wurde nicht gefragt, was er dazu sagt. Immerhin. Denn was hätte er schon sagen sollen? Was soll er überhaupt noch sagen?

Wenn er seine Spieler lobt und aufmuntert, gilt er als Bauherr eines Wolkenkuckucksheims. Wenn er wieder und wieder auf sie schimpft, ist er ein Papiertiger. Und wenn er gar nichts sagt, ist er sprach- und ratlos. Und dieser Zustand ist der schlimmste in der wohl einzigen Branche neben der Politik, in der die Protagonisten täglich öffentliche Rechenschaft ablegen müssen. Lucien Favre wurde bei Hertha BSC an dem Tag gefeuert, an dem sein Assistent zugab, dass die Spieler über den Chef lachen würden. Schwäche ist inakzeptabel.

Doll kennt die Erfahrung

Und so wundert es kaum, dass auch Trainer, die diesen Antilauf erlebt haben, nur ungern darüber sprechen. Thomas Doll war beim Hamburger SV ein Held, erst als Spieler, dann als Trainer. Doch in seiner dritten Saison stürzte Doll mit seiner Mannschaft ab. Wie jetzt in Stuttgart kam viel zusammen: Wichtige Spieler hatten den Klub verlassen, andere waren verletzt. Die Mannschaft kassierte die erste Niederlage, die zweite, die dritte und befand sich in einem Strudel, dem Doll nicht mehr entkam. Nicht mit taktischen Änderungen, nicht mit Brandreden, nicht mit neuen Spielern. Der Klub hielt dennoch lange zu ihm. Am 20. Spieltag aber kam Huub Stevens. Der Neue gewann mit Dolls Spielern drei der folgenden vier Partien.

„Ich bin weit davon weg, dies alles noch einmal aufzuarbeiten, was beim HSV schief gelaufen ist“, sagt Doll, der heute Genclerbirligi Ankara trainiert. Er hätte die Gründe für sich herauf gefunden, andere sollten dies auch tun. Darüber reden mag er nicht: „Das ist mir zu sehr darauf reduziert, was vor sich geht, wenn es nicht gut läuft. Ich habe lieber das Gegenteil in Erinnerung. Sonst kommt man in so eine Schiene rein, dass man ein Trainer ist, bei dem es am Anfang ganz gut läuft und dann nicht mehr. Und das ist bei mir nicht der Fall.“

Bei Babbel etwa? Viele Chancen, das Gegenteil zu beweisen dürfte er zumindest in Stuttgart nicht mehr bekommen. Er weiß, dass er zur Krise beigetragen hat, indem er zu oft Spieler und Systeme wechselte. „Natürlich wird der Trainer hinterfragt, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, für mich macht das aber auch den Reiz aus“, sagte er unlängst. Und auf die Frage, ob er gegen Sevilla erneut die Taktik wechseln werde, antwortete er: „Mal schauen, vielleicht spielen wir mit Libero und sieben Manndeckern.“