Das ganze Ausmaß der Erleichterung kam im Torjubel zum Ausdruck. Nachdem Lucas Barrios den erlösenden Treffer zum 1:0 (1:0) in Mönchengladbach gelungen war, rannte der argentinische Stürmer der Borussia aus Dortmund über das halbe Feld zu einem grau melierten Herren an der Seitenauslinie und sprang ihm in die Arme. Paulo Rodrigues, so der Name des Herren, ist Barrios’ Dolmetscher. „Er hat mir in den schweren Zeiten, die hinter mir liegen, unheimlich geholfen“, erklärte Barrios die überschwängliche Reaktion nach seinem ersten Saisontor.
Rodrigues hatte dem kurz vor Saisonbeginn aus Chile verpflichteten Torjäger, über dessen Bundesliga-Tauglichkeit bereits kontrovers diskutiert wurde, immer wieder eingebläut, worauf es in Deutschland ankomme, so Barrios: „Trabajo, trabajo, trabajo.“ Also: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Doch an das intensive Spiel der Liga hatte er sich erst gewöhnen müssen.
Genauso wie Jürgen Klopp nach den größtenteils guten Leistungen der Vorsaison seine Mannschaft erst wieder daran erinnern musste, wie zweckmäßiger Fußball auszusehen hat. „Wir haben nicht die Sterne vom Himmel gespielt“, sagte der Trainer, der nach dem schwachen Saisonstart mit nur einem Sieg und gerade sechs Torerfolgen selbst erstmals seit Amtsantritt im Sommer 2008 in die Kritik zu geraten schien, „aber wir haben auch nicht gerade vor Selbstvertrauen gestrotzt. Wir haben ein Tor geschossen und keines kassiert – mehr wollten wir nicht.“ Es war zwar ein äußerst schmuckloser Erfolg, doch für das Innenleben des Traditionsvereins war der erste Auswärtssieg extrem wichtig.
Denn so bleiben Klopp und seinen Spielern in den kommenden Wochen zermürbende Selbstzweifel und gegenseitige Schuldzuweisungen erspart. „Wir wussten vorher, dass es ein Drecksspiel wird“, sagte Außenverteidiger Patrick Owomoyela, der neben Innenverteidiger Mats Hummels bester Dortmunder war, „aber wir mussten es gewinnen, egal wie.“ Die Profis hätten in den vergangenen Tagen „massiven Druck“ verspürt, sagte Stürmer Nelson Valdez.
Die Spuren der „Ergebniskrise“, wie Sportdirektor Michael Zorc die Phase des gründlich misslungenen Saisonauftaktes bezeichnet hatte, waren auch am Samstagabend zu sehen. Trotz der Führung durch den Drehschuss von Barrios (38. Minute) aus 21 Metern hatten die Dortmunder nicht die mentale Stärke, um entschlossen auf das zweite Tor zu drängen. Die Sicherheit in den Offensivaktionen habe gefehlt, bemängelte Zorc. Immerhin, stellte Klopp erleichtert fest, habe seine Mannschaft die Nerven bewahrt und nicht wie in den vergangenen Wochen frühzeitig mit langen Pässen gearbeitet. Dadurch hätten die Dortmunder auch in der Schlussphase eine „kompakte Formation“ auf dem Feld gehabt, gegen die die Gladbacher kaum Torgefahr entwickeln konnten.
Für Jürgen Klopp muss der Erfolg in Mönchengladbach auch eine persönliche Genugtuung gewesen sein. Der 42-Jährige hatte sich über die mehr oder weniger offen geäußerten Zweifel an seiner Fähigkeit zum Krisenmanagement geärgert. „Ich bin kein Schönwettertrainer“, hatte er erklärt und sich gegen Befürchtungen zur Wehr gesetzt, er habe nicht ausreichend Erfahrung im Umgang mit schwierigen Situationen.
"Wir haben auch eine junge Mannschaft"
Der Vorwurf, er könne die bedrohliche Lage in Dortmund unterschätzen, weil er bei seinem früheren Arbeitgeber 1. FSV Mainz 05 nur eine ruhige, fast familiäre Atmosphäre gewohnt war, regte ihn auf. „Ihr seid doch das Umfeld“, beschied er Journalisten und beschwerte sich darüber, dass in der Berichterstattung immer wieder die aus wirtschaftlichen Gründen angebrachten Verkäufe von Leistungsträgern wie Mladen Petric und Alexander Frei thematisiert worden waren: „Das macht es der Mannschaft nicht leichter.“ Auch dürfte es Klopp geärgert haben, dass ausgerechnet der Erzrivale aus Schalke, gegen den seine Mannschaft vor einer Woche unglücklich 0:1 verloren hatte, zumindest im sportlichen Bereich derzeit ausschließlich positiv dargestellt wird – inklusive Schwärmerei über Jugendstil. „Wir haben auch eine junge Mannschaft“ hatte Klopp fast trotzig gesagt.
In Mönchengladbach jedenfalls wirkte die junge Dortmunder Mannschaft so, als ob sie sich auch taktisch einiges von den Schalkern des Meistertrainers Felix Magath abgeschaut hätte: Sie spielte pragmatischen Ergebnisfußball und hatte damit Erfolg. Der war auch nötig, damit BVB-Cheftrainer Jürgen Klopp weiter in Ruhe an seinem langfristigen Konzept von einer offensiv spielenden und die Anhänger begeisternden Mannschaft arbeiten kann.





