Manipulationsskandal

Sportjurist fordert Wettverbot in unteren Ligen

Langsam werden immer mehr Details des größten Wettskandals im Fußball bekannt. 15 Personen sitzen bereits in Untersuchungshaft, unter ihnen auch ein ehemaliger Basketballprofi. "Wir brauchen ein Wettverbot unterhalb der Zweiten Liga", fordert der angesehene Sportjurist Christoph Schickhardt.

Wer am Sonntag in Ulm neue Erkenntnisse zum größten Wettskandal der europäischen Fußballgeschichte sammeln wollte, wurde enttäuscht. Das übliche Auslaufen des Viertligaklubs war gestrichen worden. Besucher trafen im Donaustadion nur den Platzwart an, der ihnen mitteilte: „Keiner da.“

Offenbar wollen die Ulmer keine weiteren Erklärungen zu den Vorwürfen gegen Spieler ihrer Mannschaft abgeben. Wahrscheinlich können sie es gar nicht. 200 Spieler in neun europäischen Ländern seien allein in diesem Jahr von der Wettmafia manipuliert worden, hatte die Bochumer Staatsanwaltschaft am Freitag erklärt. Dass 32 dieser Spiele in Deutschland ausgetragen wurden, war eines der wenigen Details, das die Ermittler bekannt gaben. Seitdem forscht Fußball-Deutschland nach den betreffenden Begegnungen, den geschmierten Spielern und Schiedsrichtern. Gegen mindestens einen soll ermittelt werden.

Die bislang existierenden Spuren führen alle in die Fußballprovinz: nach Osnabrück, nach Goslar, nach Würzburg, und eben nach Ulm. Laut „Spiegel“ stehen neben dem Testspiel gegen Fenerbahce Istanbul (0:5) auch vier Pflichtspiele des SSV Ulm unter Manipulationsverdacht. Alle sollen in der Endphase der vergangenen Saison stattgefunden haben. Die Verantwortlichen halten sich zu den Vorwürfen bedeckt, ließen die Spieler aber unterschreiben, nichts mit Manipulationen zu tun zu haben.

Beim VfL Osnabrück sollen Profis angeblich die Zweitliga-Partien aus der Vorsaison manipuliert haben. In diesem Zusammenhang wurde die Wohnung von Marcel Schuon durchsucht, der mittlerweile beim SV Sandhausen spielt. „Er hat uns versichert, dass er nichts gemacht hat“, sagte Klubmanager Tobias Gebert. Seine Unschuld beteuerte auch Thomas Reichenberger, der am Samstag im Osnabrücker Stadion sogar eine entsprechende Rede an die Fans hielt.

Erst vergangene Woche soll der Torwart des Regionalligisten Goslaer SC, Lars Möhlenbrock, angesprochen worden sein, das Spiel gegen den SV Wilhelmshaven für eine Belohnung von 1500 Euro zu verschieben. „Er hat mich gefragt, ob ich schnell etwas Geld verdienen will“, wird der Tormann in der „Goslarschen Zeitung“ zitiert.

Der bislang einzige verhaftete Fußballer spielt beim Landesligisten Würzburger Kickers. Der 31-jährige Kristian S. war bereits 2007 wegen Wettbetrugs zu einer Geldstrafe von 8400 Euro verurteilt worden. S. hatte auf Spiele gewettet, von deren Manipulation er gewusst haben soll. Er soll damals auch versucht haben, einen ehemaligen Mitspieler telefonisch zur Spielmanipulation zu überreden.

Sind die Informationen zu den ausführenden Personen noch vage, ist über die Hintermänner schon deutlich mehr bekannt. Wie schon im Fall des bestochenen Schiedsrichters Robert Hoyzer aus dem Jahr 2005, sitzen die Drahtzieher wieder in Berlin. Es handelt sich offenbar um eine fünfköpfige Bande, zu der auch wieder Ante Sapina gehören soll. Der Kroate war bereits in der Hoyzer-Affäre zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden. Jetzt sitzt er wie 14 weitere Männer in Untersuchungshaft. Unter ihnen befindet sich auch der ehemalige Bamberger Basketballprofi Ivan Pavic. Die Bande soll über Mittelsmänner Spieler, Trainer und sogar Präsidenten in ganz Europa bestochen haben. So wetteten sie beispielsweise 60.000 Euro, dass eine türkische Drittligamannschaft in der ersten Halbzeit drei Tore schießt. Das Ergebnis trat ein.

Auch in ihrer Heimatstadt waren Teile der Bande offenbar tätig. Der „BZ“ sagte Fikret Ceylan, Manager des Berliner Viertligisten Türkiyemspor: „Ich bin schon oft angesprochen worden von Leuten, die wissen wollten, was es kostet, wenn wir verlieren.“ Und Cem Effe, langjähriger Berliner Oberligastürmer, sagte er Morgenpost Online: „Ich bin überzeugt, dass zu meiner aktiven Zeit manipuliert wurde. In den unteren Ligen sind die Spieler leichter zu ködern“ Mit einem manipulierten Spiel könnten sie mehr verdienen als sonst in einem Monat. Und so scheint die Forderung des angesehenen Sportjuristen Christoph Schickhardt nur logisch: „Zocken um hohe Geldbeträge im Sport muss generell geächtet werden. Wir brauchen ein Wettverbot unterhalb der Zweiten Liga.“

Wie die Öffentlichkeit wurden auch die deutschen Verbände von den Ereignissen überrascht. Die Bochumer Staatsanwaltschaft hatte zwar den europäischen Verband (Uefa), nicht aber die nationalen Organisationen in die Ermittlungen eingeweiht. Dies kritisierte Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL). „Ich hätte es gut gefunden, wenn verantwortliche Leute, die nicht im Verdacht stehen, Informationen an die Öffentlichkeit zu tragen, eingeweiht worden wären“, sagte der Jurist. Er werde versuchen, Anfang der Woche begrenzte Einsicht in die Akten zu bekommen.

Auch Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) appellierte an die Staatsanwaltschaft, „schnell Ross und Reiter zu nennen“. Zwanziger hatte in ersten Reaktionen, in denen er die Affäre herunter spielte, keine glückliche Figur abgeben. „Korruption und Bestechung haben wir auch, aber wer hat das denn nicht“, fragte der DFB-Präsident. Später äußerte er sich eindeutiger: „Sobald wir Beweise haben, wird das DFB-Sportgericht schon vor den rechtmäßigen Urteilen Maßnahmen treffen.“

Auch Zwanzigers Kollegen werden viel Arbeit bekommen, Meldungen über verschobene Spiele in ganz Europa nehmen zu. So veröffentlichte die „SZ“ eine Liste mit sechs manipulierten Partien aus Kroatien, der Türkei, Belgien und der Schweiz. Dort meldete zudem der Präsident des FC Sion ein verkauftes Spiel. Laut Christian Constantin habe sich der bosnische Klub NK Travnik sein Trainingslager von Buchmachern finanzieren lassen, in dem er das Testspiel gegen seine Mannschaft (1:4) absichtlich verlor. Und beim Zweiligaklub FC Thun wurde ein Stürmer von der Polizei verhört. Er wird nicht der letzte bleiben.