Morgenpost Online: Herr Netzer, am Ende der Vorrunde: Sagen Sie uns, wer Europameister wird?

Günter Netzer: Seriös lässt sich das noch nicht beantworten. Aber es gibt erste Erkenntnisse. In erster Linie betreffen sie die Niederländer: Dass sie so außergewöhnlich stark auftreten würden, war nicht zu erwarten – erst recht nicht in dieser schweren Gruppe.

Morgenpost Online: Und die deutsche Mannschaft? Sie reiste als Topfavorit zur EM. Doch wer zittert nach dieser Vorrunde noch vor ihr?

Netzer: Mein Topfavorit war sie nicht, das waren die Italiener – und sind es immer noch. Die Deutschen war für mich ein Mitfavorit, aber sie haben in der Vorrunde nicht brilliert. Sie können es besser. Österreich zu schlagen, war eine Pflichterfüllung, mehr nicht. Aber selbst dieser Viertelfinaleinzug hat mehr Nerven gekostet, als alle Beteiligten im Vorfeld zuzugeben bereit gewesen waren.

Morgenpost Online: War die scheinbar so ausschließlich positive Entwicklung seit der WM 2006 eine Schimäre?

Netzer: Nein, das auch nicht. Aber die Mannschaft hat ihr wahres Gesicht in diesem Turnier noch nicht gezeigt. Viele Spieler blieben unter ihren Möglichkeiten. Es gab in puncto Leistung zu viele Ausfälle, die nicht zu verkraften waren.

Morgenpost Online: Graut Ihnen angesichts dessen vor der Begegnung der Deutschen mit Portugals zauberhafter Offensive?

Netzer: Sie werden den Beweis ihrer Klasse jetzt erbringen müssen. Portugal wird nicht den Fehler machen, den momentanen Leistungsstand der Deutschen als realistisch anzunehmen. Deutschland ist zu jeder Zeit in der Lage, etwas Besonderes zu leisten. Wer deutsche Mannschaften in einem Turnier unterschätzt, hat meist verloren.

Morgenpost Online: Verloren hat das deutsche Team nach dessen Rippenbruch wohl Torsten Frings.

Netzer: Ein kapitaler Ausfall! Gewisse Spieler dürfen nicht verletzt sein – Frings gehört dazu.

Morgenpost Online: Ist ein Mann gegen Ronaldo ein zu großes Sicherheitsrisiko?

Netzer: Die gesamte Abwehr muss ihr absolut Bestes zeigen. Ronaldo ist nicht die einzige Gefahr. Portugal ist eine gewachsene Mannschaft voller Stars.

Morgenpost Online: Und damit Favorit?

Netzer: Die Vorteile liegen bei ihnen. Sie haben eine wunderbare Mischung, diese großartigen Fußballer sind nicht allein auf Ronaldo oder Deco zu beschränken. Sogar die Abwehr verkörpert – auch technisch – höchste internationale Klasse; dazu haben sie einen wirklich tollen Trainer. Die deutsche Mannschaft muss vor all dem nicht in Ehrfurcht erstarren. Aber sie wird an den Rand ihrer Möglichkeiten oder sogar darüber hinaus gehen müssen. Sonst hat sie keine Chance.

Morgenpost Online: Arne Friedrich hat gegen Österreich die Defensive verstärkt.

Netzer: Das sehe ich genauso. Er war ein Gewinn, vor allem Lahm hat klar davon profitiert, auf die linke Seite rücken zu können; wie er bislang ohnehin der beste deutsche Spieler ist.

Morgenpost Online: Was ist los mit dem deutschen Sturm, mit Klose und Gomez?

Netzer: Gomez kann ich nicht verstehen. Er spielt wesentlich unter seinen Möglichkeiten. Er ist talentiert und fähig, ein großer Spieler zu werden, aber es fehlt ihm an Leichtigkeit. Es war bis jetzt nicht seine EM. Klose fand ich gegen Österreich verbessert, aber auch nicht gut genug.

Morgenpost Online: Was raten Sie Lukas Podolski, nachdem der einmal mehr ein gutes Turnier spielt?

Netzer: Dass er sich bei den Bayern durchsetzen will, spricht für ihn. Aber er hat diese zwei Gesichter: jenes im Nationalteam und das in München. Warten wir ab, wie er das Turnier zu Ende spielt.

Morgenpost Online: Ex-Nationalspieler Jürgen Kohler (105 Länderspiele – d.R.) sagte, Schweinsteiger und Jansen müssten den Status „behüteter Talente“ endlich ablegen. Hat er Recht?

Netzer: Sind beide noch behütete Talente? Sie sind gestandene Spieler, die schon viel erlebt haben; auch international. Allerdings ist richtig, dass gerade Schweinsteiger zuletzt stagnierte. Er muss vorankommen.

Morgenpost Online: Wer ist wichtiger für das Spiel seiner Mannschaft: Ballack oder Ronaldo?

Netzer: Von seiner Position ist Ronaldo natürlich in der Lage, alles zu entscheiden. Aber: Das tat auch Ballack gegen Österreich. Vor der EM sagte ich, dass wir einen auf allerhöchstem Niveau spielenden Ballack brauchen werden. Seine Aufgabe ist es, zu führen, mitzureißen, zu motivieren. Der absolute Kopf dieser Mannschaft zu sein. Und Portugal: Ich sagte es – es ist nicht nur Ronaldo.

Morgenpost Online: Ist Ronaldo die 100 Millionen Euro wert, die Real Madrid für ihn angeblich bietet?

Netzer: Mir wird bei diesen Summen immer ganz schwindlig. Übrigens auch schon bei deutlich niedrigeren Beträgen. Was das angeht, sind alle Grenzen des Guten längst gesprengt.

Morgenpost Online: Welche Trends hat diese EM bislang gezeigt?

Netzer: Noch keine; jedenfalls nicht auf verlässliche Weise. Aber ich habe gesehen, was wohl die Trainerleistung des Turniers bleiben dürfte: Marco van Basten. Seine Auswechslung zur Pause gegen Frankreich, den Flügelstürmer Robben für einen defensiven Mittelfeldmann zu bringen, obwohl die eigene Mannschaft führt – das war grandios. Dieser Systemwechsel hat die Mannschaft befreit, sie belebt. Danach haben sie die Franzosen überrannt. So einen guten Wechsel sieht man nur ganz, ganz selten.

Morgenpost Online: Ist Frankreich die große Enttäuschung des Turniers, oder stand der Verfall des WM-Zweiten in dieser Form zu erwarten?

Netzer: Die Franzosen haben nach der WM den Schnitt verpasst. Die Fehler geschahen nicht bei dieser EM, sondern weit davor. Kaum ein anderes Land in Europa hat so viele talentierte Leute hinten dran, doch der Trainer (Raymond Domenech – d.R.) hat ihnen nicht vertraut. Jetzt sind sie gescheitert, aber ich bleibe überzeugt, dass der französische Fußball bereits auf kurze Sicht wieder Erfolge feiern wird.