Deutschland im Halbfinale

Das Wunder von Basel

Beim Spiel gegen Portugal stimmte so viel wie lange nicht. Die Deutschen waren nicht wiederzuerkennen. Offenbar braucht die deutsche Mannschaft erst unmenschlichen Druck im Turnier, bis sie zu Höchstform aufläuft. Wenn es bei dieser Form bleibt, dann reicht es auch für ein Finale, meint Hajo Schumacher.

Womöglich war es Einbildung, vielleicht aber sangen die Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gestern Abend die Hymne doch inbrünstiger als bei den drei Spielen zuvor. Diese Mannschaft war auf einer Mission; zum ersten Mal seit 2006 schien das Team wieder vom alten Kampfgeist beseelt, von Entschlossenheit und Siegeswillen. Fans und Spieler vereinten sich im Regen endlich wieder zur sportiven Deutschland AG gegen die fälschlich zu Favoriten erklärten Portugiesen. Beim Wunder von Basel stimmte so viel wie lange nicht: Die Abwehrkette an der Mittellinie stand taktisch brillant, der Zug nach vorn stimmte, Philipp Lahm war Weltklasse, Jens Lehmann sicher, der unauffällige Hansi Flick ein souveräner Bundestrainer. Schnell war klar, welcher Superstar seiner Elf mehr Kraft gab: nicht der ins Affektierte spielende Wunderknabe Christiano Ronaldo, sondern der holzige Michael Ballack.

Es scheint, als brauchte die deutsche Elf in diesem Turnier erst unmenschlichen Druck, bis sie erwachsen spielt. Frings verletzt, Trainer Löw auf der Tribüne, die Bürde des 3. WM-Platzes, das K.o.-System – jeder hatte kapiert, dass nun Schluss war mit Eitelkeit und Gelusche.

Bastian Schweinsteiger war der beste Beweis dafür, dass Fußball auf Weltniveau kaum mehr von körperlichen Fähigkeiten bestimmt wird. Fit, schnell, ballgewandt sind sie alle. Es ist die Psyche, die die letzten Prozente Energie frei setzt. Nur wer vor Eifer brennt, der rennt schneller, als er kann. Schweinsteiger hatte das Match zur persönlichen Bewährungsprobe erklärt und sein Versprechen gehalten.

Wenn die Mannschaft ihren Spirit bewahrt, ist alles möglich: sogar ein Finale gegen Italien.

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