Geheime Trainingseinheiten sind bei dieser Europameisterschaft groß in Mode. Kaum eine Mannschaft lässt ihre Übungen regelmäßig Zuschauer beobachten; es könnte ja ein Spion des nächsten Gegners darunter sein.

Auch die Spanier schotten sich in Neustift ab. Sie haben dabei nur ein Problem: die vielen Berge in Österreich. Ein Fernsehsender hat das Dach eines Hauses am Hang mit bester Sicht auf das Fußballfeld angemietet und liefert der Heimat nun täglich die schönsten Bilder vom Training der Mannschaft, die wieder einmal als Mitfavorit startet.

Und so gibt es wenige Geheimnisse über die Elf, die Trainer Luis Aragones am Dienstag in Innsbruck gegen Russland auf das Feld schickt (18.00 Uhr, live ARD und Morgenpost Online). Beide Hoffnungsträger sind dabei, weil sie sich rechtzeitig erholt haben: Mittelfeldspieler Andres Iniesta vom FC Barcelona hat eine Lebensmittelvergiftung überwunden, und auch Angreifer Fernando Torres rückte wieder in den Fokus. Der Stürmer vom FC Liverpool hat keine Schmerzen mehr im Knöchel und kann sein großes Ziel angehen: den Durchbruch zum Weltstar, wie ihn der Portugiese Cristiano Ronaldo bereits geschafft hat.

Schon mit 19 Kapitän der Mannschaft

Die Karriere des 24-Jährigen kennt bislang nur eine Richtung: immer steil nach oben. Mit 17 bestritt Torres sein erstes Profispiel für Atletico Madrid, in der zweiten Partie erzielte er seinen ersten Treffer. Mit 19 wurde er Kapitän der Mannschaft, mit 20 war er jüngster Torschützenkönig der Primera Division, und mit 23 wechselte er im Vorjahr für 38 Millionen Euro zum FC Liverpool, wo er auf Anhieb 33 Pflichtspieltore schoss. Nun will ihn offenbar der FC Chelsea haben, der rund 60 Millionen Euro Ablöse bieten soll. Liverpool will im Gegenzug sein Wochengehalt von 95.000 auf 115.000 Euro erhöhen. Doch Torres zögert und fordert vom Verein weitere Verstärkungen, nur so könne Liverpool um die Meisterschaft mitspielen.

Womit wir beim Makel der Torres-Karriere angekommen wären: Gewonnen hat der dribbelstarke Angreifer mit dem harten Schuss nämlich noch nichts. Nicht mit seinen Klubs und schon gar nicht mit seiner Nationalmannschaft. Dort ist sein Ruf ohnehin noch nicht so gut, wie er sein sollte. 15 Tore in 49 Spielen sind nur eine mittelmäßige Quote, in den vier Spielen, die Spanien in diesem Jahr bestritt, traf Torres noch gar nicht.

Zuletzt spielte Spanien mit zwei Spitzen

Angeblich liegt es am System. Spaniens gemächlicher Spielaufbau kommt dem Stoßstürmer, der seine Stärken im schnellen Spiel in die Spitze hat, nicht entgegen. Trainer Aragones ist aber nicht bereit, für seinen Star umzuplanen, was auch für Spielgestalter Iniesta gilt, der in der Nationalmannschaft auf dem rechten Flügel eingesetzt wird. Zuletzt hat es Aragones beim 1:0 gegen die USA sogar wieder mit zwei Spitzen versucht. Torres und David Villa vom FC Valencia standen sich auf den Füßen herum und moserten danach beide, sie würden lieber allein im Angriff spielen. „Wir haben die Qualität, aber es fehlt uns derzeit an Tempo“, sagte Torres, der dem heutigen Gegner Russland zutraut, zu einer großen Überraschung des Turniers zu werden.

Dies haben auch die Spanier vor. Ihren bislang letzten Titel gewannen sie vor 44 Jahren, als sie Europameister im eigenen Land wurden. Nun liegt es vor allem auch an Torres, die lange Ära der Erfolglosigkeit zu beenden.