Fast fahrlässig ist in Deutschland der Eindruck in Vergessenheit geraten, den der Niederländer Aloysius Paulus Maria, genannt Louis, van Gaal im vorigen Juli bei seiner Vorstellung in München hinterlassen hatte. Ein gestrenger General auf der Trainerbank sollte er sein. Doch zum Dienstantritt in München gab er sich amüsant und unterhaltsam.
Es brauchte schon den Meistertitel, um furios den unterhaltsamen Charakterzug des Fußballlehrers van Gaal in seinem ganzen Ausmaß in Erinnerung zu rufen. Vor 25.000 Fans auf dem Münchner Marienplatz gab der Niederländer dann gestern noch einmal im feierlichen großen Rahmen die Humorbombe. Trotz einer durchzechten Nacht nach dem 3:1-Erfolg zum Saisonabschluss bei Hertha BSC Berlin ließ van Gaal sich keinerlei Kater anmerken, als er zum Mikrofon griff. „Wer hat die beste Verteidigung?“, fragte er die Menge, „FC Bayern! Wer hat den besten Angriff? FC Bayern! Und deswegen sind wir: Meister! Nicht nur von München, sondern auch von Gelsenkirchen“, rief er, auch wenn die Pottstadt ihm nicht so leicht über die Lippen kommt und einige der gezischten Laute die holländische Kehle zum Krächzen bringt. „Auch von Bremen, auch in Hamburg“, fuhr er fort, um aber darauf zu verzichten, die ganze nationale Konkurrenz herunter zu beten: „Wir sind die Besten von Deutschland“, krakeelte er, „und vielleicht Europas!“
Das zuvor angesetzte Training hatte er kurzerhand gestrichen. Dabei hatte van Gaal im Vorfeld noch streng verlauten lassen: Wer feiern könne, könne auch trainieren. Und: „Abends ein Mann, morgens ein Mann.“ Doch das „Feier-Biest“ (van Gaal über van Gaal) hatte dann doch Erbarmen mit den Seinen und vielleicht auch ein bisschen mit sich selbst.
Erst zum nachmittäglichen Autokorso hatte er die Mannschaft an die Säbener Straße beordert, damit vor dem zweiten Teil der Meisterfeier wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf nach der nächtlichen Feierorgie möglich waren. „Um vier Uhr bin ich nach Hause“, erzählte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, weil er am Sonntag Verpflichtungen hatte. Doch da war alles noch in vollem Gange. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Profis van Gaal gerade bekniet, sich weiter mit ihnen ins Münchner Nachtleben zu stürzen, erzählte Rummenigge. Und so ging es gemeinsam vom Nobelrestaurant in die nächste Diskothek.
Es war ein Bild, das viel über das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft aussagt. „Die Mannschaft stand immer hinter mir. Das ist das Beste, was ein Trainer bekommen kann“, hatte van Gaal schon am Samstagnachmittag in Berlin gesagt und damit auch die Zeit im Herbst gemeint, als es nicht so lief: „Wir haben zusammen immer daran geglaubt, dass wir es schaffen. Und das Resultat ist gekommen.“
3:1 (1:0) hatten die Münchner zuvor auch das finale Bundesliga-Spiel bei Hertha BSC gewonnen. Der Titel war ihnen schon vor dem Anpfiff sicher. Doch van Gaal wäre nicht van Gaal, wenn er nicht auch für den Trip nach Berlin ambitionierte Ziele ausgegeben hätte. Er wolle auch die beste Abwehr und den besten Angriff der Liga stellen, hatte er gesagt, immerhin lag München in der Offensivwertung ein Tor hinter Werder Bremen. Die Spieler taten, was er ihnen aufgetragen hatte. „Ich bin unglaublich stolz“, lobte van Gaal. „Unser Trainer will in allen vorn stehen“, sagt Bastian Schweinsteiger, und dass er den Spielern den von ihm gelebten Perfektionismus übertragen hat.
Es war eine selten ausgelassene Stimmung, die die Münchner in Berlin zelebrierten und die ein guter Gradmesser für die Bedeutung des Titels ist. Sie tanzten Polonaise mit der Meisterschale, sie schwenkten Fahnen, und Franck Ribery trug eine orangefarbene Perücke wie zum Beweis, dass er und sein niederländischer Trainer bestens harmonieren. Zuvor waren jene Fragen beantwortet worden, die an diesem Samstagnachmittag als einzige höchste Spannung garantierten: Wer sichert sich den Weißbierskalp van Gaals, wie lange kann er seine Fönfrisur verteidigen?
Kurz nach der Pause hatte sich van Gaal seines Anzugs entledigt und im schlichten Trainingsdress auf der Bank Platz genommen. Er wusste, was ihn erwartete, auch wenn er vorher gemahnt hatte, er möge Bierduschen gar nicht, „dann stinkt alles“. Es war ein wenig Koketterie, denn ein Entkommen gab es für ihn nicht. Und so spielten sich unterhaltsame Jagdszenen auf dem Rasen des Olympiastadions ab. Letztlich war es Kapitän Mark van Bommel vorbehalten, seinem Chef das Gebraute über den Kopf zu schütten. Van Gaal jubelte daraufhin. „Es ist gut, dass die Stimmung so prima ist. Wir haben ja noch einiges vor“, sagte er.
Diese Tage in München sind ein Mix aus Party, Saisonbilanz, und Zukunftsplanung. Im Wochenrhythmus stehen für die Münchner noch zwei Spiele an, zwei Spiele bis zum möglichen Tripel, das Pokalfinale am Samstag gegen Werder Bremen und das Endspiel um Europas Krone eine Woche später gegen Inter Mailand. „Wir können Historisches schaffen, das wäre unglaublich“, sagte van Bommel. „Die Saison ist jetzt schon herausragend“, sagte Uli Hoeneß, der Präsident. „Wir haben immer dem Trainer gesagt, die Deutsche Meisterschaft ist das Wichtigste, alles andere ist die Zugabe wie in der Oper.“ Er musste sich schon fragen lassen, wie es denn dann weitergehen solle, wenn es gar mit dem Tripel klappen sollte? „Wenn wir das schaffen sollten“, dozierte Hoeneß, dann wolle der Klub die nächste unglaubliche Herausforderung annehmen und in der Höhenluft bestehen. „Das ist noch mal schwieriger als nach oben zu kommen.“ Doch bis sich diese Überlegungen überhaupt stellen, werde der FCB weiter „Schritt für Schritt“ agieren.
So waren die Vereinsoberen am Sonntag schnell bei aktuellen Personalien angelangt. Bei der von Franck Ribery beispielsweise, dessen Zukunft sich erst nach der Saison entscheidet. „Ich bin ziemlich optimistisch, dass Ribery nicht nur nächstes Jahr, sondern auch darüber hinaus für Bayern München spielt“, sagte Rummenigge gegenüber Sport1. Und die Chancen, dass Riberys Sperre für das Champions-League-Finale vom internationalen Sportgerichtshof Cas noch aufgehoben wird, „stehen fifty-fifty. Beim Cas spielt die Politik keine Rolle“, sagte Rummenigge. Und dass Ribery das Finale verdient habe.
Was sie bei einem möglichen Champions-League-Triumph in München veranstalten werden, hat van Gaal bereits angekündigt. „Dann wird wieder gefeiert.“ Bierduschen inklusive.




