Nun wissen wir also, was der italienische Stürmer drunter trägt. Schlicht und weiß war der Slip, in dem Antonio Cassano seine Ehrenrunde durch das Züricher Stadion drehte. Die übrigen Kleidungsstücke hatte er vor Freude den jubelnden Fans zugeworfen.
2:0 (1:0) hatte Italien die Neuauflage des WM-Finals gegen Frankreich gewonnen und sich doch noch für das Viertelfinale qualifiziert, wo die Mannschaft am Sonntag in Wien auf Spanien trifft. „Italien lebt!“, bejubelte Trainer Roberto Donadoni den wichtigsten Sieg seiner Trainerkarriere.
Es war eine Vorrunde nach Manier der Italiener. Irgendwie haben sie sich wieder einmal durchgemogelt. Sie holten lediglich vier Punkte aus drei Spielen und schossen nur drei Tore, keines fiel aus dem Spiel heraus: Sie nutzten eine Ecke, einen Elfmeter und einen Freistoß, der auch noch abgefälscht wurde. Schlussendlich kamen sie dann auch nur weiter, weil die bereits qualifizierten Niederländer ihr Spiel gegen Rumänien nicht herschenkten. So war Stürmer Luca Toni nicht der Einzige, der nach Abpfiff warme Worte für den Konkurrenten bereithielt: „Die Niederländer haben sich sehr korrekt verhalten und nicht wider ihrer Mentalität gehandelt.“
Spanier haben Respekt
Donadoni schlug nachdenkliche Töne anschlug und widmete den Erfolg einem kranken Kind in der Heimat. „Wir haben einen Brief von einem Jungen bekommen, dem eine Bluttransfusion bevorsteht. Er wollte, dass wir gewinnen, damit es ihm besser geht“, erklärte der Trainer, dessen Vertragsverlängerung bis 2010 nur beim Einzug ins Halbfinale in Kraft tritt: „Ich habe den Jungs davon erzählt, denn sie sollten mal aus ihrem goldenen Käfig schauen. Die Spieler waren gerührt, und sie haben alles getan, um den Jungen glücklich zu machen.“
Das Glück der Italiener wurde allerdings durch die zweiten Gelben Karten für Spielgestalter Andrea Pirlo, der per Elfmeter das 1:0 erzielt hatte, und Mittelfeldkämpfer Gennaro Gattuso getrübt.
Trotz des Handicaps fahren die Italiener zurück nach Österreich als Favorit, wie Frankreichs Trainer Raymond Domenech bemerkte. Jenes Italien, das noch vor wenigen Tagen zum Gespött des Weltfußballs wurde, als es 0:3 gegen die Niederlande unterging und gegen Rumänien nur ein 1:1 erreichte.
Das bisher schön spielende Spanien ist gewarnt. „Italien ist nicht mein Lieblingsgegner, jeder weiß, dass die Mannschaft Weltmeister und ein schwieriger Rivale ist“, stöhnte Nationaltrainer Luis Aragones. Gegen Frankreich hat Italien „die Auferstehung der Totgesagten“, gefeiert, schwärmte „La Repubblica“, „jetzt sind die Wunder-Spanier dran.“
Luca Toni noch ohne Tor
Die Mannschaft scheint sich konsolidiert zu haben. Gegen Frankreich ließ die umgebaute Verteidigung erstmals den Ausfall von Abwehrchef Fabio Cannavaro vergessen, war allerdings von den nach der Roten Karte zehn verliebenden Franzosen aber auch selten wirklich gefordert.
Das Problem verlagerte sich eher in den vordersten Mannschaftsteil, den Sturm. Dass die Italiener bislang nämlich nur durch Standardsituationen zu Toren kamen, liegt nicht am mangelnden Offensivgeist. Ganz im Gegenteil: Italien spielt unter Donadoni überraschend schnell nach vorn und erarbeitet sich ungewohnt viele Tormöglichkeiten, die dann aber fahrlässig vergeben werden. In erster Linie von einem Spieler: Italiens Mario Gomez heißt Luca Toni.
Der Mann vom FC Bayern spielt ein glänzendes Turnier. Er ist fleißig, setzt immer wieder klug seine Mitspieler ein und sucht selbst den Abschluss. Doch alles, was er in der abgelaufenen Bundesligasaison so traumhaft sicher im gegnerischen Tor unterbrachte, verfehlt bei der EM das Ziel. Allein gegen Frankreich hatte der 31-Jährige drei Riesenchancen. Zehn Versuche verfehlten das Tor, einer landete am Pfosten, nur einen musste der Torwart abwehren. „Impossibile“, entfuhr es Donadoni auf der Bank, immerhin gab es ein bisschen Lob dafür, dass er den Elfmeter herausgeholt hatte: „Toni hat ein großes Spiel gemacht. Er wird sein Tor noch schießen.“
Tifosi jagen das Double
Toni weiß, dass er dies abstellen muss, soll seine Mannschaft weiterkommen Er konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. „Ich bin natürlich traurig, weil ich wieder kein Tor geschossen habe. Momentan fehlt mir einfach das Glück“, sagte der Angreifer: „Ich werde aber weiter kämpfen und gegen Spanien mein erstes Tor machen.“
Donadonis Landsleute glauben daran ohnehin. Bereits in Zürich war das Stadion fest in italienischer Hand, nun erwarten die Organisatoren einen Ansturm auf die Halbfinalstadt Wien. Die Tifosi wollen Unterstützung geben bei der Jagd auf das Double.
Die jetzt gescheiterten Franzosen haben es mit ihren Titelgewinnen 1998 und 2000 vorgemacht. Auch Deutschland konnte sich gleichzeitig Welt- und Europameister nennen, schaffte das Doppel jedoch in umgekehrter Reihenfolge 1972 und 1974.




