Der personelle Notstand hat Fatih Terim auf eine kuriose Idee gebracht. Im Halbfinale der Europameisterschaft am Mittwoch gegen Deutschland will der türkische Trainer seinen Ersatztorwart Tolga als Feldspieler aufbieten.
Terim fehlen nach Stand der Dinge durch Sperren und Verletzungen neun von 23 Akteuren, deswegen der Einfall mit dem Torwart. Trotz der personellen Probleme darf er nämlich nicht nachnominieren. Medienchef William Gaillard vom europäischen Verband Uefa sagt: „Die Regeln standen vor Turnierbeginn fest, und wir haben nicht die Absicht, sie während des Turniers zu ändern. Nachnominiert werden im Verletzungsfall konnte ein Spieler nur vor dem ersten Spiel seiner Mannschaft.“
Eine Ausnahme gab es bei der EM 1996: Vor dem Finale durfte der Deutsche Fußball-Bund mit einem Sondergesuch den damaligen Freiburger Jens Todt nachnominieren, weil Bundestrainer Berti Vogts aufgrund zahlreicher verletzungsbedingter Ausfälle große Personalprobleme vor dem Duell gegen Tschechien hatte. Erst unmittelbar vor Spielbeginn kurierte Kapitän Jürgen Klinsmann beispielsweise seinen Muskelfaserriss aus und konnte doch im Endspiel eingesetzt werden, das Oliver Bierhoff durch sein Golden Goal in der Verlängerung entschied.
Tolga könnte zum Bierhoff werden
Für Terim könnte nun Tolga zum Bierhoff werden. „Als Einwechselspieler könnte er zum Ende der Partie als letzter Mann oder Mittelstürmer zum Einsatz kommen. Wir können uns nicht mehr den Luxus erlauben, dass sich die Spieler aussuchen, wo sie spielen wollen“, sagte Terim, dessen Personalroulette schon im Vorfeld des Turniers für Verwunderung gesorgt hatte.
Da hatte er bereits die in Deutschland tätigen Yildiray Bastürk (VfB Stuttgart) und Halil Altintop (Schalke 04) bei der endgültigen Nominierung aus dem Kader geworfen. Der deutsche Trainer Karl-Heinz Feldkamp, Intimkenner des türkischen Fußballs und bis April noch Trainer bei Galatasaray Istanbul, kann das bis heute nicht verstehen. Sein Vorwurf: „Die guten und richtigen Spieler werden nicht nominiert.“
Die Lobby der großen Istanbuler Vereine Besiktas, Galatasaray und Fenerbahce hieve aus seiner Sicht Akteure in die Nationalmannschaft, denen es an internationalem Format fehle. „Ich bin davon überzeugt: Ein Halil Altintop oder Yildiray Bastürk wären nicht nach Hause geschickt worden, wenn sie bei Besiktas oder Fenerbahce spielen würden“, sagt Feldkamp. Er kommt zu dem Schluss: „Die türkische Nationalmannschaft nutzt ihre Ressourcen nicht optimal.“
Feldkamp berichtet von Mittelstürmer Mehmet Yildiz vom Tabellenvierten Sivaspor. „Der hat uns Trainer der großen Vereine verrückt gespielt.“ Zur EM mitkommen durfte er dennoch nicht. „Er hat nun mal nicht die Presse der großen Istanbuler Klubs, die die Aufstellung mitbestimmen. Die Hegemonie der drei großen Klubs deckelt alles“, sagt Feldkamp.
Nur drei Spieler im Ausland geboren
Längst ist es auch nicht mehr so, dass die im Ausland geborenen Türken nahezu wie selbstverständlich einen Platz im Nationalteam bekommen. Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea, als die Türkei mit Platz drei das beste Abschneiden ihrer Fußballgeschichte feiern konnte, waren fünf in Westeuropa geborene Türken am Triumph beteiligt. Allein drei waren in Deutschland geboren: Ilhan Mansiz in Kempten, Ümit Davala in Mannheim und Bastürk in Herne.
Dieser Tage hat sich der Kreis auf nur noch drei im Ausland geborene Profis verkleinert, der Brasilianer Mehmet Aurelio wurde bereits 2006 eingebürgert. Bevorzugt wird mittlerweile auf Eigengewächse des Landes gesetzt, wie auf Mittelfeldspieler Arda Turan, 21 Jahre alt und groß geworden in der Jugend von Galatasaray Istanbul. Der von Borussia Dortmund an Feyenoord Rotterdam ausgeliehene Nuri Sahin (19) aus Lüdenscheid hat es dagegen nicht einmal in den vorläufigen EM-Kader von Terim geschafft.
Die verstoßenen Sahin, Bastürk und Halil Altintop zählen zu der in Deutschland geborenen Gruppe türkischer Fußballprofis, deren Dienste sich der Landesverband bereits in deren Jugend unter großem Aufwand gesichert hat. Die Devise war damals, das im Ausland brach liegende Potenzial der Türkei zu erschließen. Deutschland war durch seine rund 2,4 Millionen Einwohner mit türkischem Migrationshintergrund wie ein Dorado.
Europabüro des Verbandes in Deutschland
Um das zu erschließen wurde Ende der 90er-Jahre Erdal Keser beauftragt, der als Zwölfjähriger mit seinen Eltern nach Hagen in Westfalen eingewandert und unter anderem einst Profi bei Borussia Dortmund war. Er leitete in Deutschland das Europabüro des türkischen Fußballverbandes. Die Brüder Altintop, Bastürk oder Sahin hat er für die türkische Nationalmannschaft gewinnen können.
Doch sie haben in ihrer Heimat nicht den besten Ruf, sind als „Alamancilar“, als Deutschländer verschrien. Erdal schied zudem 2002 aus dem Projekt aus, der türkische Verband hatte ihn mit bürokratischen Akten mürbe gemacht. Er sagt, das Projekt laufe noch, „müsste aber besser laufen“. Er hält sich diplomatisch zurück, aber daraus ist zu schließen, dass nicht mehr viel Wert auf den Export Made in Germany gelegt wird. Erdal Keser sagt, er habe „in naher Zukunft wieder aktiver in die Sache einzugreifen“. Einen Auftrag hat er auch schon: Torhüter werden Hände ringend gesucht.
sid/jwo




