„Da kommt Krankl in den Strafraum – Schuss ... Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wear narrisch! Krankl schießt ein – 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals; der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch – wir busseln uns ab. 3:2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankl! (...) Und jetzt ist auuuus! Ende! Schluss! Vorbei! Aus! Deutschland geschlagen meine Damen und Herren. Nach 47 Jahren kann Österreich zum ersten Mal wieder Deutschland besiegen!“

Edi Finger, Radio-Kommentator des österreichischen Rundfunks

Um kurz nach 20 Uhr klingelt bei Hubert Deser in Burghausen das Telefon. „Wie schaut’s aus Hubert?“, will Philipp Landsberger wissen. „Machen wir’s jetzt gleich?“ Der 21-jährige Polizei-Hauptwachtmeister denkt sich: Es passt jetzt gerade so gut wie ein anderes Mal. „Dann mach wir’s doch gleich“, sagt Deser zu seinem Freund. „Ich komm zur Alten Grenzbrücke“.


Unter der Brücke am Stadtplatz fließt die Salzach. In der Mitte des Flusses verläuft die Grenze zum österreichischen Bundesland Oberösterreich. Die Alte Grenzbrücke führt hinüber zur Nachbargemeinde Hoch-Ach. Dorthin will auch Deser. Auf allen Vieren.


Der Grund ist eine Faschings-Wette. Im Februar hat der Beamte seinen Freunden versprochen: „Wenn Deutschland bei der Weltmeisterschaft in Argentinien gegen Österreich spielt und die Deutschen verlieren, krieche ich auf allen Vieren über die Grenzbrücke nach Hoch-Ach.“


Gegen 20 Uhr endet die ZDF-Übertragung des WM-Spiels in Argentinien. Deutschland hat 2:3 verloren. Der 1,82 Meter große und 95 Kilogramm schwere Polizist packt seine Sachen und fährt zur Brücke. Dort warten seine Freunde. Auch deutsche Zollbeamte stehen bereit. Schließlich muss trotz der WM-Euphorie alles seine Ordnung haben. Die Grenzer kontrollieren streng nach Vorschrift Desers Pass. Dann krabbelt der Bayer los.

"Buenos dias Argentina"

Auf der Brücke hupen und jubeln ihm die Autofahrer zu. Nach 20 Minuten erreicht Deser die andere Seite. Dort nehmen ihn zwei österreichische Zöllner in Empfang. Sie prüfen ebenfalls seinen Pass. Der lokale „Burghauser Anzeiger“ hat Reporter geschickt. Fotos mit dem krabbelnden Hubert Deser erscheinen am nächsten Tag unter der Überschrift „Polizeihauptwachtmeister überquert auf allen Vieren die Grenzbrücke“. Auch der "Bild"-Zeitung ist das eine Meldung wert.

Das Ereignis, das den Polizeihauptwachtmeister auf die Knie zwingt, hat sich wenige Stunden zuvor 12.000 Kilometer entfernt zugetragen. In Cordoba.

Cordoba ist die zweitgrößte Stadt Argentiniens. Die Bewohner nennen sie auch „ciudad de las campagnas“, wegen der vielen Kirchen. Die Stadt ist einer von sechs Spielorten der 11. Fußball-Weltmeisterschaft 1978. Das extra zur WM erbaute Stadion „Estadio Chateau Carreras“ fasst 46.932 Zuschauer. Sie werden aber bei den insgesamt acht Spielen nie benötigt. Im Schnitt kommen nur rund 30.000 Besucher ins Stadion.


Cordoba ist eine sehr deutsche Stadt. 4000 Auswanderer leben dort. Es gibt einen privaten deutschen Sender, der täglich für eine Stunde deutsche Schlager spielt. Auch das offizielle WM-Lied „Buenos dias Argentina“ ist dabei. Die DFB-Elf singt es zusammen mit Udo Jürgens. Ausgerechnet Udo Jürgens: Der ist doch Österreicher und kommt aus Klagenfurt.


Zwei original bayerische Bierhäuser veranstalten regelmäßig Jodelabende. Ein Goethe-Institut ist um die Pflege der deutschen Kultur bemüht. Beste Voraussetzungen also für die Fußball-Nationalmannschaft. Doch die ist noch lange nicht angekommen.

Als Titelverteidiger qualifiziert

„Er hat alles überspielt, meine Damen und Herren. Also das musst miterlebt haben. Und wartens noch ein bisserl, wartens noch ein bisserl; dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen. Jetzt hammer’s gschlagn!“

Juni 1977. Die deutsche Nationalmannschaft befindet sich auf einer Südamerika-Tournee. Sie ist eine Etappe auf dem Weg zur WM 1978, die ein Jahr später in Argentinien beginnen wird. Deutschland muss sich mit Freundschaftsspielen auf das WM-Turnier vorbereiten. Als Titelverteidiger von 1974 ist es automatisch qualifiziert. Die Reise wird sportlich ein großer Erfolg. Deutschland gewinnt gegen Argentinien 3:1, besiegt Uruguay, den Weltmeister von 1950, 2:0 und muss gegen Brasilien erst kurz vor Schluss den 1:1-Ausgleich hinnehmen. Das ist überraschend. Denn der DFB hatte sich im März von Franz Beckenbauer getrennt.

Der Libero und unumstrittene Kopf der Mannschaft ist zu Cosmos New York in der US-Profiliga gewechselt. Bundestrainer Helmut Schön, vor allem aber DFB-Präsident Hermann Neuberger nehmen ihm den Gang in die „Operettenliga“ (Neuberger) übel. Da spielt Schön lieber ohne ihn. Eine Entscheidung, die sich noch bitter rächen sollte.

Doch zunächst scheint alles wunderbar. Rolf Kramer, Reporter und TV-Kommentator des ZDF ist bei der Reise dabei. Er sagt sich: „Der Beckenbauer ist weg, aber die Mannschaft steht und ist erfolgreich. Worüber soll man sich also Sorgen machen? Alles bestens auf dem Weg zur Titelverteidigung.“ Auch der Vorstopper des Teams, Rolf Rüssmann, sieht das so. Er denkt nach dem Turnier: „Das kann jetzt so weitergehen bis zur Weltmeisterschaft“. Zumal die Mannschaft den Trend bestätigt: 1:0 gegen Finnland am 7. September und, noch viel wichtiger, 2:1 gegen Italien am 8. Oktober.

Der Streit geht weiter

Im November 1977 bricht der Streit um Beckenbauer aber richtig auf. Er vergiftet zunehmend das Klima. In der Mannschaft. In der Öffentlichkeit. Der „Kaiser“ und der DFB sprechen kaum miteinander. Aber fast täglich übereinander. Beckenbauer erklärt auf einer Pressekonferenz: „Ich würde sofort in Argentinien bei der WM für Deutschland spielen“. DFB-Boss Neuberger entgegnet darauf: „Der Franz muss erst den Bundestrainer anrufen.“

Ein Treffen Schön-Beckenbauer findet statt, aber ohne endgültige Klärung. Das Thema wird auf das Frühjahr vertagt. Denn selbst wenn der DFB Beckenbauer wieder spielen lassen wollte – er bräuchte erst die Freigabe von Cosmos New York für die Zeit von Mai bis Ende Juni 1978. In der US-Liga wird den Sommer durchgespielt. Die Amerikaner sind grundsätzlich nicht abgeneigt, wollen aber, dass der DFB Beckenbauers Gehalt, 24.000 Dollar für jeweils 14 Tage, zahlt.

Doch Neuberger sagt nach neun Länderspielen ohne Beckenbauer, aber auch ohne Niederlage: „Wir brauchen ihn nicht, denn die Mannschaft müsste sich ja erst wieder an ihn gewöhnen.“ Bundestrainer Helmut Schön macht sich zunehmend Sorgen, ist genervt. „Allmählich leidet das Betriebsklima in der Nationalmannschaft unter dem Beckenbauer-Rummel“, zürnt er. „Mit mir hat der Franz monatelang nicht gesprochen, hält aber fast jeden Tag eine Pressekonferenz ab, auf der er mal ja, mal nein sagt.“ Schön nennt den Fall Beckenbauer „die größte Enttäuschung seines Lebens“.

Teil 2: Die deutsche Elf und der "tote Hund"