Dienstag war wieder einer jener Tage, an dem der italienische Fußball Abschied von einem Stück lieb gewonnener Erfolgsgeschichte nehmen musste: Vincenco "Enzo“ Bearzot ist verstorben; der wegen seines wortkargen Auftretens „Der Schweiger aus Friaul“ genannte Trainer wurde 83 Jahre alt. 1982 hatte er das italienische Team im Finale gegen Deutschland zum Weltmeistertitel geführt.
Bearzot ist ein Synonym für den italienischen Fußball. Er steht für dessen gute Zeiten, in der fantasievolle Technik über schnöde Taktik triumphierte. Der Fußball seiner Prägung steht für Erfolge. Und damit auch für die Vergangenheit.
Nur noch auf Plaz 14 der Weltrangliste
Denn um den Fußball in Italien ist es aktuell schlecht bestellt. Die Nationalmannschaft wird mittlerweile nur noch auf Platz 14 der Rangliste des Weltverbandes Fifa geführt, was bei künftigen Auslosungen für Qualifikationsrunden oder internationale Turniere wie der EM 2012 in Polen und der Ukraine zum Nachteil werden könnte. Das Team wäre dann wohl nicht mehr gesetzt, sondern könnte in Lostopf drei landen. Bei den kleinen Fußballnationen also, neben Schmach drohen starke Gegner.
Die Nationalelf aber spiegelt nur, dass ihre Quelle nicht mehr sprudelt, sondern ein trauriges Rinnsal ist. Die Liga hat ihre Strahlkraft verloren, ihre Vormachtstellung überdies. In die K.o.-Runde der Europa League hat es nur der SSC Neapel geschafft – vier Vereine waren gestartet. Juventus Turin, der Rekordmeister, hat es sogar fertig gebracht, in den sechs Spielen der Gruppenphase nicht einmal als Sieger vom Platz zu gehen. „Was für eine Qual, wenn wir daran zurückdenken, dass Juventus einst im Estadio Bernabeu und in Old Trafford zu Hause war und nun vor Lilliputgegnern erblasst“, war in der „La Repubblica“ zu lesen. Alles deutet überdies darauf hin, dass die Bundesliga der Serie A für die Saison 2012/2013 einen Startplatz für die Champions League abluchsen wird. Nach Stand der Dinge nimmt Deutschland in der Fünfjahreswertung des europäischen Verbandes Uefa Platz drei ein und kann damit wie mittlerweile noch Italien drei Klubs sowie einen Qualifikanten für die Champions League stellen.
Wie eine Blendgranate wirkt da, dass es in der Champions League zwar etwas besser um die italienischen Klubs bestellt ist. AC Mailand, AS Rom und Inter Mailand als künftiger Gegner des FC Bayern haben es bis ins Achtelfinale geschafft. In Inter wird sogar der Titelverteidiger gestellt. Doch die Runde der letzten 16 Teams zu erreichen, ist angesichts des enormen finanziellen Aufwandes, den insbesondere die Mailänder Klubs betreiben, nur als Minimalziel zu betrachten. Selbst Inter ist nicht mehr das, was es vor einem Jahr noch war: ein strahlender Klub, wie dafür gemacht, die Königsklasse zu gewinnen. Mittlerweile steht der Verein in der Tabelle der Serie A 13 Punkte hinter dem Stadtrivalen AC – und Trainer Rafael Benitez vor der Entlassung. Im Rückblick hatte Inters Titelgewinn in der vergangenen Saison nichts mit dem Aufleben des italienischen Fußballs zu tun, wie es die Ligavertreter vorschnell propagierten. Es war vielmehr der guten Arbeit des mittlerweile bei Real Madrid wirkenden Trainers Jose Mourinho zu verdanken, dass Italien mal wieder einen Triumph feiern konnte. „Italien ist ein Land, in dem der Fußball verblüht“, sagt Rudi Völler.
Bayer Leverkusens Sportdirektor ist ein Intimkenner der italienischen Verhältnisse. Als Spieler stand unter anderem beim AS Rom unter Vertrag (1987 bis 1992), als Trainer gab er 2004 ein Gastspiel bei den Römern. Er ist mit einer Römerin verheiratet, hat ein Haus in Rom und studiert jeden Tag die Fußballzeitung „Gazzetta dello Sport“. Völler sagt: „Solange die reichen Präsidenten wie Moratti bei Inter oder Berlusconi beim AC Mailand Lust haben, Geld in ihr Hobby zu stecken, werden die drei, vier Topklubs immer mal wieder für Furore in der Champions League sorgen. Allein Moratti hat doch insgesamt rund eine Milliarde in seinen Klub investiert. Aber diese paar Klubs lenken davon ab, wie es um die Liga wirklich bestellt ist.“
Völler malt ein düsteres Bild. Es gibt wenige reiche, aber viele arme Klubs. Wie etwa den FC Bologna, dem wegen finanzieller Ungereimtheiten ein Punkt abgezogen wurde und der für die Existenzsicherung gerade an einen italienischen Kaffeeröster verscherbelt werden musste. Italienische Vereine haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt, was sich nun rächt. Bei den reichen Klubs schultern noch die milliardenschweren Präsidenten die Schulden, die armen Vereine dagegen brechen unter den Verbindlichkeiten regelmäßig zusammen. Während die wenigen Großen prassen können, haben die Kleinen kaum Handlungsspielraum, ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern zu können. „In Italien ist das besonders erschreckend“, sagt Völler.
Auf Gedeih und Verderb dem Fernsehen ausgeliefert
Es ist ein strukturelles Problem. Nach Erhebungen der Unternehmensberatung Deloitte sind die italienischen Ligavertreter zu 60 bis 70 Prozent von den Fernseheinnahmen abhängig. In Deutschland dagegen macht das Fernsehgeld nur etwa ein Viertel des Etats aus. Das sichert ihnen eine größere Flexibilität, sollte eine der finanziellen Posten mal nicht so üppig ausfallen. In Italien dagegen liefern sie sich nahezu auf Gedeih und Verderb den Fernseheinnahmen aus. Auch da aber gilt: Den Löwenteil haben sich die großen Klubs gesichert, für den Rest der Liga bleibt nur wenig.
Besserung ist nicht in Sicht. Beim Marketing ist das Potenzial weitestgehend ausgeschöpft, die Zuschauereinnahmen sind stark rückläufig. In die veralteten und unsicheren Stadien kommt kaum einer. Die Erstligapartie Catania gegen Brescia am Wochenende wollten gerade mal 15.000 Zuschauer sehen. Herunter gebrochen auf deutsche Verhältnisse ist das gerade mal Zweitliganiveau – und im Ligaalltag eher die Regel als eine Seltenheit. „Die Italiener haben einfach den Übergang nicht geschafft und erleben deswegen nun einen schleichenden Niedergang. Sie haben nicht in ihre Stadien investiert, sondern das ganze Geld nur in ihre Spieler gepumpt, sie mit hohen Ablösen und fetten Gehältern gepäppelt, während nebenan ihre Arenen zusehends verkümmerten“, sagt Völler. Aus seiner Sicht „hinken die den anderen europäischen Topligen nicht zehn, sondern 20 bis 30 Jahre hinterher“. Das Niveau der italienischen Stadien sei „einfach katastrophal. Da gibt es alte Bunker wie bei uns in den 70er-Jahren. Stadien von Zweitligaklubs wie Aachen oder Duisburg sind für die meisten italienischen Erstligaklubs ein Traum. Von unseren Bundesligaarenen ganz zu schweigen“.
Die Rechnung geht jedenfalls nicht auf. Zu kleinen Einnahmen stehen zu hohen Kosten gegenüber. Fast alle Stadien gehören der jeweiligen Gemeinde oder der Stadt, die wegen chronisch leerer Kassen nichts in die Sicherheit oder den Komfort ihrer Betonschüsseln investieren. Für die Klubs ist das verheerend, was durch Restriktionen des Ligaverbandes noch verschärft wird: Um der Gewalt in den Stadien Herr zu werden, wird von Fall zu Fall entschieden, ob die Fans der auswärtigen Mannschaft mit ins gegnerische Stadion dürfen. Nicht selten müssen sie draußen bleiben.
Italiens Fußball ist verkommen, alt und träge, nur noch gestützt von ein paar Starken und Vitalen. Aber wie lange noch? Land und Liga sind kurz vor dem Bankrott, der Fußball leidet darüber hinaus an spielerischer Armut. Taktische Entwicklungen wurden verschlafen. Während das Gros der italienischen Mannschaften ihr Heil immer noch in der althergebrachten Defensivordnung sucht, wird sie vom Rest der Welt mit raffiniertem Offensivfußball überrollt. Weil zudem die Nachwuchsförderung den Namen nicht verdient, hat der italienische Verband die Altinternationalen Roberto Baggio und Demetrio Albertini engagiert. Sie sollen Strukturen für die Talentausbildung schaffen. Ihre Zeit als Spieler und damit als Vorbild ist zwar lange vorbei, aber auch das ist sinnbildlich: Italiens Fußballs zehrt nur noch von den Erfolgen der Vergangenheit.


