Nach zehn Minuten hielt Ralf Rangnick inne, rieb sich die Augen und zählte durch. Nein, alles korrekt, elf gegen elf. Glauben mochte er es trotzdem nicht. Wo er oder seine Mitspieler auch auftauchten, immer stürzten sich mindestens drei Russen auf den ballführenden Spieler, der entsprechend schnell vom runden Leder getrennt wurde. So etwas hatte Rangnick, damals 26 Jahre alt, noch nicht gesehen. Es sollte ihn für das Leben prägen.
1984 hatte Rangnick, Spielertrainer bei Victoria Backnang, ein Freundschaftsspiel gegen Dynamo Kiew vereinbart. Zwar waren seine Spieler Amateure, doch sie hatten durch die guten Kontakte ihres Anführers schon des Öfteren gegen Profis gespielt. So zugesetzt wie Kiew hatte ihnen allerdings noch keine Mannschaft zuvor.
„Das war ein Schlüsselerlebnis für mich“, sagt Rangnick heute. Er stützt die Ellbogen auf seinen Schreibtisch und blickt schräg nach oben Richtung Himmel. Sein Büro ist im Keller der Hoffenheimer Geschäftsstelle, durch die kleinen Fenster fällt nur wenig Tageslicht in den Raum. Er erinnere sich genau an jenen kalten Wintertag im Februar 1984, sagt der 51-Jährige, als er eine Vorstellung des perfekten Spiels bekam: „Du hast den Ball angenommen und hattest sofort das Gefühl, gehetzt und umzingelt zu sein. Im Nachhinein wurde mir klar, dass Kiews Trainer Waleri Lobanowski seinem Team ein so intensives Pressing beigebracht hatte, dass sie in Ballnähe ständig in Überzahl waren.“
Rangnick hat diese Erkenntnis nie mehr losgelassen. Er besuchte Kiew anschließend im Trainingslager, sog die Eindrücke in sich auf. Spätestens da reifte in ihm ein Wunsch: Er wollte das auch, wollte seiner Mannschaft zur totalen Dominanz verhelfen. Er wollte das perfekte Spiel.
Vielleicht ist es eine Illusion, vielleicht jagt er seinem Ideal nach wie ein Mathematiker der Zahl Pi; jener Kreiszahl, die unendlich viele Stellen hinter dem Komma hat und deren Perfektion man sich immer nur ein Stück weiter annähern kann – derzeit auf 1,2 Billionen Stellen nach dem Komma. Aber der Weg ist das Ziel, hier wie dort, und jeder Schritt in die richtige Richtung ist ein kleiner Triumph.
Ja, das perfekte Spiel strebe er an, sagt Rangnick, „mit dem Ball und gegen den Ball“. Im perfekten Spiel, da lasse man die Gegner nicht in die Nähe des eigenen Tores, gestatte keine Chancen und spiele sie im Minutentakt aus. „Vergangene Saison in der Vorrunde kamen wir dem Ideal manchmal nahe, aber unsere Aufgabe ist es, immer zu gucken, wie weit wir davon weg sind, wo es noch mangelt“, sagt er.
Projekt Hoffenheim
2008 wirbelte Aufsteiger Hoffenheim die Beletage des deutschen Fußballs gehörig durcheinander. Die TSG überwinterte auf Platz eins und schockte die Konkurrenz mit begeisterndem Offensivfußball. Reflexartig verwiesen zahlreiche Vereinsmanager auf die finanziellen Möglichkeiten, die Hoffenheim dank seines Mäzens Dietmar Hopp habe. Dass vom Geld des SAP-Gründers Spieler wie Carlos Eduardo, Demba Ba und Chinedu Obasi gekauft wurden, die viele der nörgelnden Manager-Kollegen bis dato nur vom Hörensagen kannten, blieb unerwähnt. Ebenso das Risiko, das Trainer Rangnick mit seinem Engagement in Hoffenheim eingegangen war.
Stars waren keine da, als Rangnick 2006 zurück ins nördliche Baden-Württemberg kam. Er stammt aus Backnang, das 70 Kilometer von Hoffenheim entfernt liegt. Seine Frau und beide Söhne blieben dort, als er auszog, dem deutschen Fußball etwas beizubringen. Ulm, Stuttgart, Hannover und Schalke waren seine Stationen, er war etabliert in der Bundesliga, als ihn der Ruf Dietmar Hopps erreichte.
Ob er sich vorstellen könne, den Regionalligisten TSG Hoffenheim zu übernehmen, fragte der Milliardär. Rangnick stutzte: Sicher, das Projekt war attraktiv, finanziell waren keine Grenzen gesetzt. Er hatte freie Hand, durfte sogar den Manager aussuchen. Aber wäre er in der dritten Liga gescheitert – sein Ansehen hätte erheblich gelitten, da gab sich Rangnick keinen Illusionen hin. Er wusste: Nicht wenige, mit denen der streitbare Trainer in seiner Karriere aneinandergerasselt war, hätten sich gefreut.
Den Ausschlag gab die Nähe zur Familie: „Vorher war ich eine Art Handlungsreisender, nun konnte ich wieder permanent bei meiner Familie leben. Das war ein entscheidender Grund, nach Hoffenheim zu gehen. Wenn Hoffenheim 500 Kilometer weit von meiner Heimat entfernt gewesen wäre, hätte ich wohl nicht zugesagt.“
So wuchs zusammen, was zusammengehört. „Im Nachhinein kann man sagen, dass das ,Projekt Hoffenheim‘ wie gemacht für mich war. Ich hatte auch nie Zweifel, aber mir war es bewusst, dass ich ein großes Risiko eingegangen bin. Vor allem, als wir nach vier Spielen in der Regionalliga mit zwei Punkten auf Platz 17 standen. Da habe ich durchgepustet und gedacht: ‚Puh, da haben wir noch einiges zu tun.‘“
Aus der Regionalliga ins Oberhaus
Rangnick baute eine Mannschaft auf, die in zwei Jahren aus dem Tabellenkeller der Regionalliga ohne Zwischenstopp an die Spitze der Bundesliga durchmarschierte. Auch wenn die Mannschaft in der Rückrunde noch aus den Europapokalplätzen stürzte, etablierte sich lange kein Aufsteiger mehr so souverän in der Eliteklasse. In der laufenden Saison hat die TSG nach mäßigem Start Fahrt aufgenommen, die vergangenen fünf Pflichtspiele wurden gewonnen. Dennoch hat Rangnick kein klares Saisonziel ausgegeben. „Ganzjahres-Kontinuität auf hohem Liganiveau“ wolle er sehen, sagt der Trainer.
Rangnick schaut auf die Taktiktafel, die in seinem Büro hängt. Etablierte Namen stehen dort mittlerweile: Josip Simunic, Timo Hildebrand und Vedad Ibisevic. Wer mit ihm spricht, kommt am Thema „Taktiktafel“ ohnehin nicht vorbei. Spätestens, seit er 1998 einen legendären Auftritt im ZDF-„Sportstudio“ hatte, wo er an solch einer Tafel die Wirkung einer Vierer-Abwehrkette erläuterte, hat er seinen Ruf als „Fußball-Professor“ weg. Was damals verspottet wurde von denen, die ihre Mannschaften mit Libero und Vorstopper verteidigen ließen, ist heute Standard im Fußball.
Es habe ihn schon gewundert, wie vehement damals auf seine Ausführungen vor laufender Kamera reagiert wurde, sagt Rangnick. Vielleicht hätte er wissen müssen, dass sich deutsche Fußballexperten nicht gern belehren lassen, schon gar nicht von einem nassforschen Zweitligatrainer aus Ulm. Vielleicht war es ihm aber auch egal, was andere über ihn denken – damals wie heute. Schließlich folgt er nur seiner Berufung.
Forschen nach der Formel
Schon im Alter von sechs Jahren teilte er die Teams ein, wenn sich die Jugend auf Backnangs Straßen zum Kicken traf: „Mit sieben hat mein Vater mich dann in einen Verein geschickt, damit ich auch mal sehe, dass es noch andere Gute gibt.“ Mit 19 Jahren machte er den B-Schein, ein Jahr später die A-Lizenz: „So habe ich schon in jungem Alter die Sichtweise des Trainers kennengelernt und konnte sie mit der Sichtweise des Spielers der ich ja auch noch war, vergleichen. Mit 25 Jahren habe ich die Ausbildung zum Fußball-Lehrer absolviert, war mit Abstand jüngster Teilnehmer des Lehrgangs. Da war mir durch gewisse Begegnungen klar, dass ich Trainer werden wollte.“
Die „gewissen Begegnungen“ war eine Gruppe von Trainern, die sich zweimal im Jahr trafen und Schulungsprogramme für andere Trainer entwickelten. „Zu diesem Lehrstab bin ich mit 20 Jahren gestoßen. In diesem Kreis entstand die Sichtweise, weg von der damals praktizierten Manndeckung hin zur addierenden, ballorientierten Raumdeckung zu gehen.“
Das klingt nach okkultem Zirkel, doch Rangnicks Zweifel am bestehenden Taktiksystem waren begründet: „Als Spieler wurde ich damals meist eingesetzt, um den gegnerischen Spielmacher auszuschalten.“ Anschließend wunderte er sich, wenn er in der Fachpresse gute Noten bekam, obwohl er nur fünf Mal am Ball war: „Wie kann das sein, obwohl ich eigentlich am Spielgeschehen nicht aktiv teilgenommen habe? Da wurde mir klar, dass das auch anders gehen muss. Ich wollte meiner Mannschaft mit einer anderen Spielweise Vorteile verschaffen.“
Seitdem forscht er nach der Formel für das perfekte Spiel.




