Das Hemd von Fatih Terim hat eine Menge durchgemacht. Beinahe wäre es zerrissen worden von den Händen seiner eigenen Spieler, die um den Trainer tobten und an ihm zerrten, als das Wunder vollbracht und die Männer vom Bosporus im Halbfinale der Europameisterschaft standen. Was war das aber auch für ein Drama: Terim hatte 120 Minuten und ein Elfmeterschießen lang an der Seitenlinie wie ein Derwisch getobt, gezetert und gebangt, so dass das Hemd an ihm hing wie ein Segel nach dem Gewitter.
Und dann hatten sie es wieder geschafft, Terim, sein Hemd, vor allem aber seine Spieler, die scheinbar Unbesiegbaren, die zum dritten Mal bei diesem Turnier den Kopf aus der Schlinge gezogen und Kroatien mit 4:2 nach Elfmeterschießen besiegt haben. „Das ist Fußball. Man darf nie aufgeben, bis der Schiedsrichter abgepfiffen hat“, sagte Terim lächelnd.
Was so simpel klingt, haben die Könige der letzten Minuten schon gegen die Schweiz vollbracht, als sie zurücklagen, in der 57. Minute den Ausgleich erzielten und dann in der 89. Minute der eingewechselte Semih Sentürk den Sieg der Türken besiegelte. Gegen die Tschechen lag man sogar 0:2 zurück, ehe Arda und zwei Treffer von Nihat die Partie in den letzten 15 Minuten kippten. Freitag nun markierte Ivan Klasnic in der 119. Minute das 1:0 der Kroaten, dann glich Sentürk (122.) aus, im Elfmeterschießen versagten die Kroaten Luka Modric, Ivan Rakitic und Mladen Petric. „Es war ein unbeschreibliches Spiel“, sagte Hamit Altintop. „Was uns heute passiert ist, ist einmalig in der Geschichte. Wenn wir so weitermachen und an uns glauben, dann kann alles passieren. Dann müssen wir vor niemandem Angst haben.“ Wer möchte da widersprechen?
390 Minuten haben die Türken bisher bei der EM gespielt, zwei Minuten lagen sie insgesamt nur in Führung. Zweimal wurden die Spiele nach ihren Treffern gar nicht mehr angepfiffen, jetzt stehen sie im Halbfinale. Kroatiens Trainer Slaven Bilic stand fassungslos vor einem Phänomen. „Sie haben Qualität in der Mannschaft und das besondere Etwas, das du im Fußball brauchst. Wenn sie weiter so ein unglaubliches Glück haben, können sie sogar ins Finale dieser Europameisterschaft einziehen.“ Terim grinste genüsslich, als er auf die Worte von Bilic angesprochen wurde.
Glaube, Stärke, Nationalstolz
„Er hat Recht“, sagte der türkische Trainer. „Wir haben das besondere Etwas. Ich sage meinen Spielern immer: Gebt nie auf. Habt keine Angst zu verlieren. Eine Partie ist erst dann zu Ende, wenn der Schiedsrichter pfeift.“ So handelten sie auch nach dem späten Führungstor der Kroaten. „Ich habe gesehen, dass einige Spieler auf dem Boden lagen. Da habe ich Arda gesagt, er soll den Ball aus dem Tor holen und weitermachen“, sagte Terim.
Die Mannschaft hat die Maximen des Trainers längst verinnerlicht. „Im Fußball haben Gefühle auf dem Platz nicht viel Raum“, sagte Hamit Altintop. „Man hat keine, Zeit, zu bedauern. Wir können nach dem Schlusspfiff noch weinen.“ Unbedingter Glaube an sich, physische Stärke und ein leidenschaftlicher Nationalstolz treiben die Türken bei diesem Turnier von Erfolg zu Erfolg.
Spielerisch sind die Türken limitiert
Spielerisch ist die Mannschaft zweifellos limitiert, gegen Kroatien kamen sie in der regulären Spielzeit zu keiner ernsthaften Torchance. Terim hat seiner jungen Mannschaft (Durchschnittsalter: 26 Jahre, zehn Monate) eine defensiv ausgerichtete Strategie verordnet und seinen Schützlingen jeglichen Druck genommen. „Wenn wir ausgeschieden wären, hätte uns der Trainer auch gratuliert“, sagte Altintop. „Wir sind noch nicht ausgereift, aber wir sind auf einem guten Weg. Durch die Euphorie, Laufbereitschaft und Ehrgeiz machen wir einiges wieder gut.“
Und durch die bisherigen Erfolge ist eine Art Schicksalsglaube entstanden, durch den sich das Team nun zu Höherem berufen fühlt. Wer dreimal mit dem Rücken zur Wand steht und sich noch befreit, kommt wohl nicht umhin, sich auf einer Mission zu fühlen. „Eine Mannschaft kann einmal Glück haben, auch ein zweites Mal. Aber wenn das dreimal passiert, dann ist das kein Glück mehr“, sagte Nihat Kahveci.
Drei Türken sind gelbgesperrt
Sogar die Tatsache, dass Tuncay Sanli, Arda Turan und Emre Asik wegen der zweiten Gelben Karte gegen Deutschland gesperrt sind und auch Stürmer Nihat wegen eines Ödem in der Leiste ausfällt, kann Trainer Terim kaum noch schocken. Gegen Kroatien hatten ihm schließlich schon sechs Spieler wegen Verletzungen oder Sperren gefehlt. „Wir gehen immer den schwierigen Weg“, sagte Terim. „Wenn man unser bisheriges Abenteuer sieht, ziehe wir daraus einen psychologischen Vorteil.“
Dabei ist es fast egal, wie der Gegner heißt, ob Schweiz, Tschechien, Kroatien oder im Halbfinale am Mittwoch in Basel Deutschland. „Es gibt keine Grenzen für den Erfolg“, sagte Fatih Terim. „Die Menschen in der Türkei können jetzt schon stolz auf uns sein. Und als Land von 70 Millionen Menschen können wir noch viel erreichen. Wir spielen jetzt gegen einen Riesen, aber wir sind selbst gewachsen. Es wird das Aufeinandertreffen zweier Riesen.“
Auch Ministerpräsident Tayyip Erdogan will dann wieder dabei sein. Der Regierungschef umarmte in Wien völlig enthemmt jeden Spieler und küsste Torwart Rüstü die Stirn. „Das sind heilige Schweißperlen, die müssen geküsst werden“, sagte Erdogan fröhlich. Er hätte sich mal Terim vorknöpfen sollen.




