Nur wenn er Fußball spielt, ist alles ganz einfach. Wer Konstantin Sirjanow bei dieser EM beobachtet, sieht einen leichtfüßigen Mittelfeldspieler, der großen Anteil daran hat, dass die russische Mannschaft im Halbfinale gegen Spanien antritt. Doch Sirjanows Weg bis zu diesem Spiel war alles andere als einfach. Mit seinen 30 Jahren musste er schon mehr Schicksalsschläge wegstecken, als viele Menschen vertragen würden.
Es war vor sechs Jahren im August, als sich Sirjanows Leben änderte. Zwei Jahre zuvor hatte der Spieler von Torpedo Moskau bereits Vater und Bruder verloren – doch an diesem Tag verlor er seine Liebe. Seine Ehefrau Irina, 23 Jahre jung, nahm sich das Leben. Alkoholisiert sprang sie aus dem Fenster des gemeinsamen Appartements, gelegen im achten Geschoss eines Moskauer Hochhauses. An der Hand hielt sie die gemeinsame Tochter Olga. Die Vierjährige starb noch in derselben Nacht, um Irinas Leben kämpften die Ärzte einen Monat lang. Vergebens.
Die Tragödie schockte das ganze Land. „Sie konnte nicht bei klarem Verstand gewesen sein. Ein normaler Mensch tut so etwas doch nicht“, sagte Sirjanow, der schon in jungen Jahren vor den Trümmern seines Lebens stand. Er setzte sie wieder zusammen.
Ein neues Leben in St. Petersburg
Dabei geholfen haben zwei Menschen. Dick Advocaat, Trainer von Zenit St. Petersburg und Natascha, seine neue Lebensgefährtin, mit der er seit 2004 zusammen ist. Nach dem Tod von Frau und Kind geriet Sirjanows Leben ins Trudeln, seine Karriere steckte fest. Verständlicherweise. Erst als sein Klub Torpedo Moskau 2006 abstieg, kam endgültig das, was Sirjanow so beschreibt: „Ich habe jetzt ein neues Leben und will nicht mehr in der Vergangenheit feststecken.“
Zenit St. Petersburg nahm den Linksfuß unter Vertrag und erdachte für ihn eine neue Rolle. Advocaat zog Sirjanow vom defensiven ins offensive Mittelfeld und lag mit dieser Idee goldrichtig. Sirjanow schoss in der abgelaufenen Saison neun Tore, genauso viele wie zuvor in sechs Jahren bei Torpedo Moskau. Im Alter von 28 Jahren wurde er von Nationaltrainer Guus Hiddink erstmals in die Nationalmannschaft berufen. Im Uefa-Cup-Finale Zenits gegen die Glasgow Rangers erzielte er das finale 2:0 und wurde 2007 sogar zu Russlands Fußballer des Jahres gewählt. Verstehen könne er das nicht, sagte Sirjanow bescheiden, das sei wohl nur geschehen, weil er plötzlich ein paar Tore geschossen habe.
Pure Untertreibung. Sirjanow zählt auch bei der EM zu den Besten seiner Mannschaft, die längst zur großen Überraschung dieses Turniers aufgestiegen ist. Trotzdem gibt es für den Profi Wichtigeres: Natascha erwartet in diesen Tagen das erste gemeinsames Baby.
SUF





