Selbst die sonst zelebrierte Verabschiedung von den eigenen Fans wirkte eher distanziert. Statt wie sonst nach Schlusspfiff üblich vor die Südtribüne zu laufen, blieben die Spieler von Borussia Dortmund diesmal auf halber Strecke stehen. Auch Jürgen Klopp, der eigentlich als Synonym für Aufbruchstimmung am östlichen Rand des Ruhrgebiets gilt, wirkte niedergeschlagen. „Wir sind maßlos enttäuscht über das Ergebnis“, sagte der Trainer von Borussia Dortmund nach dem 0:1 (0:1) gegen Schalke 04. Von der Eloquenz, die ihn sonst auszeichnet, war nach dem 134. Revierderby nichts zu spüren. „Es war ein wildes Spiel, ein richtiges Derby. Aber unsere Bemühungen haben nicht ausgereicht, Mehr gibt es nicht zu sagen.“
Es bedarf auch nicht vieler Worte, um die Lage von Borussia Dortmund zu beschreiben. Klopps Mannschaft hat den schlechtesten Saisonstart seit 24 Jahren hingelegt, ist nach der zweiten Heimniederlage in der Nähe der Abstiegsränge gerutscht – es droht der frühe Verlust jeglicher Chancen auf eine Teilnahme am internationalen Wettbewerb. Der BVB, der in der vergangenen Saison nur knapp den Einzug in die Europa League verpasst hatte und vor Saisonbeginn von Franz Beckenbauer sogar als Geheimfavorit auf den Titelgewinn gehandelt worden war, ist hinter dem Erzrivalen Schalke und dem VfL Bochum derzeit nur noch die Nummer drei im Revier. Das schmerzt natürlich.
Dabei zeigte das Team am Samstag die Tugenden, die die Anhänger sehen wollen. Lauf- und kampfstark hatten sich die Dortmunder zu Beginn der Partie präsentiert und sich so einige gute Chancen erarbeitet. Doch wieder einmal versagten den Angreifern die Nerven. Mohamed Zidan und Lucas Barrios konnten selbst größte Möglichkeiten nicht nutzen.
Es ist die Häufung der Negativerlebnisse, die die Mannschaft derzeit verunsichert. So hatte ein abgefälschter Fernschuss von Barrios (28. Minute), der von der Unterkante der Latte nur auf die Torlinie und eben nicht ins Tor sprang, eine verheerende Wirkung auf die Psyche der Borussen: Fortan agierten sie häufig kopflos, verloren ihre spielerische Linie und begünstigten durch fahrlässiges Abwehrverhalten das Schalker Führungstor durch Jefferson Farfan (31.). In der Folge agierten sie gegen die kompakte Schalker Deckung mitunter planlos – als Kreativität gefragt war, wurden lange Bällen nach vorn geschlagen. „Ich denke, dass das schlechtere Team gewonnen hat“, sagte Defensivspieler Mats Hummels und offenbarte damit einen in der Mannschaft verbreiteten Denkfehler: Cleverness und taktische Variabilität, die die Schalker trotz spielerischer Mängel an den Tag gelegt hatten, gehen den Dortmundern nicht nur ab. Es ist offenkundig, dass es an Führungsspielern, die den Aktionismus der jüngeren Akteure in die richtigen Bahnen lenken könnten, derzeit fehlt. Es sei zu merken, dass es sich nicht um eine „gestandene Mannschaft“ handelt, sagte Torhüter Roman Weidenfeller: „Wir brauchen so jemanden wie Sebastian Kehl, der uns auf dem Platz führt.“ Doch der Kapitän wird mit einer Adduktorenverletzung wohl noch länger ausfallen.
Riskante Einkaufspolitik
Auch Alexander Frei wäre jemand gewesen, der dem Spiel Struktur hätte geben können. Doch der zwar langsame aber ballsichere Schweizer Torjäger wurde kurz vor Saisonbeginn verkauft und durch den unerfahrenen Barrios ersetzt. Zidan, Nelson Valdez und Dimitar Rangelov sind überhaupt nicht in der Lage, einen Ball zu halten und das Tempo zu variieren. Es wurde eine riskante Personalpolitik betrieben, wie auch Klopp mittlerweile festgestellt haben dürfte. Des Trainers Vorstellungen von „Vollgasveranstaltungen“ auf dem Platz versprechen zwar ein gewisses Spektakel, gehen aber wegen der Unreife des Teams noch zu häufig auf Kosten der Sicherheit.
Diese zu erlangen, muss das vordringlichste Ziel für Klopp sein, der derzeit seine erste ernst zu nehmende Krise in seiner Laufbahn durchlebt. Im beschaulichen Mainz konnte er langfristig eine Mannschaft nach seinem Gusto formen, weil er sich auch nach drei verpassten Aufstiegen auf ein ruhiges Umfeld verlassen konnte. In Dortmund sind die Ansprüche dagegen wesentlich höher.
Es ist auch ein wenig der Fluch der guten Tat, weil die Mannschaft in der vergangenen Saison oft begeisternden Fußball gezeigt hatte. „Dass es jetzt durchaus ein bisschen rauer wird, ist vollkommen klar“, beschrieb der 42-Jährige die angespannte Situation, die für ihn zu einer echten Bewährungsprobe werden könnte. „Wenn sich jemand nicht aus der Spur werfen lässt, dann sind wir das“, kündigte Klopp trotzig eine Wiederauferstehung an: „Wir werden uns da rausziehen und ich bin mit ziemlich sicher, dass uns das gelingen wird.“ Vor der Fantribüne wurde am Samstag jedenfalls ein anderer Trainer gefeiert. Felix Magath durfte mit den Schalker Anhängern die Welle machen. Das Magath im Gegensatz zu Klopp eher zweckmäßigen Fußball spielen lässt, störte die nicht. Denn er ist erfolgreich.





