Sönke Wortmann

"2006 war der schönste Sommer des Lebens"

| Lesedauer: 6 Minuten
Lars Gartenschläger

Bei den Spielern flossen Tränen, bei den Fans auf den Tribünen und bei Millionen vor den Bildschirmen und Leinwänden auch. Das Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM vor einem Jahr gegen Italien beendete den Titeltraum. Im Interview mit Morgenpost Online erinnert sich Sönke Wortmann, der Regisseur von "Deutschland, ein Sommermärchen".

Morgenpost Online: Am 30. Juli kommt „Projekt Gold“ in die Kinos, ein Dokumentarfilm über die deutschen Handball-Weltmeister. Sind Sie gespannt auf das, was Ihr Kollege gemacht hat?

Sönke Wortmann: Ja, den Film schaue ich mir definitiv an.

Morgenpost Online: Die Handballer hatten ein Happyend, für die Fußballer endete der Traum vom WM-Titel im Halbfinale.

Wortmann: Was für eine bittere Niederlage. Aber ich fand, dass es mit dem Spiel um Platz drei gegen Portugal (3:1, d. Red.) dann doch ein Happyend gab. Wobei ich gestehen muss, dass es für den Film so, wie es gelaufen ist, viel besser war. Denn zu einem guten Film gehört ja auch eine Portion Tragik.
Morgenpost Online: Was hatten Sie vor dem Spiel für ein Gefühl?
Wortmann: Eigentlich ein gutes. Der 4. Juli ist ja quasi „unser“ Tag: Da fand 1954 das Endspiel in Bern statt. Diesmal war der Spielort Dortmund, wo die deutsche Elf zuvor noch nie verloren hatte. Alle Zeichen sprachen für einen Sieg und ich war mir sicher, dass sie den auch schaffen.

Morgenpost Online: Wie lief der Tag ab?

Wortmann: Die Stunden bis zum Anstoß um 21 Uhr kamen mir vor wie eine Ewigkeit. Das hat sich alles so hingezogen. Ich merkte eine gewisse Nervosität, aber keine Hektik. Und dann passierte etwas, was ich im Nachhinein – vielleicht auch schon unmittelbar danach – als ein schlechtes Zeichen empfand. Regisseure und Fußballer sind ja auch ein bisschen abergläubig. Vor der Abfahrt ins Stadion haben die Spieler immer einen sogenannten Motivationsfilm gesehen. Doch dieses Mal streikte der DVD-Player. Erst als wir ihn ausgetauscht hatten, lief der Film.

Morgenpost Online: Und danach ging es ins mit 80.000 Zuschauern voll besetzte Stadion.

Wortmann: Die Mannschaft war zwei Stunden vor Anpfiff da und bei der Platzbesichtigung vor den Italienern auf dem Platz. Als der Gegner kam, machte er etwas Ungewöhnliches: Die Italiener gingen nicht auf die freie Spielhälfte, sondern auf die, wo die Deutschen waren. Später dachte ich mir, dass ihnen das bestimmt der Trainer empfohlen hatte, um damit vielleicht zu suggerieren, dass sie keine Angst haben. Ich will damit nicht sagen, dass solche kleinen Dinge Spiele entscheiden. Aber Kleinigkeiten wie diese gehören dazu.


Morgenpost Online: Und dann sind 119 Spielminuten vorbei, als die Italiener 1:0 in Führung gehen.

Wortmann: Als das Tor gefallen war, dachte ich sofort an die Historie und glaubte, dass wir noch einmal zurückschlagen können. In der Vergangenheit hatte das ja oft geklappt. Doch dann fällt das zweite Tor und alles ist aus. Es war eine Schockstarre, die dann eingesetzt hat. Bei mir und auch bei allen Betreuern.

Morgenpost Online: Wie haben Sie die kollektive Trauer erlebt.

Wortmann: Natürlich weiß ich noch, dass der eine oder andere Spieler geweint hat. Der Titel war weg, der Traum vorbei. Aber die Mannschaft ist ja draußen auf dem Rasen dann noch einmal richtig gefeiert worden. Die Schockstarre setzte erst in der Kabine ein. Da hat dann keiner mehr ein Wort gesprochen. Es war total still.

Morgenpost Online: Und Sie mittendrin. Wie schwierig war der Spagat für Sie, auf der einen Seite mitzufühlen, aber gleichzeitig auch einen Film zu drehen?

Wortmann: Auf dem Platz fühlte ich mich nicht in der Lage zu drehen. Und auch in der Kabine hatte ich anfangs Lähmungserscheinungen. Da war mir die Kamera einfach zu schwer. Nach einer gewissen Zeit musste ich mich quasi zwingen, auch diese Momente festzuhalten. Und es war wichtig, weil ich die Dinge ja auch so zeigen wollte, wie sie sind. Doch ich hatte ein wenig Bedenken, dass mal irgendeiner aufsteht und sagt: Mach das Ding aus. Es hat aber keiner etwas gesagt. Und ich finde, das zeigt die Größe dieser Mannschaft. Die hat sich nicht nur im Sonnenlicht filmen lassen, sondern auch im Moment der Niederlage.

Morgenpost Online: Sie sagten, Tragik gehört zu einem guten Film.

Wortmann: Im Kino geht es um Gefühle. Und Gefühle sind eben nicht nur positiv. Ich glaube, die Leute haben es gern, wenn es emotional ist. Je mehr, desto besser.

Morgenpost Online: Denken Sie noch oft an die Zeit mit der Nationalelf?

Wortmann: Hin und wieder. Es sind damals viele schöne Dinge passiert, die ich nie vergessen werde. Dieser Sommer war grandios. Von vielen habe ich gehört, dass es der schönste Sommer ihres Lebens war.

Morgenpost Online: Besteht noch Kontakt zu den Protagonisten?

Wortmann: Bedingt durch meinen Wohnort sehe ich ab und an mal die Spieler, die im Westen aktiv sind. Dann lese ich viel und höre einiges, so dass ich weiß, dass David Odonkor ein bisschen Heimweh hat und was einige so bewegt. Und wenn es sich ergibt, sage ich auch gern mal bei der Mannschaft „Guten Tag“. Aber ich beanspruche keinen Stammplatz, nur weil ich vor einem Jahr mal ganz nah an dem Team war.

Morgenpost Online: Würden Sie einen solchen Film noch einmal drehen?

Wortmann: Ich finde, so eine Dokumentation sollte eine einmalige Sache sein. Anderenfalls würde das Ganze zu beliebig werden und seinen besonderen Charakter verlieren.